Bild oder die Macht der Bilder

Bild oder die Macht der Bilder
Die Bild-Zeitung führte uns in dieser Woche eindrucksvoll die Macht der Bilder vor Augen. Interessanterweise setzte sie dazu ausgerechnet ihre Abwesenheit ein. Das ganze Blatt zierte kein einziges redaktionelles Foto. Die Begründung der Redaktion „Wir wollten damit zeigen, wie wichtig Fotos im Journalismus sind. Denn Fotos können beweisen, was Mächtige verstecken wollen. Sie wecken Emotionen in uns. Sie zeigen schöne Momente, aber auch grausame. Sie lassen uns mit anderen Menschen mitfühlen.“ Wir als Fotografen werden dem zweifellos zustimmen. Nicht umsonst hat sich die Redewendung „Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte“ in der Umgangssprache festigen können. Leider hört die Bild-Zeitung aber genau bei dieser Binsenweisheit auf. Was aber sollte aus dieser Einsicht folgen? Genau da fängt die spannende Debatte an.

Müsste es nicht bedeuten, dass wir und alle Redaktionen diejenigen, die in Krisengebieten ihr Leben für das ehrliche Bild riskieren, höher wertschätzen – auch monetär? Fakt ist aber, dass die Honorare seit Jahren rückläufig sind – auch bei der Bild-Zeitung. Genau das kritisierte auch der Freelens-Verband Geschäftsführer Lutz Fischmann.

Müsste es nicht auch der Anlass sein, über gute und schlechte Bilder zu sprechen? So wie ein gutes Bild mehr als 1.000 weise Worte sagt, kann ein schlechtes auch so geschwätzig sein wie eine aufdringliche Radiowerbung. Blättert man die bilderlose Bild-Zeitung durch, stellt man fest, wie häufig die Artikel auch gut ohne Fotos auskommen. Es fällt einem überhaupt erst auf, wie häufig Aufnahmen zur simplen Illustration verkommen sind, die leicht konsumierbar Aufmerksamkeit auf sich ziehen sollen. Das gilt nicht nur für die Bild-Zeitung, sondern auch für zahlreiche andere Publikationen.

Noch schlimmer als nichtssagende sind sensationsheischende Fotos, die einzig der Steigerung der Auflage und der Befriedigung der Sensationsgier oder des Voyeurismus dienen. Hier würden wir uns von den Medien wünschen, dass bei solchen Motiven vor dem Abdruck hinterfragen würden, ob sie ein für die Gesellschaft langfristig positives Ziel verfolgen. Wenn es etwa um die Veränderung von unhaltbaren Zuständen ist, dürfen in unseren Augen auch mal aufrüttelnde und anklagende Bilder veröffentlicht werden.

Geht es aber wie etwa bei den Aufnahmen vom Germanwings-Piloten Lubitz nur darum, der Sensationslust ein Gesicht zu geben und ist kein positives Ziel erkennbar, lehnen wir eine Veröffentlichung ab. Das gilt besonders, wenn eine Veröffentlichung noch größeres Leid nach sich zieht. Lubitz‘ Eltern wurden durch die Veröffentlichung ihres Hauses gewiss noch größere Schmerzen zugefügt als sie durch die unfassbare Tat sowieso schon erleiden. Insofern wünschen wir uns von Bild-Zeitung und den anderen Yellow-Press-Blättern mal eine Ausgabe mit ausschließlich „guten“ Fotos. Ganz ohne sensationsgierige, ohne beliebige und ohne rein voyeuristische. Aus der Erkenntnis, dass Bilder ein mächtige Waffe sind, kann in unseren Augen nämlich nur folgen, dass man sich sehr genau überlegen sollte, wann man sie einsetzt.

Der Appell geht aber nicht nur an die Medien-Produzenten, sondern auch an uns Bilder-Konsumenten: Wir sollten uns besonders bei aufrüttelnden Fotos fragen, welche Agenda die Journalisten verfolgen. Auch sollten wir nicht blind der Macht der Bilder aufsitzen, sondern müssen lernen, uns nicht von ihnen blenden zu lassen. Wir sollten üben, manipulierte Bilder als solche zu erkennen. Aber da sind wir schon beim nächsten Thema.

Aufgegriffen 09 / 2015

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4 Kommentare

Verlage spielen mit Bildern, lenken uns auf Beiträge die inhaltlich oftmals nicht zusammenpassen. Schlimm ist, wie sich Verlage, Parteien etc. bei irgendwelchen Bildagenturen der gleichen/ähnlichen Bildern bedienen. Es wäre begrüßenswert, wenn Fotoredakteure verstärkt wieder zum Zuge kämen. Aber von diesen trennen sich zunehmend die Zeitungsverlage aus Kostengründen. Gute Bilder werden zunehmend zur Mangelware. Hier wird womöglich eine Berufsgruppe an Fotografen aussterben die ich als wichtig erachte.

von Wolle
14. September 2015, 17:22:33 Uhr

Bin kein Freund der Bild Zeitung. Die Aktion verhilft aber über den Umgang mit Bildern und wie diese Missbraucht werden nachzudenken. Als wichtig erachte ich auch inwieweit man solche Blätter mit seinen Fotos unterstützt die sich auf der anderen Seite von ihren Bildredakteuren trennen.

von Paula R.
10. September 2015, 21:46:23 Uhr

Finde ich ein ganz schwieriges Thema - oft wollen ja die Leser auch einfach solche Fotos sehen: Immer näher ran, immer privatere Aufnahmen von Promis... Die Diskussion gab es vor Jahren schon nach dem Tod von Lady Di und jetzt eben wieder nach dem Foto des toten Flüchtlingsjungen... Glaube nicht, dass da wirklich bei den Medien ein großes Umdenken stattfinden wird.

von Ralf H.
10. September 2015, 12:57:13 Uhr

Danke! Wichtiges Thema. Fand die Aktion auf den ersten Blick auf cool, aber beim zweiten Nachdenken fällt einem dann auf, dass es eigentlich doch vor allem eine Aktion war, die auf den Effekt abzielte. Für einen wichtigen Aspekt - den der Artikel noch nicht anspricht - halte ich auch noch die Leserreporter. Wer als solcher voyeuristische Bilder etwa von Unfällen abliefert und dabei die Rettungskräfte womöglich noch behindert, ist keinen Deut besser.

von Petra Vogt (Fotolotsin)
10. September 2015, 12:54:12 Uhr

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