Sensationsfotografie – Braucht es neue Gesetze?

Helfen oder weiterfahren – Am Unfallort haben Abenteuerknipser nichts verloren

Sensationsfotografie – Braucht es neue Gesetze?
Meistens kommt die Alarmmitteilung zur ungünstigsten Zeit. Typischerweise um 3 Uhr am Sonntagmorgen reißt es den Pressefotografen aus dem Tiefschlaf: Diskounfall. Ein Auto um den Baum gewickelt, zwei junge Leute tot. Nichts, wofür man gerne aufsteht. Die schlaftrunkenen Handgriffe auf dem Weg zur Wohnungstür sind Routine: Akku- und Speicherkarten-Check; das Stativ muss noch mit und natürlich die Signalweste mit dem “Presse”-Aufdruck.

Irgendwo in der deutschen Provinz hat zu dieser nächtlichen Stunde der Unfall etwa 50 Menschen in Bewegung gesetzt: Feuerwehrleute, Rettungsdienst, Polizei, Staatsanwalt, Notfallseelsorger, Bestatter, Abschleppunternehmen. Und den Fotografen der Kreiszeitung, der die meisten dieser 50 mit dem Vornamen ansprechen kann. Und der auf der Anfahrt schon weiß, was ihn wieder einmal erwartet: lärmende Stromgeneratoren, betretene Mienen und der Geruch von Motoröl, den zerfetzte Autowracks verströmen.

Die Absperrposten lassen das Auto des Fotojournalisten passieren. Der achtet im Gegenzug darauf, dass er sein Fahrzeug so abstellt, dass kein Einsatzwagen behindert werden könnte. Man kennt sich; weiß, dass jeder seinen Job machen muss. Smalltalk mit dem Einsatzleiter: „Schon wieder dieser Kurve.“ „Schöne Scheiße!“ Etwas in der Art. Und die Zusage, dass die Feuerwehr ein paar der Bilder für Ausbildungszwecke und die Chronik bekommt. Die Aufnahmen später in der Zeitung und in deren Online-Portal zeigen, was passiert ist, aber mit demselben respektvollen Abstand zu den Beteiligten, wie ihn auch der Fotograf nachts am Unfallort pflegt. Es sind keine Verletzten oder Toten zu sehen, keine geschockten Freunde oder Angehörige, keine Nummernschilder.

Szenenwechsel: Eine Unfallstelle auf der Autobahn. Auch hier gibt es Tote. Helfer kümmern sich um Verletzte. Die Gegenfahrbahn wäre eigentlich nicht betroffen, und trotzdem staut sich der Verkehr dort ebenfalls. Gaffer zuckeln mit Kriechgeschwindigkeit an dem Schlachtfeld vorüber, auf dem es zweifellos etwas zu sehen, gibt. Jedenfalls für sensationslüsterne Zeitgenossen. Welche auch immer öfter nicht nur die Hälse recken, sondern dazu noch ihre Smartphones zücken und ungeniert draufhalten. Möchte man das selbst erleben? Schwer verletzt auf einer Krankentrage von einem ganzen Bus vorüberrollender Schüler fotografiert zu werden. Wir meinen: Nein!

Abgesehen davon, dass Fotografieren durch Schaulustige in diesen Situationen unangebracht erscheint, klagen Rettungsdienste und die Polizei darüber, dass private Sensationsknipser bei Rettungsarbeiten im Weg stehen oder eben den Verkehrsfluss an einer Autobahnunfallstelle behindern. Schlimmstenfalls kann das Auffahrunfälle auch auf der Gegenfahrbahn provozieren. Ein Zwischenfall mit Handy-Knipsern an einer Unfallstelle in Niedersachsen hat nun ein politisches Nachspiel und könnte in ein strafbewehrtes Fotografierverbot von Unfällen durch Nichtjournalisten münden. Zumindest hat der Innenminister von Niedersachsen, Boris Pistorius, merklich verstimmt eine Gesetzesinitiative angekündigt: „Das ist unanständig und es verstößt gegen die Menschenwürde, Opfer von Unfällen oder Straftaten zu filmen oder zu fotografieren und muss deswegen unter Strafe gestellt werden.“

Pistorius griff auch die Frage nach dem Verbleib der Aufnahmen auf. Denn was passiert denn mit diesen Bildern auf den Smartphones? Die mit den verbeulten Autos. Oder mit der Blutlache nach der Messerstecherei. Oder mit den panischen Menschen auf dem Balkon ihres brennenden Hauses. Mit dem Ertrunkenen, der gerade aus dem Badesee gezogen wird. Oder mit dem angeblichen Gewalttäter, der gerade – vielleicht unschuldig – abgeführt wird. Solche Aufnahmen bleiben ja nicht nur im Speicherchip und werden allenfalls auf dem Display herumgezeigt. Sie werden meistens verbreitet. Im günstigsten Fall noch von Handybesitzer zu Handybesitzer. Aber eben auch in sozialen Medien und damit an einen potenziell unbegrenzten Kreis von Betrachtern. Das ist dann Gaffen 2.0, die höchste Form von Voyeurismus: Schwarmimpertinenz statt Schwarmintelligenz.

Über diese Geschmacksfrage hinaus kann die unreflektierte Verbreitung solcher Aufnahmen in nahezu Echtzeit dramatische Folgen zeitigen. Dann etwa, wenn Postings schneller bei den Angehörigen sind als der Kriseninterventionsdienst. Welche Mutter möchte über soziale Medien vom Tod ihres Kindes erfahren? Wer solche leichtfertig geschossenen Aufnahmen in Postings veröffentlicht, wer sie per Klick für gut befindet und damit empfiehlt, wer sie durch Teilen weiterverbreitet oder kommentiert, trägt zum Phänomen der Sensationsknipserie bei und macht sich über die Tragweite seines Tuns meist keine Gedanken. So auch nicht über die rechtliche Seite.

Nur weil alles technisch geht, ist nicht alles erlaubt. Jeder Mensch hat das so genannte Recht am eigenen Bild. Nur er bestimmt prinzipiell, wo Bilder von ihm gezeigt werden dürfen. Ausnahmen sind zum Beispiel Fotos von Menschenansammlungen, in denen der einzelne mehr oder weniger untergeht, oder von den Ermittlungsbehörden freigegebene Fahndungsbilder.

Ansonsten aber sind unerlaubte Veröffentlichungen von Bildern, die Menschen erkennbar zeigen, potenziell ein Fall für Anwälte: Die Liste des möglichen Ärgers (und finanziellen Schadens für den, der solche Bilder verbreitet) reicht von der Unterlassungserklärung bis hin zum Schmerzensgeld, je nachdem auch wie unvorteilhaft die Aufnahme war und in welchem Zusammenhang sie wo veröffentlicht wurden. Für den Geschädigten ist das oft trotzdem nur ein schwacher Trost, nachdem er öffentlich bloßgestellt wurde, wahlweise als Unfallopfer, Unfallverursacher oder Tatverdächtiger in einem Kriminalfall. Das Netz, und das ist die nächste Krux, vergisst bekanntlich nichts. Beiträge aus dem Internet restlos zu entfernen ist mühevoll und/oder teuer und oft auch nicht möglich.

Die gerne gescholtene Presse in Deutschland hat sich selbst einen Kodex gegeben, den so genannten Pressekodex. Dieser gibt die Richtschnur unter anderem für die Berichterstattung über Kriminalfälle vor und legt besonderen Wert auf den Opferschutz sowie die Unschuldsvermutung. Eine Kontrollinstanz, der Presserat, prüft Beschwerden von Lesern über Berichte, Bilder oder das Verhalten von Redaktionen. Er spricht regelmäßig Rügen gegen Medien aus. Entscheidender ist aber, dass in den allermeisten Medien verantwortungsbewusst mit Bildern umgegangen wird. Das beginnt eben schon mit der professionellen und rücksichtsvollen Arbeitsweise des Fotografen am Unfallort und setzt sich darin fort, dass die Bilder auf dem Bildschirm von Kollegen in der Redaktion erscheinen, die sie prüfen und in Zweifelsfällen Vorgesetzte konsultieren. Eben dieses hierarchische Mehraugenprinzip gibt es nach dem schnellen Schnappschuss mit dem Smartphone nicht. Bis ins Netz sind es nur ein paar Wischer und Tipper auf dem Display, den möglichen Schaden wieder gut zu machen dauert unter Umständen Jahre. Wir meinen, das ist es nicht wert. An einen Unglücksort gehören Profis. Wer dort nicht als Ersthelfer etwas verloren hat, soll bitte einfach weiterfahren. Wenn wir mit Verstand handeln, so muss es nicht für alles Gesetze geben.

Aufgegriffen 07 / 2015

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8 Kommentare

Meiner Meinung nach ist der allgegenwärtigen "alles zu filmen und ins Netz zu stellen - Phobie" nur durch Gesetze und Strafen Herr zu werden. Überlegen und Gedanken machen gibt´s nicht mehr.

von Joe
07. August 2015, 11:19:33 Uhr

Ich denke, man muss hier unterscheiden zwischen Szenen wie beispielsweise bei einem Unfall und Anschlägen wie in der Türkei oder in Kriegsgebieten. Dies sind für mich zwei paar Schuh.

von Theo
22. Juli 2015, 09:51:56 Uhr

So toll wie die Arbeit der Profis hier dargestellt wird, empfinde ich sie nicht. Beispiel: Der Anschlag mit über 30 Toten in der Türkei. Da wird ein blutender Mann gezeigt, und in der Unterschrift wird erwähnt, dass er auf Hilfe warte. Da hätte man helfen müssen anstatt zu fotografieren. Heute in der Zeitung trauernde Menschen nach dem Anschlag. Hat der Fotograf gefragt? Darf ich sie bitte blutend, bzw. weinend fotografieren?

von Jürgen
22. Juli 2015, 09:36:57 Uhr

Brauchen wir für alles wirklich Gesetze? Wir müssten doch einfach nur mal nachdenken. Mir war die Arbeitsweise in den Redaktionen gar nicht bewusst. Danke für den Einblick.

von Markus
15. Juli 2015, 17:17:09 Uhr

Wenn ich nicht zur Hilfe beitragen kann räume ich das Feld und lasse die Helfer ihren Dienst machen! Warum sollte man sich um Unheil anderer ergötzen bzw. dieses in Foren teilen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein! Wenn es Menschen gibt die diese Empathie nicht teilen sollte das dann eben per Gesetz geregelt werden. Diese Einschränkung im Fotorecht macht im Gegensatz zur Panoramafreiheit mal wirklich Sinn und sollte schnellst möglich umgesetzt werden.

von Ewald
15. Juli 2015, 15:21:20 Uhr

Einsicht kommt wohl erst durch Gesetze und wenn diejenigen selbst mal die Erfahrung machen wie es ist, wenn in solch einer Situation die Kamera auf einen gerichtet ist

von Frank
13. Juli 2015, 17:48:53 Uhr

Glaube, die Leute wollen zeigen was sie gesehen haben und verlassen dafür jegliche Grenzen. Ob da Gesetze helfen glaube ich nicht.

von Ingo
13. Juli 2015, 17:23:17 Uhr

eventuell würde es ja schon helfen, wenn Zeitungen solche Personen nicht für solche Aufnahmen entlohnen

von Paula
13. Juli 2015, 17:18:40 Uhr

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