Streetfotografie und Urheberrecht

Wieviel Wahrheit vertragen wir?

© Blende, Nicolas Saracchini, Wo gehen die Leute hin, wenn es regnet?
© Blende, Nicolas Saracchini, Wo gehen die Leute hin, wenn es regnet?
Stellen Sie sich vor, Sie besuchen eine Streetfotografie-Ausstellung eines renomierten Fotografen. Er war vor einiger Zeit in Ihrer Stadt unterwegs und Sie sind gespannt, welche kleinen und großen Wahrheiten er über Ihre Umgebung zu erzählen weiß. Zunächst sind Sie begeistert, dann aber stehen Sie plötzlich Aug in Aug mit sich selbst. Sie hängen dort, fast lebensgroß – Hand in Hand und mit verliebtem Blick zu Ihrem Lebenspartner. Der Fotograf sah es offenbar als Symbol dafür, wie liberal das Klima in Ihrer Stadt ist, das auch homosexuellen Paaren einen offenen Umgang ermöglicht. Eigentlich schön, aber blöderweise hatten Sie der Hälfte Ihres Umfeldes bisher gar nicht erzählt, dass Sie homosexuell sind. Vor allem, den Eltern nicht, die in einem konservativen Dorf leben und denen Sie nicht zumuten wollten, Ihren Lebensstil vor den Nachbarn zu vertreten. Zumal Sie selbst längst in der Stadt leben. Das Beispiel ist Ihnen zu weit hergeholt?

Kein Problem, wir finden auch etwas aus Ihrem Leben: Wie wäre es, wenn Sie Ihrer Frau hoch und heilig versprochen haben, mit dem Rauchen aufzuhören und das Bild Sie in einem schwachen Moment mit der Kippe im Mund zeigt? Oder Sie sind vor einem Sexshop zu sehen, so als würden Sie die Auslage interessiert betrachten? Natürlich haben Sie nichts dagegen, aber muss das gleich jeder sehen? Überlebensgroß und ausgerechnet mit Ihnen als Protagonisten? Wir alle haben unsere großen und kleinen Geheimnisse und wollen dosieren, was wir über uns erzählen – auch und gerade in Bildern. Und auch und gerade im Zeitalter der sozialen Medien. Das Bild, wo wir im tollen Infinity-Pool mit dem schicken neuen Bikini schwimmen, das sollen alle sehen. Das, wo wir abends ziemlich angeschickert nach Hause torkeln, aber bitte nicht. Ein Reportage-Fotograf zeigt jedoch, was er sieht und das ist nicht selten auch unbequem für die Abgebildeten. Wollen wir also, dass jeder unliebsame Aufnahmen von sich verbieten kann und bei Zuwiderhandlung ein Schmerzensgeld erstreiten? Darum zumindest dreht sich im Kern ein aktueller Streit, der die Gerichte beschäftigt. Der Fall ist schnell erzählt und passt genau in unsere bisherigen Beispiele: Der Fotograf Espen Eichhöfer hat eine Dame im Leopardenmantel vor dem Berliner Bahnhof Zoo abgebildet und in einer Ausstellung gezeigt. Sie klagte auf Unterlassung und Schmerzensgeld – sah das Urheberrecht verletzt, denn „die Aufnahme zeichne aufgrund eines Pfandhauses im Hintergrund, ihres mürrischen Gesichtsausdrucks und der unvorteilhaften Falten ihres Kleides im Bauchbereich ein negatives Bild von ihr“.

Eleven-year-old bakery worker Glenn Dungey. See Ellis Report, L.W. Hine. Location: Oklahoma City, Oklahoma.
Eleven-year-old bakery worker Glenn Dungey. See Ellis Report, L.W. Hine. Location: Oklahoma City, Oklahoma.
Aber wollen wir wirklich, dass diese Art Aufnahmen aus den Museen verschwinden? Denken wir an die Bilder von Vivian Maier, die in den letzten Jahren viele rund um die Welt und auch in Deutschland begeisterten. Denken wir an ihre Society-Lady im Pelzmantel, die die extreme Untersicht nun wirklich nicht kleidet, aber die genau deshalb ein im wahrsten Sinne des Wortes ungeschminktes Bild der Reichen und vermeintlich Schönen zeigte. Oder denken wir an Diane Arbus, deren Bilder von Freaks und Außenseitern nicht nur eine strahlend positive Sicht auf die Dinge zeigten, diese aber auch irgendwie in die Mitte der Gesellschaft holten. Oder gehen wir noch einen Schritt weiter und denken an Lewis Hine, dessen einfühlsame Porträts von Kindern, die schwer arbeiten mussten, ein Bewusstsein für die Missstände schaffte. Gerade er ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine unbequeme gesellschaftliche Wahrheit auch mit der würdevollsten Fotografie unbequem bleibt und nicht unbedingt schmeichelhaft für die Gezeigten.

Letztlich geht es jedoch gar nicht um den einzelnen Abgebildeten. Wenn wir uns Vivian Maiers oder Diane Arbus übergewichtige, faltige Society-Damen in Erinnerung rufen, dann geht es nicht darum, ob es Mrs. Rockenfeller oder Mrs. Seinfeld war. Das spielt gar keine Rolle. Es geht darum, dass es eine Reihe von Mrs. Rockenfellers gibt. Nur dann hat eine solche Art der Fotografie eine Berechtigung und ist nicht nur billiger Voyeurismus (über dessen fehlende Berechtigung wir nicht zu diskutieren brauchen). Dann sagt das Bild uns, worüber wir als Gesellschaft nachdenken sollen. Ist ein Foto wirklich gut, dann erzählt es nicht nur den Zeitgenossen etwas Relevantes, sondern auch den folgenden Generationen. Wer heute über seine Wurzeln nachdenkt, der schaut sich die Bilder der Eltern-Generation an. Und wer nicht gerade ein prall gefülltes Fotoalbum zu Hause hat, der geht ins Museum und versucht dort, etwas über die Gesellschaft dieser Zeit zu verstehen. Wollen wir dem die Basis entziehen, indem wir die Freiheit der Fotografie beschneiden? Soll die Nachwelt wirklich ein geschöntes, Instragram-artiges Bild von uns bekommen? Wollen wir die eigenen Augen vor der gesellschaftlichen Wahrheit verschließen – auch wenn wir sie selbst gerade repräsentieren?

Die aktuelle Debatte um die Streetfotografie stellt nicht weniger als die Frage an uns, ob wir bereit sind, für die höhere Wahrheit der Fotografie – und letztlich der Kunst – zu unseren kleinen und großen (Not)Lügen und Unperfektheiten zu stehen. Und sie stellt auch die Frage an uns Fotografen, wie schonungslos wir sein wollen, dürfen oder gar müssen. Da kann es keine bequemen, einfachen Antworten geben. Wir sind gespannt auf Ihre Sicht der Dinge.

Aufgegriffen 07 / 2015

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