Extrem-Selfies in der Todeszone

Für den Wettstreit, um das krasseste Foto, Leib und Leben riskieren

Extrem-Selfies in der Todeszone
Vor Erfindung des Selfies gehörten zu folgender tragischer Szene immer mindestens zwei Beteiligte: Erinnerungsfoto an der Steilküste; der Fotograf sagt “Lächeln!” und “Noch einen Schritt zurück!”. Der Rest ist für den Außenstehenden vorhersehbar wie ein schlechtes Hollywood-Drehbuch. Das war einmal. Heute schafft man es dank Smartphone – und nicht nur mit diesen sondern auch mit Kameras – am ausgestreckten Arm ohne fremdes Zutun, sich die Klippe hinabzustürzen, sich vom Zug überfahren zu lassen oder vom Raubtier gepackt zu werden. Die Gier nach dem krassesten Foto, das durchs Netz gejagt wird, ist so groß, dass man dafür sogar sein Leben riskiert.

Abenteuerfotos und vor allem Extrem-Selfies sind ein weltweites Phänomen, ebenso die damit verbundenen Gefahren und tatsächlich passierten Unfälle. In Indien erfasst ein Zug drei junge Leute beim Selfie-Shooting, zwei von ihnen sterben. In Portugal fällt ein Ehepaar tatsächlich wie im schlechten Film über die Böschung hinab und überlebt den Schnappschuss nicht. In Russland, so wird berichtet, hätten sich Jugendliche zu nah an der elektrischen Oberleitung der Eisenbahn aufnehmen wollen und dies mit schweren Verletzungen durch einen Stromschlag bezahlt. Das russische Innenministerium sieht sich zu einer Aufklärungskampagne genötigt und warnt davor, Gesundheit und Leben für zweifelhaften Ruhm in sozialen Medien zu riskieren.

Auch in Deutschland hat die Polizei ihre liebe Not mit vornehmlich Jugendlichen, die geile Fotos vor Augen haben, aber blind für Gefahren sind. In Baden-Württemberg musste ein Fahrer seinen Zug per Notbremsmanöver zum Stehen bringen. Neun Teenager hatten sich zum Fotoshooting versammelt, teilte die Bundespolizei über den Vorfall mit. Von Einsicht keine Spur, auch das haben die Beamten in ihrem Bericht vermerkt. In Niedersachsen holte die Polizei zwei 14-jährige Mädchen von den Gleisen, die dort knipsten – und nicht immer geht es offenbar so glimpflich aus.

Die für das Bahnnetz zuständige Bundespolizei hat ein Präventionsprojekt gestartet, das auf Erkenntnissen eines Wissenschaftlers der LMU München fußt. Kurz gesagt: Es gibt ein weit verbreitetes Phänomen, sich auf Gleisen zu fotografieren und die Fotos als besondere Art der Freundschaftsbekundung zu verbreiten. “Schienen, Weichen oder Signalanlagen haben offenbar eine inspirierende Wirkung”, schreibt die Bundespolizei auf ihrer Homepage und berichtet von tödlichen Zwischenfällen mit Jugendlichen, die mutmaßlich auf Unachtsamkeit beim Knipsen zurückgehen. „Vor allem junge Mädchen lassen sich auf Gleisen ablichten oder fotografieren sich dort selbst, um die Bilder dann auf Homepages oder Plattformen, zu veröffentlichen.“ Der Behörde sind in diesem Zusammenhang auch professionelle Aufnahmen ein Dorn im Auge, die zum Beispiel zu Werbe- und Illustrationszwecken verbreitet werden und angeblich zur Nachahmung verleiten. „Es besteht beim Betrachter der Eindruck, dass ein Balancieren auf Bahngleisen unbeschwert erfolgen könnte. Die Praxis zeigt jedoch, dass dieser Leichtsinn zu schweren, oft tragischen Unfällen führen kann.“

In diesem Hinweis steckt ein wichtiger Teil des Problems. Aufnahmen, die in scheinbar oder tatsächlich riskanten Situationen gemacht wurden, hat es immer gegeben. Nur hat man meist anerkannt, dass diese von Profis auf ihrem jeweiligen Gebiet angefertigt wurden und/oder dass für ein Profi-Shooting eine Bahnstrecke auch mal gesperrt wird. Inzwischen läuft aber eine Art Wettstreit, um die außergewöhnlichsten Selfies (oder Schein-Selfies, bei denen jemand anderes den Auslöser drückt). Das ist das Verhängnisvolle. Nochmal: Viele der Fotografen, die Bilder in Extremsituationen schießen und in den fragwürdigen Top Ten der brisantesten Selfies vertreten sind, sind Profis in ihrem Metier: passionierte Fallschirmspringer, Downhill-Biker, Fassadenkletterer oder Haitaucher. Sie können Gefahren – in der Regel – ganz anders einschätzen als jeder Amateur, der deren Aufnahmen zu imitieren versucht.

Oftmals wirken Locations gar nicht so extrem gefährlich – der Schein trügt. Um bei der Bahnstrecke zu bleiben: Vor allem Gleise an Nebenstrecken halten viele Menschen nicht für einen potenziell tödlichen Ort. Unsere Sinneswahrnehmungen, so die Selbsttäuschung, sollten uns doch anzeigen, dass sich so etwas großes und lautes wie ein Zug nähert. Aber das würde zumindest stetige Konzentration voraussetzen. Spätestens wenn diese dem Fotografieren gilt, wird es aber akut lebensgefährlich. Eine scheinbar beherrschbare Situation ist offensichtlich unkontrollierbar, weil das Fotografieren die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein weiteres Beispiel aus dem Alltag: Selfies beim Sprung ins Wasser. Wir alle haben gelernt, dass man sich beim Hüpfen in Gewässer niemals selbst und auch nicht andere gefährdet sollte. Aber wenn der Blick aufs Display gerichtet ist, hat kein Springer mehr Augen für das, was sich dort im Wasser, wo er eintauchen wird, gerade tummelt.

Dieser potenziell tödlichen Kombination aus latent gefährlicher Umgebung und Konzentration auf andere Dinge begegnen manche Profis, vor allem bei Sicherheitsdiensten und beim Militär, mit dem so genannten Buddy-Prinzip. Dabei sichert ein Aufpasser denjenigen ab, der sich voll und ganz auf seine Aufgabe konzentriert. Scharfschützenteams arbeiten so – und selbst bei Fotografen in extrem gefährlichen Krisengebieten sollen solche Buddies als Helfer im Dienst stehen, die das Gelände überwachen, während der Reporter seinen Blick auf das verengt, was durch den Sucher der Kamera passt. Aufgabe dieser Aufpasser ist es auch, den Fotografen im Notfall aus der Gefahrenzone zu bugsieren. Ein bezahlter Schutzengel, wenn man so will. Pubertierende Teenager – und nicht nur diese – haben einen solchen aber nicht, wenn sie auf Eisenbahnschwellen posieren oder am äußersten Rand eines Flachdachs balancieren. Sie spielen mit ihrem Leben und dem anderer für einen Schnappschuss. Oder wie das russische Innenministerium in seiner Aufklärungskampagne sinngemäß ätzt: Wenn es ganz blöd läuft, dann wird das beste Foto erst posthum gepostet.

Aufgegriffen 07 / 2015

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