Fotografieren in der virtuellen Welt

Fotografieren in der virtuellen Welt
Ambitionierte Fotografen machen heute selbst vor Computerspielen nicht mehr Halt: In-Game-Fotografie nennt sich die etwas andere Art zu fotografieren. Wurden bislang Aufnahmen im eigenen, realen Umfeld geschossen, wird es zunehmend populärer seine Motive auch in virtuellen Welten zu suchen. Aktuelle Videospiele bieten ein bildgewaltiges Setting für eine fesselnde Handlung. Der Spieler kann förmlich in diese künstlichen Welten eintauchen. Je mehr man in diese Welten hineintritt und sich mit dieser künstlichen Umgebung identifiziert, umso verständlicher wird der Wunsch, die hier gewonnenen optischen Erfahrungen und Eindrücke auch bildlich festhalten zu wollen.

In-Game-Fotografie ist kein wirklich neuer Trend, da unterschiedliche Spiele-Entwickler bereits entsprechende Techniken in ihre Spiele integrierten. Bei World of Warcraft wurde bereits eine „S.E.L.F.I.E.“-Kamera in das Spielgeschehen integriert, die exakt so funktioniert und verwendet wird wie das Smartphone in der realen Welt. In der jüngsten Version von GTA (Grand Theft Auto) kann der Spieler seine Figur als Fotografen ausrüsten oder zum Fotojournalisten machen. Die In-Game-Fotografie stellt in diesen Beispielen einen Teil des aktiven Spielgeschehens dar. Beim Adventure Firewatch gelingt sogar der Sprung von der virtuellen in die reale Welt, indem Schnappschüsse aus dem Spiel an einen Fotodienstleister gesendet werden können und dem Spieler anschließend die Abzüge seiner Aufnahmen zugesendet werden.

Videospiele sollen begeistern und ein abwechslungsreiches Szenario offenbaren. Sei es die malerische Schönheit der Landschaft in Skyrim, die erdrückende Großstadt in GTA – Liverty City, die liebevolle Pixellandschaft von Minecraft, das atmosphärische Western-Setting in Dead Red Redemption oder die hyperrealistische Gestaltung von Gebäuden, Räumen und Alltagsgegenständen in Deus Ex: Human Revolution. Einem Spieler bleiben vor allem die unmittelbare Spielumgebungen und die Landschaften in Erinnerung, die ihren Teil zur Grundstimmung eines speziellen Spiels beitragen.

Der Bildschirm beinhaltet bei Spielen im Regelfall ein HUD (Head-up-Display), das über die physikalische Ausgestaltung der virtuellen Umgebung gelegt wird. Das HUD stellt hier verschiedenste Parameter der Spielfigur dar. Vitalwerte und Gesundheitszustand, Treibstoffvorrat bei Fahrzeugen, Munitionsreserve bei Waffen. Weiterhin zeigt das HUD auch immer ein Fadenkreuz, wodurch sich der Spieler – ohne die Kopfhaltung oder Blickrichtung zu ändern – im virtuellen Bildraum bewegen kann. Für die In-Game-Fotografie ist das HUD in gewisser Weise ein Ärgernis, da die Anzeigen das Bild der Umgebung überlagern und nur mit sehr zeitintensiver Retusche zu entfernen sind. Darüber hinaus können die physischen Gesetze, die im Spiel Anwendung finden, die Möglichkeiten der Aufnahmen limitieren.

In-Game-Fotografie ist weitaus mehr als einen schnellen Screenshot einer Spielszene zu erstellen, denn den Künstlern und Fotografen in der Szene kommt es ebenso auf das geeignete Motiv und eine gelungene Komposition an, wie auf den perfekten Blickwinkel. Duncan Harris und James Pollock sind Vorreiter dieser jungen Kunstform und ihre Aufnahmen werden weltweit in Ausstellungen gezeigt. Um die Qualität der Aufnahmen zu erhöhen und sich losgelöst von der Physik in der Spielwelt zu bewegen, werden Mods (Spielmodifikationen) oder Cheats (geheime Spielbefehle) verwendet.

Ansel Adams als Vorbild für Innovation

Ganz aktuell ist die Meldung, dass Ansel vom Grafikchip-Hersteller Nvidia vorgestellt wurde. Die Software wurde nach dem US-Fotografen Ansel Adams benannt, einem der eindrucksvollen Landschafts- und Naturfotografen der Geschichte. Nvidia Ansel ermöglicht Screenshots in PC-Spielen zu erstellen wobei die virtuelle Kamera frei beweglich ist und Aufnahmen mit bis zu 61.440 × 34.560 Pixeln möglich werden.
Zwei Vorgaben müssen jedoch erfüllt sein, um Ansel entsprechend nutzen zu können: Der User muss über eine Geforce GTX Grafikkarte der neusten Generation verfügen (eine entsprechende Liste hat Nvidia auf der Firmenwebsite veröffentlicht) und das betreffende Spiel muss den Free-Camera-Modus von Ansel unterstützen. Laut Nvidia werden die Konsolenspiele The Witcher 3, The Division und Unreal Tournament sowie die No Man’s Sky PC-Version die Fähigkeiten von Ansel unter Beweis stellen können.

360-Grad In-Game-Panoramen

Im Kosmos der virtuellen Welten kennt man sich und so ist es kein allzu großes Wunder, dass sich Spiele-Entwickler und Nvidia gegenseitig befruchten und bekannte Technologien stetig erneuern und verbessern. Ansel hat über die hohen Auflösungen und den Free-Camera-Modus hinaus noch einige weitere Highlights zu bieten. Die Software unterstützt 360-Grad-Panoramafotos sowie HDR-Aufnahmen und bietet zahlreiche Bearbeitungsfilter für die Screenshots, auch die Anpassung von Helligkeit und Kontrasten wird möglich sein. Ein besonderer Leckerbissen ist die Möglichkeit das In-Game-Foto als Gigapixel-Aufnahmen zu speichern. Die Auflösung dieser Aufnahmen ist entsprechend hoch, so dass selbst kleinste Details im Hintergrund noch zu erkennen sind.

Insbesondere durch VR-Brillen bekommen aktuell 360-Grad-Panoramafotos eine ganz neue Gewichtung. Ansel wird diesem Trend gerecht, da diese Aufnahmen über eine spezielle App von Nvidia problemlos auf dem Smartphone betrachtet werden können. Entsprechende Lösungen für Google Cardboard, Ocolus Rift und HTC Vive hat Nvidia bereits parat.

Zukunftsaussichten: Trend oder Flop

Wie und ob sich die In-Game-Fotografie als Stilrichtung dauerhaft in unserer Gesellschaft etablieren wird vermögen wir nicht zu sagen. Sicher wird ein Hilfsmittel wie Ansel das Erstellen dieser Aufnahmen deutlich einfacher machen und für den ambitionierten Fotokünstler neue Wege bereiten. Auch hier wird die Entwicklung nicht Halt machen, sondern zunehmend neue Möglichkeiten schaffen, die das Fotografieren mit einer System- oder Spiegelreflexkamera simulieren und adaptieren.

Ganz gleich wie fortschrittlich und innovativ die Technik sich entwickeln wird, das Problem mit der Frage nach dem Urheberrecht an diesen Aufnahmen ist bislang ungeklärt. Die Entwickler der Spiele haben nicht nur die Handlung des Spiels erdacht, sondern auch die bildgewaltigen Welten erschaffen, die das Setting für die In-Game-Fotos bilden. Auch wenn der Fotograf seinen eigenen kreativen Beitrag durch die Wahl von Motiv, Ausschnitt, Blickrichtung, Lichteinfall und Kameraposition leistet, so wird die Aufnahme doch erst dadurch möglich, dass die Entwickler das Setting bereitgestellt haben.

Aus rechtlicher Sicht haben daher die Entwickler alle Rechte an den Bildern. Die Parallele zum Urheberrecht des Architekten bei Außenaufnahmen eines Bauwerkes und deren Verwertung (§ 59 UrhG) ist offensichtlich. In-Game-Fotografien für nicht gewerbliche Zwecke werden meist von Spiele-Entwicklern und den Studios geduldet, da diese Aufnahmen vielfach über die Gamer-Community und die soziale Netzwerke geteilt werden und damit indirekt Werbung für ein betreffendes Spiel machen. Und wer sich einmal näher mit In-Game-Fotografien beschäftigt wird schnell feststellen, wie fesselnd und bildgewaltig diese Aufnahmen sein können. Aber auch, wie schmal der Grat zwischen Realität und virtueller Welt sein kann.

Aufgegriffen 06 / 2016

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