Fotografische Technik versus Sehen

Burgruine Flossenbürg von Max Striegl, Blende 2015
„Burgruine Flossenbürg“ von Max Striegl, Blende 2015
Zitate sind in der Regel prägnant und haben grundsätzlich den Anspruch, zum Nachdenken zu animieren, um mitunter das bisherige Handeln zu überdenken. Der Schatz an Zitaten rund um die Fotografie ist scheinbar grenzenlos – denken wir hier zum Beispiel an das Zitat von Henri Cartier-Bresson „Auf jeden Fall aber kümmern sich die Menschen zu viel um die photographische Technik und zu wenig um das Sehen“. Wir könnten jetzt kontraproduktiv daher kommen und sagen: Stimmt! Aber das ist nicht unser Anspruch, möchten wir doch mit diesem Zitat zur Diskussion sowie zum Nachdenken anregen und auch hinterfragen, ob es in der heutigen Zeit nachteilig ist, sich mit der Fototechnik auseinanderzusetzen.

Die fototechnischen Innovationen der letzten Jahre und die noch bevorstehenden – ist hierbei aktuell immer häufiger im Zusammenhang mit der Fotografie von einer neuerlichen digitalen Revolution die Rede – haben aus unserer Sicht zur Vereinfachungen beim fotografischen Spiel gesorgt und garantieren Bildqualitäten, wie sie bis vor wenigen Jahren nur Profis vorbehalten waren. Auf den ersten Blick ist es sicherlich nicht notwendig wissen zu müssen, welcher Sensor beispielsweise in der genutzten Kamera verbaut ist, wie schnell die Serienbildfunktion arbeitet oder wie viele Messfelder zur Schärfeermittlung zur Verfügung stehen. Auf den zweiten Blick sind Kenntnisse darüber aber überaus hilfreich, denn nur, wenn man über dieses Wissen verfügt, kann man die Vorteile die sich daraus ergeben für sein fotografisches Spiel nutzen. Kenntnis um die Fototechnik und die zielgerichtete Anwendung bedingt im Umkehrschluss es in der Hand zu haben, sie für sich selbst einzusetzen. Hat man Wissen über die Fototechnik und beherrscht den Umgang mit ihr, dann ist man auch frei für das „Sehen“, dass Henri Cartier-Bresson in seiner Zeit viel zu kurz kam – zahlreiche Fotografen sehen das heute übrigens immer noch so und zitieren ihn deshalb so gerne.

Selbstredend muss man natürlich ein Auge für Motive und Situationen haben, denn die teuerste Kamera auf dem Markt schießt nicht automatisch das beste Bild. Die technischen Möglichkeiten beflügeln, die Bildbearbeitung kennt kaum Grenzen und die Präsentationsmedien sind mannigfaltig wie nie zuvor.

Es mag sein, dass Henri Cartier-Bresson möglicherweise auch heute noch Recht hat und das Sehen mitunter zu kurz kommt. Aber nur so lange, bis man eins mit der Technik geworden ist, ihre Vorzüge und Nachteile abwägen kann und sie blind beherrscht. Vielleicht muss man erst ein Grundvertrauen in die technischen Aspekte ausbilden, um sich der Kunst des Sehens hingeben zu können.

Aufgegriffen 04 / 2016

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2 Kommentare

Sehe die Technik als Mittel zum Zweck und anders als Foto Felix freue ich mich über die Weiterentwicklungen auch wenn ich nicht alle nutze. Einfluss auf seine Fotografien konnte man doch schon immer nehmen, das ist doch keine Erfindung der digitalen Fotografie. Unterschied zu früher ist sicherlich, dass heute jeder die Option hat denn wer hatte früher schon ein Fotolabor.

von Thomas
07. April 2016, 08:23:00 Uhr

Ich denke, dass inzwischen mit so unendlich vielen technischen Möglichkeiten Einfluss auf ein Foto genommen werden kann, dass es eigentlich mit reiner Fotografie nichts mehr zu tun hat. Die Bildbearbeitung soll im Nachherein alles richten. Das ist fast schon so wie Schauspieler vor einer grünen oder blauen Wand zu filmen und das komplette Bild in der Postproduktion zusammen zu bauen. Der Blick für´s Motiv (oder das "Sehen") geht manchen aufgrund dieser technischen Möglichkeiten leider verloren.

von Foto Felix
06. April 2016, 16:52:00 Uhr

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