Gegen die Bilderflut - Brauchen wir wirklich eine Kamera mit Motivbremse?

© Blende, Nicola Groß, Band der Lichter
© Blende, Nicola Groß, Band der Lichter
Philipp Schmitt, Student der Interaktionsgestaltung und 22 Jahre jung, hat eine Kamera namens „Camera Restricta“ entworfen, die mit einer Motivbremse ausgestattet ist. Ja, Sie lesen richtig, denn wenn die Kamera der Meinung ist, dass das von Ihnen angepeilte Motiv schon zu oft fotografiert wurde, dann verschwindet einfach der Auslöseknopf und Ihr Fotospaß hat ein Ende. Also uns würde es frustrieren und wir werden sicherlich kein Abnehmer dieser Kamera, sollte sie einmal auf den Markt kommen. Derzeit ist die Camera Restricta nicht als reales Produkt gedacht. Überlegung und Konzeptidee ist, durch Limitierung die Kreativität zu wecken, indem Bilder zensiert werden, bevor sie im Kopf entstehen.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie stehen vor dem Eiffelturm, dem Brandenburger Tor oder beispielsweise vor Schloss Neuschwanstein, haben Ihr Motiv in Szene gesetzt, wollen gerade auslösen und da verschwindet der Auslöseknopf. Wir wären hochgradig frustriert, denn warum nehmen wir unsere Kamera mit: Weil wir unsere eigenen Seherlebnisse bildlich festhalten möchten und es uns doch in diesem Moment absolut egal ist, ob unser Objekt der Begierde möglicherweise schon 100.000 Mal und noch mehr von anderen festgehalten wurde. Wenn es danach gehen würde, dann könnten wir unsere Kamera bei Städtetouren vielfach zu Hause lassen. Ja, und bessere Bilder gibt es möglicherweise von anderen auch, denn sie waren beispielsweise vor Ort als das Licht optimal war oder sie verstehen einfach das Spiel mit den fotografischen Möglichkeiten besser als wir selbst. Auch, wenn die Bilderflut gigantisch ist, man geht allein in Deutschland von über 2.000 Klicks in der Sekunde aus, so glauben wir nicht, dass man eine solche Erfindung wirklich benötigt. Wenn uns der Eiffelturm so gut gefällt, dass wir 500 Mal den Auslöser betätigen, dann ist dem eben so – wir haben Freude daran und möglicherweise brauchen wir auch so viele Anläufe, bis wir das Bild so im Kasten haben, wie wir es uns wünschen. Wir sehen unsere fotografische Kreativität auch nicht beflügelt, wenn auf einmal der Auslöseknopf verschwindet, weil das Motiv schon 35 Mal von anderen festgehalten wurde. Apropos: Was sind schon 35 Aufnahmen? Sooft wird das Brandenburger Tor sicherlich in der Minute fotografiert.

Zurück zur Kameraentwicklung von Philipp Schmitt. Die vernetzte Kamera untersagt an vielfotografierten Orten das Fotografieren. Per GPS ermittelt sie die Position des Fotografen. Sind in der näheren Umgebung mehr als 35 Bilder entstanden, schwuppdiwupp verschwindet der Auslöser im Gehäuse und der Sucher wird blockiert. Nun kann man sich als Fotograf ein anderes Motiv aussuchen und darauf hoffen, dass dieses bereits nicht mehr als 35 Mal aufgenommen wurde. Knackgeräusche, die an einen Geigerzähler erinnern, geben übrigens ein auditives Feedback über die Anzahl der Fotos in der Nähe.

Das Kameragehäuse entstand mithilfe eines 3D-Druckers. Der Prozessor ist ein eingekaufter Chip und die Software ist ein Open Source Programm, das automatisch Bilder bei flickr sowie Panoramio und ihre Geodaten vergleicht. „Fast alles, was die Kamera im Film kann, ist echt“, erläutert Philipp Schmitt. „Das einzige, was sie nicht kann, ist Fotos machen.

Theoretisch ist es nach Philipp Schmitt möglich, sein Tool in jede GPS- und WiFi-fähige Kamera sowie in jedes Smartphone zu integrieren. Eventuell greift ein Hersteller auch die Idee auf, denn damit wäre es möglich, Orte, an denen es aus rechtlichen Gründen untersagt ist, zu fotografieren, zu blockieren.

Aufgegriffen 09 / 2015

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7 Kommentare

Na ja, es wurde sicherlich schon sehr vieles sehr häufig und aus allen Richtungen fotografiert - aber nicht von MIR! Und genau das mag ich mir nicht nehmen lassen - ob's anderen gefällt oder nicht.

von Bettina
23. September 2015, 17:33:18 Uhr

Es sollte mir doch überlassen sein, wie oft ich ein Motiv fotografiere und wenn es eben 100.000 Mal ist. Wie sieht es denn mit Menschen aus z.B. meiner Freundin. Wenn die von mir 50 Mal fotografiert wurde dann darf ich sie nicht mehr fotografieren?

von Christian W.
17. September 2015, 10:51:26 Uhr

Ich sehe das auch so wie Carsten. Mag ja sein, dass "an dieser Stelle" bereits 10.000 Bilder gemacht wurden - aber vielleicht immer nur das Brandenburger Tor als Übersichtsaufnahme und nicht im Detail. Um mich zu überzeugen (die Grundidee ist ja eigentlich nicht schlecht), müssten allerdings viel mehr Parameter in die Bewertung mit aufgenommen werden als nur ein GPS-Tag!

von Lea Dang
17. September 2015, 10:35:28 Uhr

Also für mich würde es nur Sinn machen, wenn die Kamera nicht prüft, ob es von dem Motiv schon "genug" Fotos im Netz gibt (denn die kann ich ja nicht zur Bebilderung MEINES Urlaubs in MEINEM Fotobuch nutzen), sondern ob ICH schon sehr, sehr viele ähnliche Fotos (mit dieser Kamera) gemacht habe. Also wenn ich - um beim genannten Beispiel zu bleiben - schon 50 Mal das Brandenburger Tor im Sonnenuntergang fotografiert habe und sich vom Bildaufbau / den zusätzlichen Elementen im Bild nichts groß geändert hat.

von Carsten Minde
17. September 2015, 10:23:53 Uhr

Spannend was technisch möglich ist aber so eine Kamera würde für mich nie in Betracht kommen. Sie fördert auch nicht meine Kreativität sondern behindert diese.

von Timo
17. September 2015, 10:19:10 Uhr

Es gibt ja durchaus aus sinnvolle Anwendungen für GPS-basierte Motivsperren. In Foto-Drohnen etwa ist so etwas mittlerweile auch eingebaut, damit man nicht an Orte, wo die Drohne eigentlich nicht sein darf wie etwa Flughäfen, hinfliegt.

von Anna L.
17. September 2015, 09:37:08 Uhr

Witziges Thema! Aber ich fände so eine Kamera auch ärgerlich und stimme dem Artikel-Autor völlig zu, dass es ja gerade darauf ankommt, bei einem schon häufig fotografierten Objekt den eigenen Blickpunkt zu finden. Das stachelt ja den Ehrgeiz erst richtig an. Ein Bild von etwas, das noch keiner gesehen hat, ann ja jeder fotografieren und es ist eine Sensation - egal, wie gut oder schlecht es kompositorisch und technisch ist. Aber noch ein echt cooles, neues, interessantes Bild vom Brandenburger Tor zu machen - das ist doch mal echt eine Herausforderung, die reizt.

von Petra Vogt (Fotolotsin)
17. September 2015, 09:35:36 Uhr

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