Kinderbilder im Netz, das nicht vergisst - Eltern legen den Grundstein des digitalen Erscheinungsbildes

© Blende, Hans Peter Rank, Entdeckungen
© Blende, Hans Peter Rank, Entdeckungen
Die Generation der heute über 30-Jährigen ist aus dem Schneider. Aus ihrer Kindheit gibt es keine unvorteilhaften Bilder, die mit einer Digitalkamera geknipst und online gestellt wurden. Als sie Schüler waren, steckte auch das Internet noch in den Kinderschuhen, digitale Fotografie war ein Feld für Wissenschaftler. Ihre Kindheitsbilder finden sich nicht auf Facebook und Co., nicht auf der Homepage des Jugendtreffs und auch nicht auf Papas überquellender Computer-Festplatte. Schöne alte Welt? Vielleicht, wenn man betrachtet, dass die Gegenwart für das Gegenteil steht: Viele Bilder der Kinder von heute füllen nicht nur Festplatten, sondern Internetseiten und soziale Netze. Und nicht jede Grimasse heutiger Vorschüler wird diese noch begeistern, wenn sie volljährig sind oder beispielsweise einmal Bewerbungen für einen Job schreiben.

Das Thema Kinderbilder im Netz ist so alt wie das Internet 2.0, also die Ära, in der das Netz zum Mitmach-Netz geworden ist und praktisch jeder alles irgendwo veröffentlichen konnte – ja sogar sollte. Die Erkenntnis: Bilder können irgendwann zum Bumerang werden und sind vor allem kaum wieder einzufangen. Im Idealfall wissen verantwortungsbewusste Nutzer inzwischen um dieses Dilemma und achten entsprechend darauf, dass sie keine Fotos online stellen, die irgendwann kompromittierend wirken könnten. Teenager – und hier haben wir keine Vorurteile – sind zwar gerne beratungsresistent, aber immerhin haben sie die Chance, eigenverantwortlich nachzudenken, ob jede Pose hinaus in die Welt sein muss. (Okay, meistens spielt sich der Prozess des Nachdenkens im Millisekundenbereich ab – und schon ist das Selfie auf Facebook …) Eine Gruppe Menschen hat aber diese Chance gar nicht: Kinder. Andere, vielfach die Eltern, fotografieren sie und entscheiden auch, was mit den Fotos geschieht.

Diese Entscheidung hat mehr Tragweite, als viele Eltern erkennen. Das digitale Erscheinungsbild eines Menschen, sofern es eines gibt, steht markant neben so Dingen wie Schulabschluss, fachlichen Qualifikationen, Manieren oder Auftreten. Es tritt an die Stelle des guten Rufs, den man hat, oder eben nicht. Der einem in jedem Fall aber vorauseilt. Chefs vom alten Schlag haben noch versucht, sich umzuhören im Umfeld von Bewerbern. In Betrieben fand sich bisweilen auch jemand, der aus demselben Dorf oder Stadtteil kam und die Familie kennt und beleumunden konnte. Profile in sozialen Netzen sind heute dagegen eine weit offene Fundgrube nicht nur für neugierige Chefs. Lebenslauf, Vorlieben, soziales Umfeld, Manieren – alles da. Und jede Menge Bilder, ganz private.

Dass Eltern mit dem Verbreiten von Kinderbildern den Grundstein für eine digitale Biografie legen, ist ihnen häufig nicht bewusst. Schon im Windel-Alter bekommen manche Sprösslinge Profile in sozialen Netzen verpasst. Dort tauchen dann absolut süße Bilder auf. Aber auch blöde Grimassen. Oder welche vom Zechgelage bei Opa Herberts Geburtstag. Und immer wieder Impressionen des Steppkes mit Fanschal am Fußballwochende. Eine Kindheit in der Fußballkneipe? Will man das später als junger, ehrgeiziger Erwachsener tatsächlich über sich im Internet herumgeistern sehen? Nicht immer, und deswegen häufen sich Anfragen bei Netzseiten-Betreibern, doch bitte dieses oder jene Bild zu entfernen. Online-Redaktionen kennen die typische Situation: Arrivierter Mittdreißiger will nicht mehr mit der politischen Jugendgruppe identifiziert werden, auf deren Bild er vor zehn Jahren noch auftauchte. Oder die neu verliebte Frau nicht mehr mit ihrem Ex, mit dem sie einst im Sandkasten spielte. Die Hürden für solche Löschgesuche sind hoch, vielfach beißen die Antragsteller auf Granit, denn Medien scheuen Selbstzensur – mit Recht.

Das Netz vergisst nichts, schon gar keine Bilder, die x-mal geteilt worden sind. Dank Markierungsfunktionen und immer besserer Gesichtserkennung sind die vielen Visagen im Internet nicht mehr nur eine anonyme Masse. Es ist ein Datenschatz, der sich immer leichter erschließen lässt. Und eine schwere Bürde für denjenigen, der sich, weil noch zu jung, nie dagegen wehren konnte, dass das „Recht am eigenen Bild“ mit Füßen getreten wurde. Eltern sorgen sich heute darum, dass ihre Kinder schadstofffreie Textilien tragen, ausreichend Fluorid sowie Vitamin D bekommen und einen Sparvertrag für den Führerschein oder die Ausbildung. Nicht minder wichtig ist es, verantwortungsbewusst mit den Bildern und Videos umzugehen, die Kinder zeigen. Kindergärten und Schulen haben dazu vielfach schon strikte Wege eingeschlagen. Auf ihren Online-Seiten werden Kinder entweder gar nicht oder nur mit schriftlicher Einwilligung und dann oft nur im Winzformat gezeigt. Nachholbedarf besteht vor allem im engsten sozialen Umfeld, speziell in Familien. Was man Kindern mit auf den Weg gibt, ist Teil der Erziehungsverantwortung. Eine im Netz bildlich ausgebreitete Kindheit zählt heute dazu. Früher, in der vordigitalen Zeit der heute über 30-Jährigen, sammelten Eltern die schönsten Fotos in Alben zum Einkleben. In Form von Fotobüchern hat sich das ins digitale Zeitalter hinübergerettet. Eine schöne Form, um Erinnerungen aus dem Verlies der Festplatte zu holen, mit anderen Menschen zu teilen und dauerhaft zu bewahren. Vor allem aber ein Weg, um Privates auch privat zu lassen.

Aufgegriffen 08 / 2015

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1 Kommentare

Klasse, dass hier auch solche Themen unter die Lupe genommen. Kann hier nur zustimmen. Wir müssen unsere Kinder schützen. Hoffe der Artikel trägt mit dazu bei, dass künftig weniger Bilder von Kindern gepostet werden.

von Tanja
26. August 2015, 20:50:04 Uhr

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