Konzertfotografie - Das Leiden der Konzertfotografen

Auch neuere Band wie die Beatsteaks gängeln Fotografen nicht
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Auch neuere Band wie die Beatsteaks gängeln Fotografen nicht
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Früher war die Sache klar geregelt. Wer für eine Publikation zu einem Konzert ging, um zu fotografieren, hat sich akkreditiert, war rechtzeitig da und konnte dann innerhalb von drei Songs aus dem Bühnengraben seine Aufnahmen machen. Einzige Einschränkung: Die Musiker nicht behindern und ohne Blitz. Wer heute für eine Zeitung, Zeitschrift oder ein Online-Magazin auf einem Konzert fotografiert, muss oft erst einmal einen Vertrag unterzeichnen. Die Künstler versuchen immer öfter, die Kontrolle zu übernehmen, welche Bilder wann und wo erscheinen.

Die Unsitte der Fotografenverträge mit unannehmbaren Bedingungen ist im angelsächsischen Raum längst gang und gäbe. Hierzulande empört sich der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) regelmäßig, wenn Künstler mit unannehmbaren Forderungen auftreten. Denn die Verträge, die Fotografen von Künstlern und deren Management aufgenötigt werden, erschöpfen sich nicht darin, dass begrenzt wird, wann fotografiert werden darf. Künstler wie Iron Maiden oder Taylor Swift wollen sich damit unentgeltlich alle Bilder sichern.

Immerhin ist Taylor Swift inzwischen zurückgerudert, da hatte es aber schon öffentlicher Empörung bedurft, nachdem sich Frau Swift ja gegen Streamingdienste aufgelehnt hatte, weil diese Nachwuchskünstler nicht gerecht entlohnen. Man darf inzwischen bezweifeln, dass es Frau Swift um den Nachwuchs ging. Die kanadische Zeitung Le Soleil setzte jüngst ein Zeichen und schickte einen Cartoonisten zu den Foo Fighters. Und Iron Maiden waren vor einigen Jahren auch zurückgerudert, nachdem sie vorher auf die Idee gekommen waren, sie wollen jedes Bild, das veröffentlicht wird, vorher persönlich absegnen – und alle anderen Bilder geschenkt.

Dabei führt die aktuelle technische Entwicklung das Ganze ad absurdum. Denn während die Pressefotografen gegängelt werden, ihre Bilder hier und da nicht veröffentlichen dürfen, wird das Internet mit Bildern und Videos geradezu geflutet. Jedes Smartphone macht zumindest aus der ersten Reihe ein Bild, auf dem etwas zu erkennen ist, Kompaktkameras sind meist auch erlaubt und werden ohne Beschränkung eingesetzt. Insofern sind die ganzen Einschränkungen und der Wunsch der Künstler nach Kontrolle zum Scheitern verurteilt. Die guten Bilder professioneller Fotografen bleiben in der Schublade oder müssen gar aus dem Archiv gelöscht werden, während zweifelhafte Aufnahmen von Amateuren die Runde machen. Es scheint, als wollten Teile der Musikindustrie wieder mal einen Trend stoppen und verstehen nicht, dass der Zug längst abgefahren ist – siehe Filesharing.

Aber wieso können sich die Fotografen nicht durchsetzen? Immer wieder ruft der DJV zum Boykott von Künstlern auf. Und manchmal verzichten Zeitungen auch auf Fotos und teilen dem Leser mit, wieso es nichts zu sehen gibt. In der Regel ist es aber so, dass, selbst wenn die etablierten Medien ein Konzert boykottieren, es trotzdem noch Fotografen gibt, die zweifelhafte Verträge unterschreiben. Oft sind es semiprofessionelle Fotografen oder gar Amateure, die sich vor den Karren spannen lassen. So manches Musik-Magazin speist seine Fotografen mit einer Eintrittskarte ab – die der Veranstalter ja zur Verfügung stellt. Freier Eintritt statt Honorar. Wer sich darauf einlässt, wird auch jeden Foto-Vertrag unterschreiben, es scheint, als ob manche Künstler so begehrenswert sind, dass Fotografen geneigt sind, dafür umsonst zu arbeiten. Deshalb verpuffen Boykottaufrufe oft auch mehr oder weniger wirkungslos. So lange das so läuft, werden auch Konzertfotografen das Nachsehen haben. Da werden Rammstein bestimmen, dass ihre Bilder nur ein Jahr lang verwendet werden dürfen, Helene Fischer wird vorschreiben, in welchen Publikationen ihre Bilder erscheinen dürfen, Nick Cave wird die Fotografen an eine Seite der Bühne verbannen – und auf der anderen Seite hinterm Flügel sitzen und Patti Smiths Manager wird weiter weißes Klebeband am Bühnenrand auf irgendwelchen Provinzpodesten anbringen, das die Fotografen nicht überschreiten dürfen.

Es gibt auch Ausnahmen und damit Künstler, die wissen, dass sie nur deshalb auf der Bühne stehen, weil die Öffentlichkeit sie kennt und mit Radiosendern, die das Beste aus drei Jahrzehnten spielen und doch nur 25 verschiedene Musiktitel kennen, kein Boden gut zu machen ist. Die Scorpions beispielsweise, AC/DC, Black Sabbath oder Deep Purple, sie alle sind groß, verzichten auf irgendwelche Knebelverträge für Fotografen. Und die finnisch-argentinische Sängerin Tarja Turnen animiert ihre Zuschauer sogar, Kameras mitzubringen. Dass sie dann ein Buch veröffentlicht mit kostenfrei zur Verfügung gestellten Bildern ihrer Fans – da kann sich zumindest jeder aussuchen, ob er Bilder zur Verfügung stellt.

Aufgegriffen 07 / 2015

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4 Kommentare

Das Problem war mir echt nicht bekannt! Taylor Swift ist mur so egal, aber Maiden ist eine meiner Lieblings-Bands. Das wirft ein völlig neues Licht auf einige Künstler und ihr Management. Ich habe bisher immer die Profis beneidet, wenn sie - wie z.B. beim großartigen, kostenlosen(!) Turock Metal Open Air in Essen - in Bereichen shooten konnten, die mir versagt sind. Allerdings bin ich froh, wenn ich mal ein halbwegs vernünftiges Foto für die Wand hinkriege. Ich käme gar nicht auf die Idee, so einen Dreck zu veröffentlichen, wie es zig Amateure und Semi-Profis tun. Schlussendlich sollten die Künstler doch froh sein, wenn durch professionelle Top Fotos ihre Popularität gesteigert wird.

von Gerd
20. Mai 2016, 19:30:05 Uhr

das ist der Hammer, kann Michael nur zustimmen

von Paula
31. Juli 2015, 14:59:28 Uhr

Man muss sich irgendwie nicht mehr wundern, dass es Profi-Fotografen immer schwerer haben. Da dürfen sie nicht fotografieren oder nur zu unannehmbaren Bedingungen, während der Amateur aus Spaß lustig drauflos knipsen kann. Und dann wahrscheinlich seine Bilder noch verschenkt. Nichts gegen die Amateure, aber irgendwie lassen die sich hier instrumentalisieren, das Nachsehen haben Leute, die von ihrer Fotografie leben müssen (oder wollen).

von Michael
30. Juli 2015, 22:17:23 Uhr

Schon interessant. Das mit den Verträgen war mir so nicht bekannt. Ist schon eine Schweinerei, die leben doch von der Berichterstattung.

von Timo
30. Juli 2015, 16:46:05 Uhr

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