Mit Fotos und Videos unterhalten - Mit Twitch anderen Leuten beim Essen zusehen

Fotografien und Videos, gerade von Amateuren eingefangen, haben heute nicht mehr nur die Aufgabe, Erinnerungen festzuhalten und an diesen den engsten Kreis teilhaben zu lassen, der nicht mit von der Partie war. Bildkommunikation ist durch die wachsenden Möglichkeiten, die der technische Fortschritt uns bietet, heute eine Selbstverständlichkeit. An die Zeiten, als das Schreiben von SMSs Hochkonjunktur hatte erinnern sich sicherlich nur noch die wenigsten unter uns. Botschaften in Form von Bildern und Videos über die Datenautobahn zu verschicken und/oder in sozialen Netzwerken einzustellen ist heute mit eine der wesentlichen Antriebsfedern, warum die Auslöser von Aufnahmegeräten nicht stillstehen und die Zahl der sekündlichen Klicks weltweit in die Höhe schnellen. Visuelle Kommunikation führt uns verstärkt in Sphären von enormem Unterhaltungswert wobei der ein oder andere sicherlich auch dankbar dafür wäre, wenn das Aufnahmegerät versagt hätte, Beiträge nicht gepostet und einem dieser „Augenschmaus“ erspart geblieben wäre. Ein Beispiel dafür ist der Streaming-Dienstleister Twitch, der inzwischen auch hierzulande zunehmend an Bekanntheit gewinnt.

Wer überzeugt ist schon alles im Internet gesehen zu haben, wird bei Twitch eines besseren belehrt. Unter der klangvollen Bezeichnung „Social Eating“ kann man anderem Menschen beim Essen und Trinken zusehen. Für die westliche Hemisphäre mag dies derzeit noch wenig unterhaltsam sein, doch in Südkorea ist es ein multimediales Phänomen. Wir wagen die Vorhersage, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis dieser Trend, der sich Muk-bang schimpft und bei dem sich vornehmlich Jugendliche beim Essen filmen lassen, auch hierzulande ganz viele Anhänger finden wird. Die Videos, und das nur am Rande, sind überwiegend von professioneller Qualität hinsichtlich Bild, Ton, Lichtführung und Bildausschnitt. Die Akteure haben richtigerweise erkannt, dass es nicht ausreicht, nur einfach möglichst viele Schüsseln mit Essen vor sich aufzubauen und dieses dann zu verschlingen. Visuell und akustisch wird dafür gesorgt, dass man sich als Betrachter mittendrin fühlt.

Die „Online Esser“ präsentieren also nicht etwa wie Speisen oder Getränke zubereitet werden, sondern füllen ihre Bäuche den lieben langen Tag mit riesigen Portionen – alle mit Netzanbindung können ihnen dabei zusehen. Was hierzulade derzeit nur für einen neugierigen Blick in einen der Streams oder Videos auf entsprechenden Plattformen animiert, ist in Südkorea der Renner für ein Millionenpublikum. Da wundert es nicht, dass die Protagonisten des digitalen Essphänomens mit dieser Art der Zurschaustellung ihren Tagesunterhalt verdienen und dementsprechend in Ihr Filmequipment zuvor entsprechend investieren. Die Spanne der Speisen reicht von Dampfnudeln über gebratenen Reis bis hin zu Pizza, Chicken Wings und Udon Suppe.

Schon länger gibt es professionelle Food Contests, bei denen sich verschiedene Wett-Esser auf einer Bühne einem Publikum präsentieren und dann in einer vorgegebenen Zeitspanne eine gewisse Menge an Essen oder Getränken vertilgen müssen. Beim 100. Hotdog-Wettessen auf der New Yorker Strandpromenade in Coney Island im Juli 2016 wurde hier gar ein neuer Rekord aufgestellt. Joey Chestnut, 32-jährige Kalifornier, verschlang vor Hunderten von jubelnden Zuschauern 70 Hotdogs in zehn Minuten.

Solche Challenges um Hotdogs, 2kg-Steaks, XXL-Burger, Habanero-Hackbällchen, Blaubeerkuchen oder Vanille-Eis sind für manche Restaurants das Aushängeschild und immer nur dem Besucherkreis vorbehalten, der zum Zeitpunkt des Wett-Essens vor Ort ist. Über Streamingdienste wie Twitch und Videoplattformen wie YouTube kann nun die ganze Internetwelt an diesen kulinarischen Orgien teilhaben. Das Motto scheint allgemeinhin zu lauten: Erlaubt ist, was gefällt. Während Videoplattformen dem Nutzer nur die Ereignisse vorspielen, kann der Streaming-User stellenweise über die Chat-Funktion interaktiv die Schlacht am kalten oder warmen Buffet mitbestimmen. Ganz gleich ob Video oder Stream, wenn man den „Online-Essern“ lange genug zugesehen hat, kann man abschalten. Im Restaurant würde man sich das bei manchem Gegenüber ohne Tischmanieren auch wünschen. Noch böserer Zungen sagen gar, dass dies die Fotografie und der Film nicht verdient haben, für solche Ereignisse herhalten zu müssen.

Aufgegriffen 08 / 2016

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