Bildbearbeitung - Auf die Perspektive achten

Bildbearbeitung - Auf die Perspektive achten
In dieser Anzeige (links) verbergen sich gleich mehrere Perspektivefehler. Schräg betrachtete Kreise erscheinen stets als perfekte Ellipse (rechts).
Bildbearbeitung offeriert uns heute grenzenlose Möglichkeiten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Anzeigengestalter, aber natürlich erst recht Fotografen, ob Einsteiger, ambitionierte oder Profifotografen ohne sie gar nicht mehr auskommen. Bildbearbeitung muss nicht immer augenfällig sein – darin liegt sogar die große Kunst. Wichtig ist, in jedem Fall eine plausible Bildbearbeitung und auf die Perspektive ist ebenso zu achten wie auf Schatten. Vielfach könnte man denken, dass unsere Sicht auf die Dinge durch Anzeigen förmlich „versaut“ wird. Doc Baumann deckt in der Fachzeitschrift DOCMA immer wieder peinliche Fehltritte von Bildmonteuren auf, aus denen man als Fotograf wunderbar lernen kann, sie nicht auch zu begehen. Da das Thema überaus ergiebig ist, wird es bei DOCMA dazu eine mehrteilige Serie geben.

Wie Doc Baumann in seiner DOCMA, Ausgabe 52, schreibt, ist der Umgang mit korrekter Perspektive vielen ein Buch mit sieben Siegeln. „Nur so ist es zu erklären, dass selbst Weltkonzerne mit Milliardengewinnen Anzeigen bei hochkarätigen Agenturen in Auftrag geben, bei deren Anblick sich dem perspektivekundigen Betrachter die Haare sträuben. (Die anderen ahnen eher, dass da etwas nicht stimmt, können oft aber nicht auf den Punkt bringen, was es ist.) Da diese Anzeigen millionenfach in den Medien verbreitet werden, muss man davon ausgehen, dass die Verantwortlichen entweder nicht erkennen, dass da überhaupt etwas falsch ist, oder schlicht nicht wissen, wie man es richtiger gestalten könnte.“

Doc Baumann gilt als der Papst, wenn es um digitale Bildbearbeitung geht. Wir können ihm dementsprechend bei weitem nicht das Wasser reichen, weshalb wir bei DOCMA nachgefragt haben, ob wir für unsere User auszugsweise den Beitrag veröffentlichen dürfen. Wer tiefer – als im Folgenden – in die Materie einsteigen oder sein Auge schulen und von Fehlern anderer lernen möchte, der kommt um die Ausführungen von Doc Baumann nicht umhin.

„Über die Perspektivekonstruktion wurden zahlreiche Bücher geschrieben. Aus Dürers Unterweisung der Messung kann man noch heute eine Menge lernen. Es ist also angesichts der Stofffülle kaum möglich, in einer Heftserie – oder gar in einem einzelnen Beitrag – alle grundlegenden Konstruktionsgesetze zu vermitteln. Diesmal möchte ich nur zeigen, wie Sie Fluchtlinien konstruieren und daraus die Horizonthöhe ableiten. Und es geht um die Perspektive von Kreisen, die es in sich hat. Denn viele wissen zwar, dass ein Kreis aus der Schrägsicht als Ellipse erscheint – gehen aber fälschlich davon aus, dass der Durchmesser des Kreises, der ihn in zwei Hälften teilt, auch in der Mitte der verzerrten Ellipse verläuft. Doch das ist, wie Sie sehen werden, keineswegs der Fall.“

Das Wichtigste zum Thema Perspektive im Rahmen digitaler Montagen finden Interessierte übrigens in seinem Band 5 der Edition DOCMA, den es inzwischen für nur noch 4,90 Euro als PDF-e-Book im Online-Shop gibt (www.docma.info/shop).

1. WIDERSPRÜCHLICHE PERSPEKTIVEN

WIDERSPRÜCHLICHE PERSPEKTIVEN
Dass bei dieser Montage etwas nicht stimmen kann, fällt den meisten Betrachtern auf – selbst solchen, denen es oft schwerfällt, bei den in der Bildkritik vorgestellten Montagemängeln diese zu erkennen. In diesem Fall ist jedoch die Abweichung zwischen der Perspektive von Tisch und Schüsseln einerseits und der Suppenpackung andererseits so groß, dass sie kaum zu übersehen ist.

2. GRUNDLEGENDE FLUCHTLINIEN ANLEGEN

GRUNDLEGENDE FLUCHTLINIEN ANLEGEN
Bei diesem Bild ist die Holzplatte das grundlegende Element, nach der sich die Perspektive aller anderen Objekte richten sollte. Zudem hat sie den Vorzug, dass die Fugen (die eher nach Parkett aussehen als nach Tischplatte) direkt zur Konstruktion der Fluchtlinien verwendet werden können. Ziehen Sie sie (weiß) auf einer neuen Ebene ein; in ihren Schnittpunkt konstruieren Sie die Horizontlinie (blau).

3. ABWEICHENDE PERSPEKTIVE

ABWEICHENDE PERSPEKTIVE
Eigentlich sollten die Fluchtpunkte (fast) aller Gegenstände in dieser Szene auf diesen Fluchtpunkt hin ausgerichtet sein, zumindest aber sollten sich alle Fluchtlinien auf dessen Höhe schneiden. Bei einem kubischen Objekt ist das hier leicht zu überprüfen: der dunkelgrünen Suppenpackung. Doch die Fluchtlinien der rechten Oberkante konvergieren auf einer anderen (Horizont-Höhe (rot) als die der linken Oberkante und der Schrift (gelb) – weit weg vom blauen Horizont.

4. FLUCHTPUNKTKONSTRUKTION VON KREISEN

FLUCHTPUNKTKONSTRUKTION VON KREISEN
Während vielen vertraut ist, dass man den Fluchtpunkt kubischer Objekte in der beschriebenen Weise ermittelt, sind sie der Meinung, bei Kreisen oder unregelmäßigen Formen ging das nicht. Falsch! Sie müssen diese Form lediglich in ein Rechteck einbetten (oben links). Wenn Sie die Form durch Transformieren so anpassen, dass der Kreis der Kontur des Tellers entspricht, lassen sich leicht Fluchtlinien ziehen. Doch sie konvergieren zu weit oben und rechts.

5. FLUCHTPUNKTE DER SCHÜSSELN

FLUCHTPUNKTE DER SCHÜSSELN
Während zunächst nur aufgefallen war, dass die Perspektive der Suppenpackung irgendwie nicht zu der der übrigen Szene passt und sogar in sich selbst nicht einheitlich ist, lädt das Experiment mit dem im Rechteck eingebetteten Kreis zu weiteren Vergleichen ein. Und siehe da: Nicht nur der Teller hat einen anderen Fluchtpunkt als der Tisch, sondern auch die beiden Schüsseln haben wiederum eigene.

6. PERSPEKTIVE DER TELLERSPEISEGLOCKE

PERSPEKTIVE DER TELLER-SPEISEGLOCKE
Es liegt nahe, nun auch die perspektivische Stimmigkeit der Tellerspeiseglocke zu überprüfen. Wie Sie sehen, verfügt sie ebenfalls über einen eigenen Fluchtpunkt, weitab von dem der restlichen Objekte. Also noch ein Fehler? Nicht unbedingt, denn da sie schräg und nicht parallel zu den übrigen Gegenständen gehalten wird, darf und muss ihr Fluchtpunkt deutlich weiter unten liegen.

7. VEREINFACHTE ZWÖLFECKKONSTRUKTION

VEREINFACHTE ZWÖLFECK-KONSTRUKTION
Übrigens ist die Glocke, trotz möglicherweise korrekter Perspektive, trotzdem falsch, allerdings aus Plausibilitätsgründen: Die Suppenpackung, die da gerade präsentiert wird, ist viel zu hoch, um unter ihr Platz zu finden. Auch mit umschreibendem Quadrat ist es nicht ganz einfach, einen Kreis perspektivisch zu projizieren, da es auf seinem Umfang keine markanten Punkte gibt, die auf eine schräge Ebene übertragen werden können. Mit einem Vieleck ist das viel leichter.

8. VIELECKPROJEKTION UND EIN NEUER FEHLER

VIELECK-PROJEKTION UND EIN NEUER FEHLER
Wie Schritt [7] zeigt, lässt sich jede Ecke des hier verwendeten Zwölfecks mit einer Geraden zu der korrespondierenden Ecke derselben Form in Schrägansicht verbinden. An den waagerechten Maßverhältnissen ändert sich also nichts, nur in der Senkrechten verschieben sich die Eckpunkte. Abgesehen von den unterschiedlichen Perspektiven ist zu erkennen, dass die kleine Schüssel eigentlich gar nicht an dieser Stelle stehen könnte, da sie dort mit der großen kollidiert.

Weitere Ausführungen in der DOCMA-Ausgabe Mai 2013 im Webshop (http://www.docma.info/shop/?list=DOCMA_2013) erhältlich ist.

(Quelle: Docma Mai 2013)

Bildbearbeitung 07 / 2013

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