Bildbearbeitung - Sind bearbeitete Bilder noch Fotografien

Blende, Dorit Boelmann, Walchensee-Kraftwerk, Bayern
Blende, Dorit Boelmann, Walchensee-Kraftwerk, Bayern
Im Zuge unseres jährlichen Zeitungsleser-Fotowettbewerbs „Blende“ flammt immer wieder die Diskussion unter den Teilnehmern, aber auch den Bildgenießern, auf, inwieweit bearbeitete Bilder überhaupt noch Fotografien sind. Vornweg: Jede Fotografie bleibt auch dann eine Fotografie, auch, wenn sie bearbeitet wurde. Es kommt auf das Maß, aber auch auf die Intention an. Wir sind prinzipiell Befürworter der Bildbearbeitung, die auch keine Erfindung der digitalen Fotografie ist.

Zu Zeiten der analogen Fotografie, die aktuell vielerorts eine Renaissance erlebt, war Bildbearbeitung bereits weit verbreitet. Sie fand im Fotolabor statt. Da wurde beispielsweise ebenso mit der Wahl des Entwicklers, aber auch beim Vergrößern der Aufnahmen Einfluss auf ihre Wirkung genommen. Sehr beliebt war übrigens das sogenannte Abwedeln, aber auch die Sandwichtechnik, also das Ineinanderkopieren von Bildinhalten. Inwieweit die Bildbearbeitung für den Bildbetrachter sichtbar war, hing natürlich vorrangig vom Können ab.

Blende, Martin Schildgen, Kitchen Friends
Blende, Martin Schildgen, Kitchen Friends
Mit der Digitalfotografie hat die Bildbearbeitung ganz neue Möglichkeiten und damit andere Dimensionen sowie eine sehr viel stärkere Verbreitung erfahren. In der von uns durchgeführten Verbraucherumfrage 2011 gaben von den über 1.200 Teilnehmern 98 Prozent der Befragten an, ihre Aufnahmen digital nachzubearbeiten, 56 Prozent übrigens sehr oft. Schauen wir uns aktuelle Kameramodelle an, so müsste bei einer heutigen Befragung streng genommen jeder angeben, der digitalen Bildbearbeitung nachzugehen.

Digitale Bildbearbeitung am Rechner sollte unserer Ansicht nach ein Ziel haben und zwar, vorangig die Bildaussage zu schärfen und mögliche Aufnahmefehler zu eliminieren. Dazu gehört beispielsweise den Bildausschnitt zu verändern, den Horizont gerade zu stellen, aber auch mit den Kontrasten zu spielen. Wer es künstlerisch liebt, setzt entsprechende Filter ein. In der Porträtfotografie weit verbreitet ist beispielsweise die Entfernung von Hautunreinheiten. Jeder, der der digitalen Bildbearbeitung nachgeht, sollte sich aus unserer Sicht davon befreien, dass mit ihrer Anwendung aus einer schlechten Aufnahme zwangsläufig ein Knallerbild wird. Entscheidend in der Fotografie ist es, Motive aufzuspüren und ins rechte Licht zu rücken. Die Kamera, und so sollte sie verstanden werden, ist Mittel zum Zweck. Aufnahmefehler können mitunter – dank digitaler Bildbearbeitung – beseitigt werden. Einhergeht damit ein sehr großer Zeitaufwand und Könner tun sich damit natürlich leichter, da sie die Erfahrung haben, wo angesetzt werden muss.

Blende, Verner Baumann, Thingvellir in Oktober farben
Blende, Verner Baumann, Thingvellir in Oktober farben
Digitale Bildbearbeitung sollte unserer Ansicht nach Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck sein. Entscheidend ist aber auch die Intension eines jeden Einzelnen – über Geschmack lässt sich natürlich bekanntlich nicht streiten. Das beste Beispiel hierfür ist die sogenannte HDR-Fotografie. Sie bringt vielfach kitschig, bunte, psychodelisch anmutende Fotografien hervor. Die einen finden es schön, andere lehnen es ab – und schon wieder wären wir bei der Sache mit dem Geschmack, wobei hier sicherlich auch der Zeitgeist nicht außer Acht gelassen werden darf. Wie in anderen Bereichen, gibt es auch in der Fotografie Strömungen zu Extremen, die zunächst fesseln. Die Begeisterung, so unsere Beobachtung, nimmt ab dem Moment ab, wenn das Außergewöhnliche zur Selbstverständlichkeit und somit Massenware wird.

Wie so oft im Leben, so ist auch bei der Anwendung von digitaler Bildbearbeitung weniger oft mehr. Kommen wir auf das Beispiel der Porträtfotografie zurück. Glatte Haut bei einem Jugendlichen ist selbstverständlich, aber nicht bei einer Person des reiferen Alters. Alle Falten zu glätten ist nicht sinnhaft, denn es nimmt auch die Persönlichkeit des Abgelichteten. Aus der Werbung und auch aus Zeitschriften bestens bekannt sind Bildkompositionen, die einfach nicht zusammen passen. Hieran sollte man sich als Fotograf kein Beispiel nehmen. Überhaupt ist festzustellen, wie weit verbreitet in der Werbung digitale Bildkompositionen sind, die einfach alle optischen Gesetzmäßigkeiten vermissen lassen. Da sind Schatten falsch gesetzt, da stimmen die Dimensionen nicht. Die Fachzeitschrift „Docma“ greift immer wieder solche fehlerhaften Bildkompositionen auf, was den eigenen Blick enorm schärft, um diese Fehler nicht auch zu begehen.

Bildbearbeitung 06 / 2013

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2 Kommentare

Es ist heute nicht anders als früher: Mit der Bildoptimierung und der Bildbearbeitung beende ich das Foto, das ich mit der Aufnahme begann und während ihr gesehen, gespürt, erlebt habe. Sind bearbeitete Fotos denn noch Kunst? http://www.civi.ch/civiAktiv_Blog/foto-aufnahme-bearbeitung/ HDR ist unnatürlich. Und warum doch nicht? http://www.civi.ch/civiAktiv_Blog/hdr-high-dynamic-range/

von Mario Ciceri
19. Juni 2013, 23:43:06 Uhr

Nun muss ich doch mal die HDR Fotografie ganz klar verteidigen. Hier im Artikel wird sie als die schlimmste Form der Nachbearbeitung dargestellt. Zugegebener Maßen sieht man leider viel zu oft die hässlichen, klickie-buntie-kitsch Varianten der HDR-Fotos im Netz - zu meinem Bedauern. Denn auch diese Technik gabt es schon VOR der digitalen Ära, nur nicht so ausgefeilt und brauchbar, wie sie es heute gibt. Denn wendet man die Technik richtig an, so enstehen sehr gute Fotos, die dem menschlichen Auge viel näher kommen, als jedes andere "normale" Foto. Denn das Auge kann weit mehr erfassen, als ein Foto der teuersten Kamera auf Erden. Selbst die digitale Hasselblad hat nicht den Dynamikumfang eines menschlichen Auge. Daher ist die Technik sehr wohl hut zu gebrauchen. Leider wird sie oftmals nur für Schund gebraucht. Das ist das traurige daran. Die Technik selbst ist aber genial - ich liebe sie! Grüße aus Graz Achim

von Achim Meurer
08. Juni 2013, 09:43:16 Uhr

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