Workshop Multiple RAW-Bildbearbeitung

In der Fachzeitschrift „digit! – Das Profi-Magazin für digitale Bilder“, die mit ihrem weiten Themenspektrum viele interessante Beiträge für ambitionierte Fotografen bereithält, haben wir in der Ausgabe 3-2014 den Workshop „Mehrfach ROH drüber“ entdeckt. Wir hätten das Thema nicht besser aufbereiten können und haben nachgefragt, ob wir diesen Workshop für Euch auf unserer Homepage veröffentlichen dürfen. Wir danken den Machern von digit! für das OK. Das komplette Heft kann im digit! Shop auf der Homepage (www.digit.de) erworben werden.

Wenn beim Fotografieren die Nacht zu dunkel ist oder die Scheinwerfer zu hell strahlen, ist die Mehrfach-Entwicklung der RAW-Daten ein probates Lösungsmittel. Modelle: Jeany Marie, MK 294339 und Lotus Elise S1; Co-Fotograf: Thomas Christl.
Wenn beim Fotografieren die Nacht zu dunkel ist oder die Scheinwerfer zu hell strahlen, ist die Mehrfach-Entwicklung der RAW-Daten ein probates Lösungsmittel. Modelle: Jeany Marie, MK 294339 und Lotus Elise S1; Co-Fotograf: Thomas Christl.
Einführung | Eines der ältesten Probleme der Fotografie ist, dass weder Film noch Sensor auch nur näherungsweise den Dynamikumfang des menschlichen Auges aufweisen – und deswegen die Fotos häufig dem Sinneseindruck kaum entsprechen. Hier würde man sich als Fotograf die Möglichkeit der lokalen Anpassung der Belichtung, der Farbe und des Kontrasts wünschen. Tatsächlich lässt sich dieser Wunsch relativ leicht erfüllen, indem man ein Bild, das im RAW-Format vorliegt, schlicht mehrfach entwickelt und die Ergebnisse später per Masken fusioniert. Das klingt aufwändig, ist es aber nicht. In diesem Artikel werden Sie mehrere mögliche Varianten kennenlernen und dazu dann auch Beispiele sehen.

Ein erstes Beispiel | Dieses Problem ist wohl jedem Fotografen bekannt: Sie möchten eine Landschaftsaufnahme machen, aber der Himmel ist zu hell oder die Landschaft ist zu dunkel auf dem Foto – das Motiv sprengt ganz einfach den Dynamikumfang des Sensors. Landschaftsprofis greifen hier zum Grauverlaufsfilter oder nehmen eine Belichtungsreihe für ein HDRI auf, aber oft geht es auch einfacher. Stellen Sie die Kamera auf das RAW-Format um und nehmen Sie das Foto so auf, dass höchstens sehr kleine Bereiche im Bild ausfressen. Damit sollten Sie den maximalen Tonwertumfang eingefangen, und per „Expose to the Right“ auch den Sensor optimal ausgesteuert haben. Zu Hause am PC entwickeln Sie in Adobe Camera RAW dann zwei Versionen des Bildes – eine Version für den Himmel, eine für die Landschaft – und fusionieren anschließend diese zwei Bilder in Photoshop mittels einer Maske.

Der genaue Ablauf | In unserem einfachen Landschaftsbeispiel konnten Sie bereits den Nutzen des Verfahrens sehen, aber es fehlt nun noch das exakte Prozedere, wie denn die unterschiedlichen RAW-Entwicklungen an Photoshop weitergegeben werden. Hierfür gibt es mehrere Möglichkeiten:

V.l.n.r.: So sieht das Beispielbild direkt aus der Kamera aus. Wichtig ist die Unterbelichtung, um die Lichter zu retten. Hier sehen Sie die Einstellungen für die erste Entwicklung, für den Himmel ...
V.l.n.r.:
So sieht das Beispielbild direkt aus der Kamera aus. Wichtig ist die Unterbelichtung, um die Lichter zu retten.
Hier sehen Sie die Einstellungen für die erste Entwicklung, für den Himmel …
V.l.n.r.: ... und so sehen die Einstellungen für die zweite Belichtung, für die Landschaft, aus. Mittels Ebenenmaske und einer großen, weichen Pinselspitze gelingt die Fusion der zwei Entwicklungen in Photoshop mit nur zwei oder drei Pinselstrichen.
V.l.n.r.:
… und so sehen die Einstellungen für die zweite Belichtung, für die Landschaft, aus.
Mittels Ebenenmaske und einer großen, weichen Pinselspitze gelingt die Fusion der zwei Entwicklungen in Photoshop mit nur zwei oder drei Pinselstrichen.
Der Lohn der Mühe – jetzt strahlt der Yachthafen Anstruther genauso, wie wir das auch in Erinnerung hatten.
Der Lohn der Mühe – jetzt strahlt der Yachthafen Anstruther genauso, wie wir das auch in Erinnerung hatten.
Elegant und modern

  1. Laden Sie die RAW-Datei nach Adobe Camera RAW.
  2. Nehmen Sie die Einstellungen für die erste Bildversion vor.
  3. Öffnen Sie per Shift + Button „Objekt öffnen“.
  4. Duplizieren Sie das Objekt in Photoshop per Rechtsklick auf die Schrift (!) im Ebenenstapel und wählen Sie dann: neues Smartobjekt durch Kopie.
  5. Öffnen Sie die entstandene Kopie per Doppelklick erneut in ACR.

Einfach und abwärtskompatibel

  1. Laden Sie die RAW-Datei nach ACR.
  2. Nehmen Sie die Einstellungen für die erste Bildversion vor.
  3. Öffnen Sie per Alt + Button „Kopie öffnen“.
  4. Öffnen Sie das ursprüngliche RAW erneut in ACR von PS aus per Datei > Letzte Dateien öffnen.
  5. Editieren Sie in ACR und öffnen Sie wieder in PS (gegebenenfalls, wenn noch weitere Versionen folgen, wieder per Alt).
  6. Kopieren Sie die Dateien in einen gemeinsamen Ebenenstapel (jeweils per Strg-A, Strg-C, dann in die Zieldatei wechseln: Strg-V).

Noch einfacher, mit alten PS-Versionen oder auch mit Elements

  1. Legen Sie zuerst Kopien der urspünglichen RAW-Datei an.
  2. Konvertieren Sie diese einzeln oder auch gemeinsam in ACR wie gewünscht. Nach dem Verlassen von ACR werden zu den einzelnen Entwicklungen die XMP-Sidecar-Dateien angelegt.
  3. Fügen Sie die Ergebnisse in einer gemeinsamen Datei zusammen. Das kann in Photoshop via >Datei >Skripten >Dateien in Stapel laden geschehen. In Elements muss man dem Ablauf wie unter Einfach … beschrieben folgen und man wird auch zur Konvertierung von 16 nach 8 bit gezwungen. Das ist aber nicht wirklich tragisch, da bei dem Verfahren der Mehrfachentwicklung die gravierenden und tonwertzehrenden Veränderungen bereits in ACR vorgenommen werden.

Vielleicht spielen Sie einfach einmal alle drei Abläufe durch und entscheiden dann, welches Verfahren Ihnen am besten von der Hand geht.

Das symbolische Set-up zur Aufnahme des Lotus Elise.
Das symbolische Set-up zur Aufnahme des Lotus Elise.
Ausgereizt | Und nun folgt noch ein Beispiel, bei dem sich eine mehrfache RAW-Entwicklung geradezu aufzwingt. Bei der Aufnahme handelt es sich um ein Fashionfoto mit einem Lotus Elise, das mit fünf Blitzen ausgeleuchtet wurde. Im ersten Bild sehen Sie die Aufnahme direkt aus der Kamera. Hier würde man sich nun wünschen, dass der Boden knackiger wird, der Hintergrund blauer, dass der Lichtfleck im Regencape nicht so stark ausfrisst und dass dennoch das Auto und Model nicht unter der Bearbeitung leiden.

Kein Problem – fertigen Sie einfach mehrere Entwicklungen für die genannten Bereiche an. Eine für den Hintergrund, eine für das Auto und die Brettertore, eine fürs Model, eine für das Regencape und noch eine letzte Version für die ausgefressene Stelle im Cape (siehe Screenshots).

Links oben: Das tatsächliche Licht-Set-up (Models: Jeany Marie, MK 294339 und Lotus Elise S1; Co-Fotograf: Thomas Christl). | Links unten: Das Lotus-Bild. Direkt aus der Kamera ist die Aufnahme noch eher langweilig. | Rechts: Ebenenstapel mit den vier RAW-Entwicklungen und den abschließenden Retuscheschritten.
Links oben: Das tatsächliche Licht-Set-up (Models: Jeany Marie, MK 294339 und Lotus Elise S1; Co-Fotograf: Thomas Christl). | Links unten: Das Lotus-Bild. Direkt aus der Kamera ist die Aufnahme noch eher langweilig. | Rechts: Ebenenstapel mit den vier RAW-Entwicklungen und den abschließenden Retuscheschritten.
Und dann fügen Sie invertierte Masken zu den Ebenen und malen mit einem weichen, weißen Pinsel großzügig die jeweils optimalen Bereiche ins Ergebnisbild. Für den letzteren Schritt braucht es keinesfalls eine exakte Freistellung der Bildbereiche – viel besser gelingt das nahtlose Überblenden mit einem großen Pinsel und einer eher schludrigeren Arbeitsweise. Über die Deckkraft der einzelnen Ebenen können Sie im Anschluss die Wirkung weiter feineinstellen und haben somit in nur wenigen Minuten die Bilder händisch fusioniert. Und wenn Sie sich nun fragen, wieso man die Manipulation an den einzelnen Bildanteilen oder -ebenen besser direkt bei der RAW-Entwicklung und nicht danach vornimmt, so sei dazu angemerkt, dass nur an dieser Stelle im Workflow die vollständige Datenmenge bzw. -qualität zur Verfügung steht. Wenn Sie die Anpassungen in Photoshop vornehmen würden, so würden Sie auf schlankeren Daten arbeiten, bei welchen das ICC-Profil und der Weißabgleich bereits eingerechnet wurden. Die mehrfache RAW-Entwicklung ist ein Verfahren, das bei jedwedem Motiv angewendet werden kann und das wesentlich mehr Kontrolle im Umgang mit den Tonwerten ermöglicht.

Quelle: www.digit.de

Bildbearbeitung 07 / 2014

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