Die Bilderflut beherrschen: Fotos gezielt löschen

Die Digitalfotografie verführt dazu, viele Bilder zu machen. Es kostet scheinbar nichts und hat auf den ersten Blick den Vorteil, dass man später immer noch die besten aussuchen kann. Leider ist das nur die halbe Wahrheit. Die Aufnahme selbst kostet zwar kein Filmmaterial mehr, aber die sichere und gute Lagerung verschlingt Speicherplatz – und nicht nur diesen.

Viel wichtiger aber ist, dass schlechte Fotos im eigenen Bildarchiv Lebenszeit kosten, und zwar viel davon: Man muss an ihnen vorbei, um die guten zu finden. Dabei bekommt man außerdem noch leicht schlechte Laune und ein geringeres Selbstwertgefühl, weil der Eindruck entsteht, man habe viele unbrauchbare Aufnahmen gemacht. Das stimmt möglicherweise zwar, trifft aber selbst für Profis in gewissem Maße zu. Warum fällt uns das bei diesen nicht auf? Weil wir nur ihre guten Aufnahmen zu sehen bekommen. Nutzen Sie diesen Trick und zeigen Sie sich selbst auf Dauer nur die guten Bilder. Und wer seine Bilder nicht endgültig löschen kann – was wir gut verstehen können – der verschiebt sie in einen speziellen Ordner, der dann quasi Schuhkarton unter dem Bett zu analogen Zeiten war.

Den meisten fällt schwer, sich von schlechten Aufnahmen zu trennen – vor allem, weil es ja scheinbar nichts kostet, sie zu behalten. Aber es hat sehr viele Vorteile – Backups zu erstellen wird kostengünstiger sowie schneller und man findet gute Bilder viel schneller. Verschieben Sie in einen speziellen Ordner oder trennen Sie sich also auch mal von Aufnahmen! Natürlich nicht von allen. Damit sind wir bei der entscheidenden Frage: Wann und nach welchen Kriterien löscht man seine Bilder?

1. Stufe: Löschen unterwegs

Ein sehr effektives Geheimnis zur Beherrschung der Bilderflut ist das Löschen völlig unbrauchbarer Fotos schon in Aufnahmepausen. Die Betonung liegt aber hier auf völlig unbrauchbar. Wer etwa im Urlaub eine Rundreise macht, hat meist zwischen den einzelnen Stationen die Gelegenheit, schon einen ersten Eindruck seiner Fotos zu bekommen. Sortiert man dabei direkt die schlechten aus, hat man es zu Hause am Rechner leichter. Auch kann man bei Bedarf noch fehlende Motivvarianten neu aufnehmen. Und zur Belohnung hat man später einen viel positiveren Eindruck von sich selbst, da man (scheinbar) viel bessere Bilder gemacht hat.

Allerdings setzt das Löschen unterwegs die sichere Bedienung der entsprechenden Funktion der eigenen Kamera voraus. Man darf auf keinen Fall die „Alle Bilder Löschen“-Taste erwischen. Auch sollte man sich vorher informieren, wie man in ein aufgenommenes Bild hineinzoomt. Diese Funktion benötigt man zur Prüfung. Ein Eindruck des Gesamtbildes auf dem Mini-Kameradisplay reicht nicht. Man sollte immer auf den bildwichtigsten Teil (z.B. Gesicht) in 1:1-Ansicht hineinzoomen.

Bleibt noch die wichtige Frage, nach welchen Kriterien man löschen sollte? Hier eine Checkliste:

  1. Bilder Löschen - Besseres Bild
    Es gibt ein technisch oder optisch besseres Bild des gleichen Motivs.
    Das ist bei Porträts etwa ganz oft der Fall, kommt aber auch bei Städteaufnahmen oder Landschaften vor, wenn zum Beispiel plötzlich doch die Sonne hinter den Wolken hervorkommt oder einem eine Person ins Bild gelaufen ist. Dann kann man die schlechteren Aufnahmen von vorher unbesorgt entfernen.

  2. Die bildwichtige Person hat die Augen zu oder schaut nicht schön und es gibt bessere Bilder (siehe Punkt 1)

  3. Bilder Löschen - Unschärfe
    Das Bild ist deutlich unscharf und es trifft kein Kriterium der Nicht Löschen-Liste (folgt gleich) zu.
    Wenn die Unschärfe schon auf dem kleinen Display deutlich ist, wird sie am Bildschirm sowie im Druck in der Regel noch viel mehr ins Auge fallen und auch mit modernen Bildbearbeitungsprogrammen nur schwer auf ein erträgliches Maß zu korrigieren sein.

Nicht löschen dagegen sollte man seine Bilder bei folgenden Begebenheiten:

  1. Bilder nicht Löschen - Fehlbelichtung
    Das Bild scheint zu hell oder zu dunkel. Die Ursache dafür kann schlicht das Kameradisplay sein – es erweckt gerade bei hellem Umgebungslicht schnell einen völlig falschen Eindruck. Sollte das Bild falsch belichtet worden sein, so lässt sich dies am Rechner meistens gut nachträglich korrigieren. (siehe Abbildung).

  2. Bilder nicht Löschen - besonderer Moment, bestimmte Person
    Das Foto hat technische oder kompositorische Mängel, hat aber als einziges einen besonderen Moment (z.B. Ringtausch bei einer Hochzeit, die ersten Schritte eines Kindes) oder eine bestimmte Person eingefangen.

  3. In einer Gruppe schauen nur einer oder wenige nicht nett, der oder die anderen sind gut getroffen. Dann sollte man vor dem Löschen prüfen, ob sich die anderen als Ausschnitt herausvergrößern lassen und in diesem Fall das Bild behalten.

  4. Im Zweifel sollte man unterwegs ein Bild lieber behalten. Auf dem kleinen Display kann man seine Qualität nämlich in der Tat nur begrenzt beurteilen.

Geht man nach diesen Kriterien vor, kommt man je nach eigenem Fotografierstil und Sujet zu einer Lösch-Quote von einem bis zwei Dritteln.

2. Stufe: Löschen am Rechner

Eine zweite Stufe der Sichtung und des Löschens sollte am Computer erfolgen. Werden die Fotos von der Speicherkarte auf den Rechner übertragen, besteht nebenbei übrigens die Chance, Ordnung ins Bilderchaos zu bringen. Bildverwaltungsprogramme, wie Adobe Lightroom, erlauben die Verschlagwortung schon beim Import. So macht sie keine Mühe und ermöglicht später das leichtere Auffinden – das spart wesentliche Zeit.

Bilder Löschen - Vergleichsansicht
Beim Aussortieren geht man anschließend nach den gleichen Kriterien vor wie beim Löschen unterwegs. Wichtig ist, auf 100%-Ansicht umzuschalten, um die Schärfe des Bildes beurteilen zu können. Als Miniaturen sehen selbst unscharfe Aufnahmen oft noch gut aus. Das Vergleichen von Bildvarianten ist am Rechner deutlich einfacher möglich als unterwegs. Manche Programme, wie Adobe Lightroom, unterstützen die Auswahl mit einer Vergleichsansicht, bei der man sich verschiedene Varianten nebeneinander anzeigen lassen kann.

Manche Fotos lassen sich durch eine Bildbearbeitung, wie etwa eine Belichtungskorrektur oder eine Anpassung des Bildausschnittes, wieder in den grünen Bereich bringen und müssen dann nicht gelöscht werden. Was sich jedoch nicht retten lässt und keine besondere Stimmung transportiert, sollte gnadenlos gelöscht oder in einen speziellen Ordner verschoben werden. Dieser bietet sich übrigens auch dann an, wenn man sich unsicher ist. Hier kann man die Aufnahmen zu einem späteren Zeitpunkt einer erneuten Prüfung unterziehen und dann gegebenenfalls endgültig löschen. Auf Dauer bekommt man beim konsequenten Bewerten sowie Löschen seiner Aufnahmen aber auch Routine sowie Sicherheit und benötigt solche Hilfen nicht mehr.

Erfreuen am Ergebnis

Wer konsequent sortiert sowie löscht und sich fragt, ob es die Mühe wert ist, sollte sich ab und an mal die Bilderstapel von anderen anschauen, die dies nicht tun. Sehr schnell wird einem dann deutlich, welchen Gefallen man sich mit dem konsequenten Löschen tut. Wer das konsequente Löschen trotz aller Einsicht einfach nicht schafft, kann auf den technischen Fortschritt hoffen. In den Laboren wird fleißig an Lösungen zur automatisierten Bilderkennung und -bewertung gearbeitet. Aber bis diese Ansätze ausgereift sind, wird es noch etwas dauern.

Digitalfotografie 08 / 2014

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3 Kommentare

"... als Ausschnitt herausvergrößern lassen" ... das gefaellt mir und ist keineswegs despektierlich gemeint. Ich stimme allen Punkten zu, doch wichtigste fehlt. Die Muellvermeidung sollte vor der Entsorgung stehen. Das wusste man auch schon 1957. Ich hab da mal was ausgegraben:http://sventetzlaff.com/index.php/10-fotografie/83-der-woerkfloh-entschleunigt-und-entschlackt

von Sven Tetzlaff
03. September 2014, 14:20:26 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren, ein sehr nützlicher Artikel der ein Problem beschreibt, welches auch schon bei der Dia Fotografie bestanden hat. Nur war "damals" die Bereitschaft auf dem Auslöser rumzudrücken doch etwas verhalten. 36 Bilder, dann Filmwechsel, führte zu besseren Aufnahmen. Trotzdem wurden die "Dia-Abende" oft zu einem quälenden Erlebnis weil, siehe oben. Mit freundlichen Grüßen, Emil Alfter

von Emil Alfter
27. August 2014, 22:57:31 Uhr

interessant für Dich ?

von Horst
27. August 2014, 11:11:09 Uhr

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