Ein Bild aus mehr als tausend Photos

Ein Bild aus tausend Photos Bildgalerie betrachten

Die Photographie bietet unendlich viele Möglichkeiten, doch sie hat auch ihre Grenzen. Sei es der zu kleine Bildwinkel des Objektivs, die beschränkte Ausdehnung der Schärfe, der enge Kontrastumfang des Aufnahmemediums oder die Empfindlichkeit von Film oder Sensor. Diese und viele andere Hürden machen es Photographen schwer, die Bilder im Kopf in aussagekräftige Photos umzusetzen. Die Aufgabe, das komplexe Geschehen, das zum Druck auf den Auslöser motiviert, auf den Bruchteil einer Sekunde zu reduzieren, der später im Photo das Erlebte auch für diejenigen nacherlebbar macht, die nicht dabei gewesen sind, macht einerseits zwar den besonderen Reiz der Photographie aus, beschränkt sie aber auch in ihren Möglichkeiten. Mit aufwändigen Tricks, wie Masken, Abwedeln und Nachbelichten oder dem aneinander Kopieren mehrerer Aufnahmen, wurde schon in der analogen Photographie immer wieder versucht, solche Grenzen zu sprengen. In der digitalen Welt lassen sich solche Einschränkungen inzwischen oft mit nur einem Mausklick überwinden. Programme, die Horizonte gerade rücken, stürzende Linien ausgleichen und Fehlbelichtungen oder falsche Farben korrigieren, gehören sogar schon in einigen Kameras zur Ausstattung. Mit einer ganz neuen Spezies von Programmen lassen sich scheinbar sogar optische und physikalische Gesetze überwinden.

Viele Photos führen zum Ziel
Wenn der große Henri Cartier-Bresson das Geheimnis seiner faszinierenden Photos dem „Decisive Moment“, dem „entscheidenden Augenblick“ in dem er auf den Auslöser drückte, zusprach, so werden in der modernen digitalen Photographie die Bilder immer häufiger aus unterschiedlichen Bildelementen zusammengesetzt, die von vielen einzelnen - ähnlichen oder auch gänzlich verschiedenen - Aufnahmen stammen.

„Das Bild entsteht im Kopf, die Photos, die ich dazu brauche, in der Kamera.“ So argumentieren die neuen digitalen Bildermacher, die - wie ein Ruud van Empel oder eine Maggie Taylor - ihre photographischen Kunstwerke aus bis zu Hunderten von Einzelphotos komponieren. Doch nicht nur zur Realisierung künstlerischer Vorstellungen dienen die vielen neuen Programme, die mehrere Photos zu einem Bild zusammensetzen. Manche helfen auch, die technische Qualität, wie Belichtung oder Schärfe eines Bildes, so zu optimieren, wie es mit der Kamera nicht möglich wäre.

Salami-Taktik zur Schärfendehnung
So gibt es unter den zahlreichen Programmen, die aus vielen verschiedenen Photos tolle Bilder machen und damit scheinbar die optischen Gesetze außer Kraft setzen, Anwendungen, mit denen sich beispielsweise die Schärfentiefe selbst bei extremen Makroaufnahmen so weit ausdehnen lässt, dass die abgebildeten Objekte von vorn bis hinten gestochen scharf erscheinen. Hier kommt meist ein in der Mikroskopie angewandtes Verfahren zum Einsatz. Dabei wird das winzige Objekt mit vielen einzelnen Aufnahmen von vorn bis hinten „abgescannt“, so dass praktisch jeder Punkt in einer der Aufnahmen im Schärfenbereich liegt. Dann wählt die Software aus den einzelnen Photos jeweils die schärfsten Punkte und setzt diese zu einem von vorn bis hinten scharfen Bild zusammen. Theoretisch ließe sich so in jedem Motiv der scharf abgebildete Raum auf jede beliebige Ebene legen. Forscher arbeiten bereits an Aufzeichnungsverfahren, bei denen nur eine Belichtung nötig ist und die Schärfenebene später am Computer gewählt wird.

Das Ende der Schattenmänner
Aus dem richtigen Mix unterschiedlich belichteter Photos vom gleichen Motiv lassen sich auch Kontraste ausgleichen, für die früher aufwändige Masken oder zusätzliche Aufheller nötig waren. Die so genannten High-Dynamic-Range Programme ziehen sich - vereinfacht ausgedrückt - aus jeder Einzelaufnahme die korrekt belichteten Bildpartien heraus und setzen diese einfach zu einem neuen Bild mit perfekter Durchzeichnung in Lichtern und Schatten wieder zusammen. Allerdings gibt es auch hier, wie bei den Programmen zur Schärfendehnung, einen entscheidenden Nachteil. Es muss sich stets um unbewegte Motive handeln. Aber es gibt inzwischen auch intelligente Aufnahmeverfahren, die hohe Kontraste bereits in der Kamera beim Auslesen des Sensors und der folgenden Bildverarbeitung ausgleichen können. Dabei erfassen Pixel unterschiedlicher Empfindlichkeit zwei Bilder gleichzeitig oder lesen die Werte eines Bildpunktes so aus, dass die Information ausreicht, um seine Helligkeit später über ein breites Spektrum zu steuern.

Photos mit Weitblick
Nicht immer ist ein Weitwinkelobjektiv auch die optimale Wahl, um eindrucksvolle Panoramen im Bild festzuhalten. Statt der gewaltigen Kette von Berggipfeln käme dann vielleicht auch der weniger attraktive Vordergrund mit auf das Bild. Auch der Einsatz einer Panoramakamera reicht manchmal nicht aus, um dem begeisternden Rundumblick gerecht zu werden. Hier helfen die so genannten Stitching-Programme weiter, mit denen sich unterschiedliche, aneinander stoßende, besser noch, überlappende Photos praktisch wie ein Patchwork zu extralangen Panoramabilder zusammenfügen lassen. Diese Technik lässt sich auch einsetzen, um mit einer niedrig auflösenden Digitalkamera, hoch auflösende Photos zu erstellen. Statt ein Motiv mit nur einer Aufnahme zu erfassen, zerlegt man es in mehrere, kleinere Teile, die dann am Computer über die Software zusammengesetzt werden.

Photos als Pixel
Mit Hilfe von Mosaik-Software lassen sich Photos so gestalten, dass bei genauerem Hinsehen die einzelnen Mosaiksteine aus unterschiedlichen Aufnahmen bestehen. Dazu wählt das Programm aus einer vom Anwender bestimmten Bilddatenbank automatisch die Aufnahmen als Mosaiksteine aus, die in Farbe und Helligkeit der jeweiligen Bildpartie, die sie repräsentieren sollen, am nächsten kommen. Eindrucksvoll wirken auch Animationen, bei denen sich aus einem Ausgangsphoto stufenweise ein Zielphoto ergibt. Mit dieser auch als Morphing bezeichneten Technik lässt sich per Mausklick ganz einfach ein unliebsamer Chef zur Schnecke machen.

Auf den ersten Blick mögen die vielen Effekte, die sich heute oftmals schon mit den zahlreichen als Freeware erhältlichen Bildbearbeitungsprogrammen erzielen lassen, recht eindrucksvoll erscheinen. In der Häufung nutzen sich jedoch alle Effekte im Laufe der Zeit mehr oder weniger ab, und die tatsächliche Qualität eines Photos rückt in den Vordergrund. Schlechte Aufnahmen werden sich nur selten in gute Bilder verwandeln lassen. Doch wird es kaum einem Photo schaden, wenn es dank Bildbearbeitungswerkzeugen technisch perfekter erscheint.
 

Digitalfotografie 02 / 2007

66 Bewerten  |  Drucken  |  Weiterempfehlen
Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden