Wie aussagekräftig sind Kameratests?

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Sybille Schorlemmer

Kriterien für die Bildqualität - Farbwiedergabe
Im vergangenen Jahr wurde durchschnittlich pro Tag ein neues Kameramodell vorgestellt. Der harte Wettbewerb brachte Verbrauchern den Vorteil einer großen Auswahl verbunden mit günstigen Preisen. Der Nachteil: Verwirrung bei der Entscheidung für das richtige Modell. Der Ausweg für viele war der Vergleich der Testergebnisse in renommierten Fachzeitschriften. Doch wie sind solche Tests zu lesen? Was sollten Verbraucher über Tests wissen, um die für sie richtige Kaufentscheidung treffen zu können?

Verbrauchertests wollen Kaufentscheidungen erleichtern und vor Fehlkäufen schützen. Sie sollen bei wichtigen Anschaffungen helfen, das optimale Produkt zu finden. Dazu müssen Tests aussagekräftig, zuverlässig und nachvollziehbar sein. In der Regel kann der Leser von Verbrauchertests davon ausgehen, daß seriöse Fachzeitschriften und Institute sorgfältig und verantwortungsbewußt ihre Messungen vornehmen, so daß an der Richtigkeit dieser Meßdaten kaum Zweifel bestehen. Allerdings tauchen bei der Auslegung und Wertung dieser Messungen starke Unterschiede auf. So werden Funktionalität und Verarbeitung von den Testinstitutionen unterschiedlich gewichtet und viele Eigenschaften, wie etwa Design und Handhabung, subjektiv gewertet. Kaum Erwähnung findet der zu erwartende Service, falls trotz aller Qualitätskontrollen, das Produkt nicht den versprochenen Standard erfüllt. Der erste Artikel dieser Beitragsreihe soll Verbrauchern helfen, aus der Mischung subjektiver und objektiver Urteile eine individuelle, auf ihre Bedürfnisse bezogene Kaufentscheidung treffen zu können.

Äpfel mit Birnen
Basis aller aussagekräftigen Testversuche ist die Vergleichbarkeit der getesteten Produkte. Würden Autotester Michael Schumachers Ferrari mit einem Golf GTI vergleichen, würde möglicherweise der Ferrari die Bestenliste der Tester anführen, obwohl er beim TÜV nicht einmal eine Verkehrszulassung bekommen würde. Ein Megapixel Photohandy würde den Vergleich mit einer Digitalkamera mit gleicher Pixelzahl nicht bestehen, obwohl sein Funktionsumfang weit über den der Kamera hinausgeht.

Kameras haben die Aufgabe, Daten für technisch einwandfreie Photos zu liefern. Multifunktionsgeräte, wie zum Beispiel Kamerahandys, müssen einen optimalen Kompromiß zwischen Bildqualität und den Funktionen der Sprach- und Bildkommunikation liefern. Das beste Photohandy ist also das Produkt, bei dem Bildqualität und Kommunikationsfunktionen sich optimal ergänzen. Es wird aber niemanden überraschen, wenn ein Kamerahandy mit mittlerer Bildqualität und hervorragenden Kommunikationseigenschaften in einer Photozeitschrift schlechter abschneidet als vielleicht bei den Testern einer auf Mobiltelefone spezialisierten Zeitschrift.

Digitale Kameras sind technologisch hoch entwickelte Werkzeuge zur Bilderstellung. Die Qualität eines solchen Werkzeugs zeigt sich darin, welche Ergebnisse sich mit welchem Aufwand, welchen Vorkenntnissen und welchen Kosten realisieren lassen. Tester teilen daher sinnvoller Weise die Kameras, die sie testen und vergleichen wollen, auch nach den Ansprüchen ein, die sie an das Können der Anwender stellen. Jemand der schnelle Schnappschüsse ohne photographische Vorkenntnisse machen möchte, wird mit einem hochwertigen, komplexen Spiegelreflexsystem vermutlich weniger zufriedenstellende Ergebnisse erzielen als mit einer vollautomatischen Kompaktkamera. Dennoch werden Tester die SLR-Bildqualität gegebenenfalls höher bewerten als die einer Kompaktkamera. Um objektiv gültige Aussagen machen zu können, müssen die Testanordnungen und Verfahren zudem über einen längeren Zeitraum wiederhol- und vergleichbar sein.

Wenden wir uns der Farbwiedergabe zu, eines der Testkriterien. Farbe ist nicht meßbar. Mit Messungen kann höchstens der Sinneseindruck mathematisch beschrieben werden. Zudem sagt eine meßtechnisch richtige Farbwiedergabe wenig darüber aus, ob sie dem Betrachter gefällt. Im Gegenteil, oftmals wird sie sogar als unschön empfunden. Farbtöne, von denen wir in unserer Erinnerung eine ganz bestimmte Vorstellung haben, sind beispielsweise Hauttöne, das Himmelsblau oder das Grün der Vegetation. Diese Farbvorstellungen haben meist nur wenig mit der Realität zu tun und sind obendrein ethnisch und regional recht verschieden. So haben Japaner andere Vorstellungen von einer optimalen Hauttonwiedergabe als Afrikaner, Europäer oder Amerikaner. Ob ein Bild jemandem gefällt oder nicht, ist daher kaum objektivierbar. Aus diesem Grund bedarf es langjähriger Erfahrung seitens der Kamerahersteller, die mit der Kamera erfaßten Farben für den Anwender angenehm erscheinen zu lassen. Daraus ergibt sich für Tester und Hersteller ein Teufelskreis: Kameras, deren angenehme Farbwiedergabe Kunden zufriedenstellen, werden häufig bei objektiven Meßverfahren abgewertet. Eine als angenehm empfundene Farbwiedergabe ist nur mit großem zeitlichen und personellen Aufwand aufzuspüren. Derartige Tests lassen sich nur innerhalb eines einzigen Testsdurchgangs evaluieren, da physiologische und psychologische Bedingungen sonst nicht vergleichbar sind. Eine langjährige, objektive Vergleichbarkeit der Ergebnisse ist auch deshalb schwer möglich, weil für einen relevanten Test auch Motive in der Natur herangezogen werden müßten. Doch dafür lassen sich wiederum keine vergleichbaren Bedingungen schaffen. So stützen sich die meisten Tester auf möglichst realitätsnahe Testaufbauten im Studio, wo unter kontrollierten wiederholbaren Bedingungen photographiert werden kann. Die dort erzielten Ergebnisse werden meist mit dem Original verglichen - mit Farbtafeln, bunten Gegenständen mit kniffligen Strukturen und Oberflächen, mit Dingen wie sie so in der Natur eigentlich nicht vorkommen. Über die zu erwartende Qualität unter realistischen Bedingungen, beispielsweise von Photos bei Sonnenlicht, blauem Himmel und mit grüner Vegetation sagen sie wenig aus. Gültige Aussagen über die Farbgebung von Portraits bei Tageslicht oder mit Blitzlicht sowie von Landschaftsaufnahmen bei Sonne oder bedecktem Himmel lassen sich so nicht machen.

Um aussagekräftige Tests zur Farbwiedergabe einer Digitalkamera machen zu können, sollten daher nicht die Kamera und die mit ihr erstellten Daten, sondern die daraus resultierenden Bilder, sprich die Prints und die Bildschirmdarstellung untersucht werden. Das macht tausende von Aufnahmen nötig, die unter realen, praxisnahen Bedingungen photographiert und in tagelanger visueller Begutachtung durch Experten beurteilt werden müßten - denn nicht Meßwerte sind entscheidend, sondern der subjektive visuelle Vergleich.

So sind beispielsweise Kameras, die Hautfarben realistisch wiedergeben, kaum gefragt. Meist wünschen sich die Menschen in den verschiedenen Erdteilen eine Wiedergabe, die meist diametral von der Realität abweicht. In Asien wünschen sich die Menschen eine magentalastige, keinesfalls gelb wirkende Wiedergabe. In Mitteleuropa sollte sie gelber und dunkler, aber auf keinen Fall magentastichig sein. In Südeuropa wünscht man sich einen helleren Hautton und in Afrika sollte er ebenfalls heller und gelber sein. Erst durch die analoge Umsetzung mittels Monitor oder Printer werden digitale Photos sichtbar. Die Farbwiedergabe dieser Geräte sollte für Tests den höchsten Qualitätsanforderungen entsprechen und regelmäßig kalibriert und ICC-profiliert werden.

Zwar ist eine meßtechnische Beurteilung der Farbwiedergabe wichtig für die objektive Vergleichbarkeit und Wiederholbarkeit, doch ob diese meßtechnisch korrekte Farbwiedergabe dem Kunden auch gefällt, kann nur in praktischen Versuchen, mit realen Photos und mit viel Erfahrung festgestellt werden. Die meßtechnisch richtige Abbildung der Realität wird erfahrungsgemäß selten als schön empfunden und ergibt keinesfalls automatisch auch gute Prints.

Für Photoabzüge, die dem Kunden gefallen, müssen zahlreiche Optimierungen der Bilddatei vorgenommen werden, die oftmals schon in der Kamera ablaufen. Dazu gehören Gradationsaufsteilung, Belichtungskorrektur, Farbstichkorrektur, Schärfung, lokale Dichte-, Gradations- und Farbkorrekturen.

Um eine digitale Aufnahme - die auf eine brillante Darstellung am Monitor optimiert wurde - auf Papier, das einen wesentlich geringeren Kontrastumfang besitzt, stark reflektiert und durch Streulicht zusätzliche Kontrasteinbußen erwarten läßt, optimal drucken zu können,muß der Brillanz- und Sättigungseindruck mit - teilweise auch lokalen - Gradationskorrekturen simuliert werden.Alle meßbaren Eigenschaften eines Bildes beschreiben nur Teilaspekte der Aufnahmequalität. Zahlreiche für die Bildqualität relevante Faktoren sind nicht meßbar. Tests, die sich ausschließlich auf Meßdaten stützen, sagen daher wenig über die Leistung von Digitalkameras in der Praxis aus. Hinzu kommt, daß die Bildqualität auch nur ein Teilaspekt der Leistungsfähigkeit einer Digitalkamera darstellt. Um Kameras und ihre Bildqualität bewerten zu können, ist daher zusätzlich zu verläßlichen und wiederholbaren Meßdaten Expertenwissen unabdingbar.
 

Digitalfotografie 03 / 2005

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