Wie aussagekräftig sind Kameratests? - Kriterien für die Bildqualität - Schärfe und Autofokus

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Blende ,"Schneckennatter auf Beutefang"
Alfred Preuß

Kriterien für die Bildqualität - Schärfe und Autofokus

Unter optimalen Aufnahmebedingungen, sprich bei ausreichender Motivhelligkeit, ruhiger Kamerahaltung oder dem Einsatz eines Stativs sowie unbewegten Aufnahmeobjekten werden die meisten modernen Kameras der Mittelklasse nicht nur zufriedenstellende, sondern auch technisch perfekte Photos liefern. Doch erst die Eignung einer Kamera, überraschende Situationen auch unter widrigen Bedingungen blitzschnell zu erfassen, macht sie wirklich praxistauglich. Um eine technisch perfekte Aufnahme schießen zu können, müssen nämlich vom Anwender oder von der Kameraautomatik zuvor eine ganze Reihe von Parameter ermittelt und die entsprechenden Einstellungen am Aufnahmesystem gewählt und eingestellt werden. Testbilder unter kontrollierten Studiobedingungen geben daher über die Praxistauglichkeit eines Aufnahmesystems oft nur wenig Auskunft.

Schärfe als Gestaltungsmittel
Um einen Bildpunkt scharf abbilden zu können, muß das Objektiv präzise auf die Motivebene, in der sich das Hauptobjekt befindet, eingestellt werden. Würde man die Schärfe rein rechnerisch beurteilen, so dürfen nur die Punkte als wirklich scharf angesehen werden, die sich exakt auf der Motivebene befinden, auf die das Objektiv scharf gestellt wurde. Diesen theoretischen Wert aus Millionen unendlich kleiner, auf einer Ebene liegender Punkte kann das menschliche Auge jedoch nicht mehr differenziert wahrnehmen. Es nimmt vielmehr auch vor und hinter dieser Ebene liegende Bildpunkte noch als scharf war, selbst wenn diese nicht mehr punktförmig, sondern als mehr oder weniger große, unscharfe Scheibchen wiedergegeben werden, solange deren Durchmesser nicht eine bestimmte Größe übersteigen. Diese vor und hinter der Schärfenebene liegenden Scheibchen werden in der Optik als Zerstreuungskreise bezeichnet. Ihre Größe nimmt zu, je weiter sie sich von der eingestellten Schärfenebene befinden. Den Raum vor und hinter der eigentlichen Schärfenebene, der vom Auge noch als scharf wahrgenommen wird, bezeichnet man als die Schärfentiefe. Sie wird von der Blende, der Brennweite und der Aufnahmedistanz beeinflußt. Bleiben Brennweite und Aufnahmedistanz gleich, so wird die Schärfentiefe um so größer, je weiter die Blende geschlossen wird. Umgekehrt verringert sie sich, je weiter man die Blende öffnet. Bleiben Blenden- und Entfernungseinstellung konstant, vergrößert sich mit kürzer werdender Brennweite die Schärfentiefe. Bei gleicher Blende und Brennweite nimmt die Schärfentiefe bei größer werdender Aufnahmedistanz zu. Aufnahmedistanz und Brennweite wiederum bestimmen, wie groß ein Objekt auf dem Photo abgebildet wird. Daraus ergibt sich eine direkte Abhängigkeit von Abbildungsmaßstab, Blende und Schärfentiefe. Je größer der Abbildungsmaßstab, um so geringer wird die Schärfentiefe.

Ein weiterer Faktor ist das Aufnahmeformat. Die kleineren Sensorformate in der digitalen Photographie, verbunden mit den geringen Anfangsöffnungen vieler Superzoomkameras, führen ebenfalls zu einer größeren Schärfenausdehnung im digitalen Bild. Für die Beurteilung der technischen Bildqualität, spielt die Schärfentiefe nur in den wenigsten Tests eine Rolle. Für die Praxistauglichkeit, vor allem in Bezug auf die Bildgestaltung, sind die Steuerungsmöglichkeiten der Schärfentiefe durch Blenden- und Brennweitenwahl aber sehr wohl wichtig. Die gestalterischen Möglichkeiten, die sich durch ein Objektiv mit hoher Lichtstärke verbunden mit einem größeren Sensor ergeben, finden in vielen Kameratests kaum Niederschlag. Schon gar nicht die Qualität der Darstellung der Unschärfe, die auch durch die Form der Blendenöffnung beeinflußt wird. Je präziser der von den Blendenlamellen geformte Kreis der Blende, um so gleichförmiger wirkt der Verlauf der Unschärfe. Doch welcher Tester achtet schon auf die gestalterisch wichtige Unschärfe?

Automatisch schneller scharf
Unterschiedliche Methoden der automatischen Scharfstellung führen zu unterschiedlichen Ergebnissen. So sagt die Geschwindigkeit der unter Studiobedingungen gemessenen Scharfstellung und auch deren Präzision meist wenig darüber aus, wie eine Autofokussteuerung in der Praxis reagiert. Vor allem moderne Mehrfeldmessungen für die optimale Entfernungseinstellung sind schwierig zu beurteilen. Da kann theoretisch die Spotmessung mit variablem Meßfeld zum gleichen Ergebnis führen wie die Mehrfeldmessung, die das Motiv mit etlichen, im Kameraprozessor gespeicherten Mustern vergleicht und dann entscheidet, auf welches Detail die Schärfenebene gelegt werden soll. Wie beurteilt ein Tester Sonderformen der Autofokussteuerung, die anhand der Hautfarbe Gesichter identifizieren und automatisch darauf scharfstellen? Wie werden aktive AF-Systeme bewertet, die nur eine geringe Reichweite haben, wie umgekehrt passive Systeme, die dann versagen, wenn die Umgebungshelligkeit nicht ausreicht und wie wiederum jene Automatiken, die sich für Nachtaufnahmen nicht manuell auf unendlich schalten lassen, etwa für Photos von einem Feuerwerk oder einer nächtlichen Mondlandschaft? Das alles sind Fragen, die in der Praxis häufiger auftauchen als unter reproduzierbaren Bedingungen im Teststudio.

Die Schnelligkeit, mit der eine Kamera die präzise Schärfe findet, ist zweifellos ein wesentliches Qualitätskriterium. Aber auch hier sind praxistaugliche Tests eher die Seltenheit. Erst die Vielzahl der Situationen, unter der eine Kamera wie schnell und wie exakt scharf stellt, zeigt ihre tatsächliche Leistungsfähigkeit. Doch welche Testverfahren können das leisten?

Schon allein wegen der Forderung der Wiederholbarkeit sind relevante Testverfahren für die AF-Steuerung, die einen echten Vergleich unterschiedlicher Systeme sicherstellen, kaum möglich. Ganz schwierig wird es, wenn es darum geht, wie schnell eine Kamera ein bewegtes Objekt erfaßt, verfolgt und korrigiert sie nötigenfalls die Einstellung noch während der Auslöseverzögerung bis zur tatsächlichen Belichtung?

Komplexe Testverfahren wären erforderlich, um Autofokussysteme aussagekräftig zu prüfen. Die Praxis der Tester sieht aber anders aus. Hier werden ausgewählte, meßbare Kriterien praktisch in Form von Stichproben stellvertretend für alle anderen geprüft. Von dem Ergebnis dieser Prüfungen werden dann meist Schlüsse auf die Gesamtqualität gezogen - Schlüsse die leider oftmals praxisfern und theoretisch sind. Das liegt unter anderem daran, daß Tester die individuellen Bedürfnisse eines Photographen nicht in ihre Überlegungen mit einbeziehen können. Es ist nämlich durchaus möglich, daß für Photographen, die vorzugsweise Nahaufnahmen machen, wo die Schnelligkeit des Autofokussystems und die Auslöseverzögerung nicht so wichtig sind, wie beispielsweise der gleichmäßige Verlauf und die saubere Trennung von Schärfe- und Unschärfezonen.
 

Digitalfotografie 06 / 2005

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