Multi-Shot-Technologien

Klick in die Vergangenheit

© Blende, Juliane Heim, Unter Wölfen
© Blende, Juliane Heim, Unter Wölfen
Fast könnte man glauben, die moderne Technik führe die Fotografie an ihre Ursprünge zurück. Heißt es doch Immer häufiger: Fotografier jetzt, mach das Bild später! Mit später ist die ‚Postproduction‘ am Computer gemeint, die zu Unrecht von manchen Fotografen verpönt, von anderen wiederum als der wahre Ort der Bildschöpfung betrachtet wird. Tatsächlich ist sie im Grunde nichts anderes als früher die gekonnt manipulierte Entwicklung des Bildes im Labor.

Aber ganz abgesehen davon, zu welchem dieser beiden, meist leidenschaftlich vertretenen Lagern der Fotografie sich jemand zugehörig fühlen mag, viele der besten Bilder der jüngeren Fotografie wären ohne die Werkzeuge der digitalen Nachbearbeitung nicht realisierbar gewesen. Sicher sind Manipulationen, vor allem Fälschungen des Inhalts eines Nachrichten- oder Dokumentationsfotos verwerflich, doch warum sollen Helligkeit, Farbe oder Kontrast einer Szene heute nicht mehr nachträglich so angepasst werden dürfen, wie es Generationen von Filmfotografen im Labor oder schon während der Aufnahme durch Filter oder mithilfe der Wahl des Filmmaterials oft gemacht haben? In Zeiten wo Nachrichtenagenturen der JPEG-Entwicklung der Kamera mehr vertrauen als der RAW-Entwicklung durch den Urheber einer Aufnahme, kommt die Kritik der Nachbearbeitung oftmals fast schon einer Verteufelung nahe. Dabei werden heute wie damals häufig erst durch den Einsatz von nicht in der Kamera vorhandenen Werkzeugen zur Bildentwicklung oder -bearbeitung kreative Höchstleistungen der Fotografie machbar.

© Blende, Ekkehard Römmelt Dr., Nss
© Blende, Ekkehard Römmelt Dr., Nss
Der Fokus der Fototechnik auf das Erfassen des Augenblicks hat seine gestalterische Interpretation in den Hintergrund treten lassen. Fotografen wurden – wie einst die Maler – zu Kopisten der Natur oder der sie umgebenden Realität degradiert. Moderne Aufnahme- und Nachbearbeitungstechnologien haben den Fetisch, der das Erhaschen des „perfekten Moments“ zur künstlerischen Großtat hochstilisiert, relativiert. Denn damals wie heute dokumentiert dies nur das Beherrschen eines Handwerks, nicht mehr.

Generationen von Fotoingenieuren haben daran getüftelt, das Erfassen des entscheidenden Augenblicks so einfach wie nötig und so sicher wie nur möglich zu machen. Dazu wurden alle Einstellungen der für eine gelungene Aufnahme erforderlichen Parameter wie Verschlusszeit, Blende, Farbtemperatur, Sensorempfindlichkeit oder Fokus ebenso automatisiert wie die Funktionen zur Vermeidung möglicher Fehlerquellen wie Unschärfe durch Verwacklung. Diese Automatiken arbeiten inzwischen nahezu verzögerungsfrei in ‚Echtzeit‘. Ziel all dieser Bestrebungen: Jeden in die Lage zu versetzen, die ihm wichtigen, magischen Momente mit Sicherheit einfangen zu können. Das geht heute bei manchen Kameras sogar dann, wenn der Fotograf beim Druck auf den Auslöser den entscheidenden Moment schon verpasst hätte.

Möglich macht dies die Verknüpfung der hochauslösenden Bewegtbild-Aufnahme, sprich Video, mit der Fotografie. Hochauflösende Actionvideos mit extrem hohen Bildfolgen (Framerates) von 60 oder sogar 120 Bildern in der Sekunde erfassen sogar Phasen eines Geschehens die auch der beste Fotograf ob des begrenzten, menschlichen Sehvermögens nicht wahrnehmen, sondern höchstens erahnen kann.

© Blende, Eva Nou-Janele, Zicke
© Blende, Eva Nou-Janele, Zicke
Das Prinzip, das diesen „Klick in die Vergangenheit“ ermöglicht, basiert auf einer hochintelligenten und dennoch einfach zu nutzenden Technik. Sobald die Kamera und diese Funktion aktiviert werden, nimmt die Kamera das Geschehen in ihrem Blickfeld kontinuierlich auf und verwirft alle Aufnahmen wieder, die über einen bestimmten Zeitraum zurückliegen. Glaubt der Fotograf, nun sei der entscheidende Augenblick für seinen Schnappschuss gekommen, drückt er wie immer schon den Auslöser. Nur speichert in diesem Fall die Kamera nicht nur die Belichtung im Augenblick der Auslösung, sondern auch eine bestimmte Anzahl von Aufnahmen davor und danach. Nach der Aufnahme kann der Fotograf alle Fotos schnell auf einem „Slider“ – wie er es auch schon von seinem Smartphone her kennt – sichten, um die seiner Meinung nach perfekten Bilder des entscheidenden Augenblicks endgültig zu speichern. So ist sichergestellt, dass keiner der magischen Momente des Lebens verlorengeht, weil der Fotograf nicht schnell genug geschaut und reagiert hat.

Videotechnik und Fotografie verschmelzen immer enger miteinander, zum Vorteil beider Medien. Natürlich verlangen Filmen und Fotografieren unterschiedliche Herangehensweisen für optimale Ergebnisse. Doch die Basistechnologien gleichen sich mehr und mehr an. Immer seltener werden Hobbyfilmer und Hobbyfotografen für ihre Aufnahmen unterschiedliche Kamerasysteme einsetzen. Worin sich ihre Ausrüstungen jedoch auch in Zukunft deutlich unterscheiden werden, ist das für einen optimalen Arbeitsablauf verwendete Zubehör. Mit wachsender Auflösung der Filmaufnahmen und den immer schnelleren Bildfolgen, die heute in professionellen Bereichen 4K Qualität bei 60 Bildern in der Sekunde schon übersteigt, werden Fotografen immer häufiger auf „Nummer sicher“ gehen und statt sich darauf zu verlassen, den „Decisive“ Moment zu erwischen, eine Sequenz aufzeichnen, wo er mit Sicherheit perfekt enthalten ist.

Digitalfotografie 04 / 2016

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