Tablet und Laptop in einem: So finden Fotografen das passende 2in1-Gerät

Microsoft Surface Pro 4
Seit es das Microsoft Surface Pro und Apple iPad Pro gibt, stellt sich für Fotografen die Frage, warum sie noch einen herkömmlichen Computer auf ihre Fotoreisen mitnehmen sollten. Diese so genannten 2in1-Rechner vereinen die Stift- und Fingereingabe eines Tablets mit der Rechenstärke und Tastatur eines Laptops. Immer mehr Hersteller bringen Geräte in dieser hybriden Produktkategorie raus. Worauf sollten Fotografen achten, wenn sie ein 2in1-Gerät für die mobile Bilderverwaltung und -Bearbeitung suchen? Wir erklären die wichtigsten Kaufkriterien.

Darf es etwas mehr Tablet oder Laptop sein?

2in1-Rechner vereinen zwar grundsätzlich die Eigenschaften von Tablets und Laptops – allerdings nie zu gleichen Teilen. Im Grundsatz müssen Fotografen dann eben doch vorab entscheiden, worauf der Einsatzschwerpunkt liegt. Wünschen sie sich ein universelles Hauptgerät, das auch unterwegs Zugriff auf professionelle Desktop-Software bietet und dank vieler Schnittstellen nahtlos in ein Büro-Setup integriert werden kann? Oder bevorzugen sie ein kompaktes Begleiter-Gerät mit mobilem Betriebssystem und touch-optimierten Apps für Vorarbeiten, die nach der Reise mit einem Desktop-Rechner veredelt werden?

Wunschgerät: Hauptcomputer

Sony Xperia Z4
Wer auf Desktop-Programme nicht verzichten möchte, kommt an einen 2in1-Rechner mit Windows 10 nicht vorbei. Das aktuelle Betriebssystem von Microsoft unterstützt herkömmliche Bildbearbeitungssoftware wie Photoshop, PaintShop Pro oder Gimp.

Mit dem Surface Pro 4 (ab 950 Euro) und dem Surface Book (ab 1.650 Euro) hat Microsoft zwei aktuelle Referenzgeräte im Programm, an dem sich andere Hardware-Hersteller wie HP, Lenovo und Samsung orientieren. Das Surface Pro 4 ist mit 12,3 Zoll Diagonale ein großes Tablet mit optional montierbarer Tastatur, das Surface Book hingegen ein 13,5 Zoll messender Laptop mit viel Rechenpower und Akku-Kapazität, dessen Display sich vom Sockel entkoppeln lässt. Das Surface Pro 4 wiegt ohne Tastatur knapp über 700 Gramm, das Surface Book mit 1,5 Kilogramm mehr als doppelt so viel. Zum Vergleich: Das Highend-Android-Tablet Sony Xperia Z4 (ab 550 Euro) wiegt mit 10-Zoll-Diagonale maximal 393 Gramm.

Bei 2in1-Geräten mit Windows 10 können Fotografen auf alle bekannten Software-Funktionen und Plug-Ins zurückgreifen, eine Umgewöhnung entfällt, die Frage nach der Kompatibilität von Peripherie- und Eingabegeräten stellt sich nicht und Dateien können in aller Formatvielfalt auf den bekannten Wegen im- und exportiert werden. Allerdings sind die Schaltflächen von Desktop-Programmen auf den hochaufgelösten Displays meist so klein dargestellt, dass eine Stifteingabe oder der Anschluss eines großen Zweitbildschirms empfehlenswert ist.

Wunschgerät: Begleitcomputer

Google Pixel C
Wenn es darum geht, mit Begleiter-Geräten unterwegs schnell und einfach Bilder zu sichten und kleinere Korrekturen vorzunehmen, sind Tablets mit iOS oder Android die bessere Wahl. Mit Diagonalen von 10 bis 13 Zoll belasten sie das Handgepäck häufig etwas weniger als Windows-10-Tablets. Außerdem sind die verfügbaren Foto-Apps für die kleineren Displays und die Fingereingabe angepasst (fünf gute Foto-Editoren für iOS und Android stellen wir hier vor).

Wer Fotos von externen Speichermedien verarbeiten will, muss bei iOS und Android jedoch mit weniger Komfort auskommen. Sie lassen sich nur mit zusätzlichen Kartenlesegeräten oder per Umweg über Cloud-Speicher hinzufügen.

Leistung und Display: Auf jeder Plattform starke Aussichten

Dreh- und Angelpunkt eines Tablets ist natürlich das Display. Wer überwiegend in einem bestimmten Seitenverhältnis fotografiert und keine schwarzen Balken oder Ränder sehen möchte, berücksichtigt den Formfaktor des 2in1-Geräts. Die aktuellen Surface-Geräte entsprechen mit 3:2 dem klassischen SLR-Format, iOS-Tablets sind mit 4:3 optimal für das gängige Systemkamera-Format und die meisten Android-Tablets decken mit 16:9 das Seitenverhältnis von Smartphone-Fotos ab.

Apple iPad Pro
Was die Qualität betrifft, bieten die hochauflösenden, hellen und kontrastreichen Bildschirme der Surface- und iPad-Pro-Reihe sowie vom Sony Xperia Z4 und Google Pixel C (ab 500 Euro) allesamt brillante Aussichten auf die eignen Fotoergebnisse. Qualitativ nehmen sie sich nicht viel. Sie liegen alle weit über einer Auflösung von 2.000 Pixeln an der langen Kante und einer Pixeldichte von 250 ppi. Das ist sehr scharf. Minium sollte heutzutage eine Full-HD-Auflösung (1.920 × 1.080 Pixel) sein.

In Punkto Leistung müssen sich Top-Vertreter unter den 2und1-Geräten mit Windows 10 nicht vor hochgerüsteten Business-Laptops und Workstations verstecken. In der Bestausstattung verfügt das Surface Book über einen schnellen i7-Prozessor von Intel, 16 GB RAM und eine dezidierte Nvidia-Grafikkarte. Selbst Highend-Bildbearbeitung und -Videoschnitt ist hier keine Hürde. Dafür werden allerdings auch fast 3.000 Euro fällig. Am unteren Ende für ab 900 Euro warten hybride Windows-Rechner mit 4 GB RAM und energieeffizienten m3- und m5-Prozessoren auf. Einfache Bildverwaltung und -bearbeitung ist damit problemlos möglich, etwas mehr Leistungsreserven können aber nicht schaden. Den rechenstarken A9X-Prozessor im iPad Pro reizen aktuelle mobile Foto-Apps nicht aus. Leistung ist auch also bei den aktuellen iOS-Flaggschiffen kein Flaschenhals. Im vielfältigen Android-Lager geht auf Nummer Sicher, wer zu schnellen Highend-Tablets wie dem Sony Xperia Z4 oder dem Google Pixel C greift.

Zeichengeräte für Fotokünstler

Huawei MediaPad M2 10.0
Das richtige Eingabewerkzeug spielt ebenfalls eine wichtige Rolle beim Tablet-Kauf. Viele Fotografen bevorzugen die präzisere Bildbearbeitung per Stift. Die Surface-Pro-Reihe von Microsoft hat Digitizer außerhalb des Grafiktablet-Bereichs salonfähig gemacht. Auch bei der vierten Modellgeneration ist der Surface Pen inklusive. Er unterscheidet 1.024 Druckstufen und ermöglicht damit zielgenaue selektive Bildkorrekturen. Andere 2in1-Geräte mit Windows 10 werden ebenfalls mit Stift geliefert, etwa das HP Elite x2 1012 (ab 1.000 Euro), bei dem ein Zeichengerät von Wacom dazugehört.

Mit dem iPad Pro hat Apple Ende 2015 erstmals ein iOS-Tablet mit drucksensiblen Digitalstift vorgestellt. Der Apple Pencil ist aber optionales Zubehör. Vorteil des eng verzahnten Ökosystems von Apple: Eine wachsende Zahl von Foto-Apps wie Photoshop Fix und Pixelmator ist genau auf Apples Digitizer abgestimmt. Für die Stiftbedienung optimierte Android-Tablets sind seltener zu finden. Eine solche Rarität ist das Huawei MediaPad M2 10.0, das in der Premium-Version (499 Euro) einen Wacom-Stylus enthält.

Bilder für den Katalog oder im Social Web zu verschlagworten, geht mit physischen Keyboards angenehmer als mit der Software-Tastatur auf dem Display. Für ihre 2in1-Flaggschiffe bieten alle namhaften Hersteller kompakte aber trotzdem vollwertige Tastaturen an, die an das Display angedockt werden. In einigen Fällen, wie etwa beim Samsung Galaxy TabPro S (ab 1.000 Euro) oder dem Lenovo Miix 700 (ab 900 Euro), ist eine Tastatur gleich ab Werk an Bord. Hingegen zum Beispiel Microsoft und Apple verlangen für ihre Schreibbretter bis zu 180 Euro extra. Wer scharf kalkulieren muss, sollte also das Gesamtpaket betrachten.

Einen Steckplatz für SD-Karten muss man suchen

Samsung Galaxy TabPro S
Wie kommen die Fotos eigentlich auf das 2in1-Gerät rauf? Aus Sicht von Fotografen offenbart sich hier ein Manko dieser Produktkategorie. Ein Einschub für SD-Speicherkarten ist nämlich nicht selbstverständlich. In vielen Geräten mit Windows 10 und Android ist nur ein Slot für die weniger geläufigen Micro-SD-Karten integriert. Das Microsoft Surface Book, ohnehin eher ein Laptop als ein Tablet, ist mit seinem vollwertigen SD-Slot eine Ausnahme. iOS-Geräte akzeptieren ab Werk gar keine Speicherkarten. Immerhin lässt sich via USB (Windows 10), Micro-USB (Android) und Lightning (iOS) ein externes Kartenlesegerät verbinden. Für einzelne Geräte wie das Surface Pro 4 und das Surface Book gibt es sogar Docks und Adapter mit LAN-Anschluss für „tethered shooting“. Wer ohnehin viel Foto-Zubehör dabei hat, wird dieses Extra-Gepäck wohl verkraften. Ist eine Kamera oder eine SD-Karte mit WLAN-Modul vorhanden, bietet sich natürlich auch der kabellose Import an. Allerdings lassen sich auf diesem Weg meist nur JPEGs transportieren, RAW-Dateien werden äußerst selten unterstützt. Ein großer Zweitmonitor zum besseren Betrachten von Bildern lässt sich übrigens nur bei Windows-10-Geräten anschließen. Der nötige Mini-DisplayPort ist in der Regel vorhanden.

Nicht am Speicher sparen

Für große Fotosammlungen bot der interne Speicher vieler Android-Geräte lange Zeit nicht genug Platz. Da viele Tablets mit Googles Betriebssystem per Micro-SD-Karte um bis zu 128 GB erweiterbar sind, ist das heute seltener der Fall. Bei iOS-Tablets lässt sich der Speicher nach wie vor nicht vergrößern. In der Variante mit der besten Ausstattung offeriert das iPad Pro allerdings satte 256 GB. Die größte Flexibilität ermöglicht das Windows-10-Sortiment. Spitzengeräte wie das Surface Book sind mit bis zu 512 GB großer SSD-Festplatte erhältlich. Zudem ist es ein Leichtes, externe Festplatten per USB zu koppeln.

Geländegängigkeit: Wetterschutz, LTE und Akku

Lenovo Miix 700
Gerade für Fotoreisen in entlegene Gegenden scheint das Konzept der kompakten 2in1 wie gemacht. Richtige Naturburschen sind aber vorerst nur die wenigsten Geräte. Aus der Masse hervor sticht das Sony Xperia Z4. Es ist gemäß der Standards IP65 und IP68 wasser- und staubdicht und damit auch für Abenteuerfotografen geeignet. Zudem ist es wie die meisten Android- und alle iOS-Geräte in einer teureren Variante mit LTE-Mobilfunk erhältlich. So lassen sich auch an Standorten Fotos verschicken, wo kein WLAN-Hotspot vorhanden ist.

Im Windows-10-Lager sieht es in dieser Hinsicht noch mau aus. Ein wetterfestes 2in1-Gerät ist dort bislang nicht vertreten. Und ausgerechnet die Surface-Flaggschiffe von Vorreiter Microsoft sind nicht LTE-fähig. Alternative: Beim HP Elite x2 1012 und Samsung Galaxy TabPro S gibt es LTE gegen Aufpreis.

Wie lange ein 2in1-Gerät ohne Steckdose auskommt, ist keine Frage der Plattform. So machen große Akkus mit Kapazitäten zwischen 9.000 und 10.000 mAh das Surface Book, das iPad Pro in der Variante mit 12,9 Zoll und das Google Pixel C zu echten Ausdauerkünstlern.

Fazit

2in1-Rechner eigenen sich prima für Fotografen. Sie sind kompakt und dank Stift- und Touch-Unterstützung intuitiv zu bedienen. Rechen- und Speicherkapazität sind keine Engpässe mehr. Weil Hersteller große Hoffnung in diese Produktkategorie setzen, haben Kaufinteressenten immer mehr die Qual der Wahl. Wer einen universellen Hauptrechner mit vielen Schnittstellen für die Arbeit mit Desktop-Programmen sucht, ist bei der Plattform Windows 10 richtig. Die Referenzgeräte von Vorreiter Microsoft sind zweifellos empfehlenswert, aber im Vergleich recht teuer. HP, Lenovo, Samsung (und immer mehr Hersteller) bieten günstigere Alternativen. Zum Teil bieten sie aber auch nicht so viel Power und Zubehör wie die Surface-Reihe. Wer im Ökosystem von Apple zu hause ist, kommt am iPad Pro nicht vorbei. Es handelt sich aber um ein Begleiter-Gerät, das die Arbeit am Mac ergänzt und nicht ersetzt. Das trifft auch auf Android-Geräte zu. Im Vergleich zu Geräten mit Windows 10 und iOS sind sie aber oft für weniger Geld zu haben. Selbst ein Spitzen-Tablet wie das Sony Xperia Z4 kostet nur etwas mehr als die Hälfte des günstigsten Surface Pro 4.

Digitalfotografie 04 / 2016

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