Anja Bohnhof - Fremdesland

Anja Bohnhof, aus der Serie Innere Angelegenheit, 2008 Bildgalerie betrachten

“aus der Serie „Innere Angelegenheit“, 2008”
Anja Bohnhof

Die Stadtgalerie im Elbeforum in Brunsbüttel präsentiert noch bis zum 31. Oktober 2010 die Ausstellung „Fremdesland“. Diese zeigt vier fotografische Serien aus den Jahren 2003-2010, die alle einen thematischen Bezug zur ehemaligen DDR-Diktatur aufweisen. Anja Bohnhof befasst sich in ihren Projekten vor allem mit Phänomenen von Musealisierungsprozessen und Erinnerungskultur. Die Serien der meist mit Großformat realisierten Projekte spannen einen Bogen vom Alltagsleben in der DDR zu den Orten der Erinnerung, wie den Gedenkstätten der Untersuchungshaftanstalten und den Landschaften geschleifter Dörfer an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, bis hin zur jüngsten Arbeit „Zu den Akten“ – eine Begegnung mit den Orten, in denen DDR heute archiviert wird. Die fotografischen Ergebnisse basieren auf inhaltlich und formal vorab definierten Kriterien, die von Bohnhof stringent umgesetzt werden.

„DDR-museale Ansichten“ ist eine Arbeit über museale Inszenierungen der Alltagsgeschichte der DDR: Gebrauchsgegenstände aus dem täglichen Alltag wanderten nach der Wende vielerorts im Osten auf den Sperrmüll. Ein gutes Jahrzehnt später dienen solche Gegenstände der Illustration des Alltags in der DDR in eigens dafür geschaffenen Museen. Die Fotografien sind Abbilder von konstruierten Räumen, in denen ein Bild von Vergangenem geschaffen wird, das ohne überprüfbare Referenzen in der Gegenwart scheinbare Objektivität vermittelt.

Die Serie „Innere Angelegenheit“ setzt sich mit den Gedenkstätten ehemaliger Untersuchungshaftanstalten des MfS auseinander, eine visuelle Konzentration auf die Hafträume und Zellen innerhalb des Projektes ermöglicht darüber hinaus eine Sicht auf weiterhin gültige, gesellschaftstragende Prinzipien.

Nahezu während der gesamten Dauer des DDR-Regimes kam es im Zuge von Grenzsicherungsmaßnahmen zu Zwangsumsiedlungen von Menschen, welche in Grenznähe wohnten. Noch bis Mitte der achtziger Jahre wurden so einige seit Jahrhunderten bestehende Dörfer entlang der Demarkationslinie “geschleift”, ihre Bewohner vertrieben, ihre Bauten abgerissen. Bohnhof zeigt fotografiert diese Landschaften, die mal Orte waren, in der Arbeit „Fremdesland“ (2006/2007). Ihre Fotografien kombiniert Sie mit Zitaten aus dem “Magazin für Haus und Wohnung”, einer in der DDR seit 1962 monatlich erschienenen, sehr auflagenstarken Ratgeber-Zeitschrift mit geschmacksbildenden Absichten rund um das private Wohnen.

Die neuste Arbeit “Zu den Akten” zeigt Ansichten der Orte, an denen gesammelt, verwaltetet, archiviert, ausgewertet und geforscht wird: Unnahbar wirkende Zweckbauten, endlose Flure und Regalreihen mit Kilometern von Akten, Filmrollen und Papier, gekennzeichnet, nummeriert und in säurefreien Kartons verstaut. Über die visualisierte Ästhetik muten die Ansichten der Öffentlichkeit unzugänglichen Orte geheimnisvoll und gleichermaßen machtvoll an, ohne dabei etwas von ihrer Inhaltlichkeit preiszugeben. Das fotografische Ergebnis verweigert dem Betrachter (scheinbare) Teilhabe und verkehrt so das Prinzip, mit dem mediale Vermittlung zunehmend häufiger operiert, um interessensabhängige Meinungsbildung gezielt zu betreiben. Die Arbeit „Zu den Akten“ verweist auf die Grenzen der Visualisierbarkeit im Zeitalter der Bilder, ebenso wie auf die Abhängigkeit von Zeit und vorherrschenden Werten in einer Gesellschaft im Bezug auf die Auslegung und Deutungsweise von Geschichte.

Weitere Informationen: www.stadtgalerie-brunsbuettel.de/

Fotoausstellungen 10 / 2010

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