Augenblicke und Streetlife

Exhibitionist in der U-Bahn-Station, 1972 Bildgalerie betrachten

"Exhibitionist in der U-Bahn-Station, 1972"
Dimitri Soulas

Das Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum präsentiert vom 30. April bis zum 6. Juli 2006 die Ausstellungen „Augenblicke“ mit Photographien von Dimitri Soulas und „Streetlife“ mit Aufnahmen bekannter Photographen.

Der aus Thessaloniki gebürtige Photograph Dimitri Soulas arbeitete während der griechischen Militärdiktatur in München als Lokalreporter für Münchner Tageszeitungen und die Illustrierten „Stern“ und „Quick“. In den Jahren 1967 bis 1974 photographierte Soulas Prominente und besondere Ereignisse des Stadtlebens, zugleich begleitete er mit seiner Kamera auch das bunte Treiben auf der Straße, politische Demonstrationen und Pop-Konzerte sowie den Alltag ausländischer „Gastarbeiter“, die vor allem aus Südeuropa stammten. Viele Aufnahmen von Soulas repräsentieren spontan erfasste Studien des menschlichen Verhaltens im täglichen Leben, beim Einkaufen, Essen und anderen Verrichtungen. Photographieren sollte nach seiner Überzeugung die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Realität in ihrer gesamten Widersprüchlichkeit zur Anschauung bringen. Soulas’ Credo lautete, den Menschen authentisch, in ungestellten Posen, in bewegten und „entscheidenden“ Augenblicken festzuhalten.

Nachdem der Photograph 2005 dem Fotomuseum sein Archiv als Schenkung übergeben hat, wird nun eine Auswahl von 130 Aufnahmen gezeigt. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Photomuseum in Thessaloniki, wo die Bilder zuvor zu sehen waren. Es erscheint ein Katalog mit 228 Seiten, 140 Abbildungen im Duoton sowie Aufsätzen von Ulrich Pohlmann, Wolfgang Till, Kerstin Stremmel, Matthias Harder, Dimitri Nollas, Hercules Papaiannou u.a.

Ergänzend zur Ausstellung „Augenblicke“ wird eine Auswahl von 50 originalen Photographien aus der Sammlung des Fotomuseums unter dem Titel „Streetlife“ präsentiert. Die vorliegende Auswahl zeichnet eine Entwicklung über vier Jahrzehnte nach. In der Weimarer Republik fand die Eroberung der Straße vor allem durch Reportagephotographen wie Alfred Eisenstaedt oder Tim Gidal statt, deren Bilder von den Brennpunkten des öffentlichen Lebens berichteten. Diese Tradition setzten die Photographen der Illustrierten „LIFE“ oder „Stern“ wie Jerry Cooke, Robert Lebeck, Stefan Moses und Thomas Hoepker fort, um in entscheidenden Augenblicken das Geschehen auf der Straße festzuhalten. Immer wieder wird die Straße zur Bühne zeitgeschichtlicher Ereignisse, etwa in der Serie aus den Schtetln polnischer Juden, die Roman Vishniac vor deren Vertreibung und Auslöschung im 2. Weltkrieg realisierte, oder in den Aufnahmen des deutschen Soldaten Joe Heydecker aus dem Warschauer Ghetto.

Gelegentlich wird die Straße zum Tatort gewalttätiger Übergriffe und zum Schauplatz politischer Demonstrationen, wie in den Aufnahmen von Herbert List, Alexander Rodtschenko und Angela Neuke nachzuvollziehen ist. Die metaphysische, manchmal gespenstisch anmutende Leere von Straßenzügen, auf denen sich die hastige Bewegung von Passanten zeichenhaft bzw. schemenhaft eingeschrieben hat, bestimmt wiederum die Arbeiten der „subjektiven Photographie“ um Otto Steinert, Toni Schneiders, Helmut Lederer, Robert Häusser oder Peter Keetman. Experimentelle Kompositionen, in denen sich die Straße zu einer phantastischen, erotisch aufgeladenen Halluzination verwandelt, stammen von Heinz Hajek-Halke und Franz Roh. Natürlich ist die Straße auch ein Ort bizarrer Begegnungen und Ereignisse, wie sich in den Aufnahmen von Vladimir Vinski, Wolf Strache oder Felipe Taborda begutachten lässt.
 

Fotoausstellungen 04 / 2008

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