August Sander - Michael Somoroff - Absence of Subject

August Sander: Gastwirt 1925 Gelantinesilberabzug, 24 x 18 cm
Abgezogen von Gerd Sander in den 90er Jahren
© Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur
August Sander Archiv, Köln, VG Bild-Kunst, Bonn Bildgalerie betrachten

August Sander: Gastwirt 1925 Gelantinesilberabzug, 24 × 18 cm
Abgezogen von Gerd Sander in den 90er Jahren
© Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur
August Sander Archiv, Köln, VG Bild-Kunst, Bonn

Die galerie ruth leuchter präsentiert noch bis zum 5. März 2016 in Zusammenarbeit mit der Galerie Julian Sander (Bonn) in Düsseldorf die Fotoausstellung: „August Sander – Michael Somoroff – Absence of Subject“

Michael Somoroffs Werkreihe „Absence of Subject“ entstand in Anlehnung und als Hommage an die Fotoarbeiten des legendären August Sander und ist eine nachdenkliche wie leidenschaftliche Betrachtung von Erinnerung, Vorstellung, menschlicher Widerstandsfähigkeit und Kreativität.

Nach gelungenem Aufstieg vom gewöhnlichen Studiofotografen zum Künstler wird Sander als bedeutendster deutscher Porträtfotograf des frühen 20. Jahrhunderts bezeichnet. Sein 1929 veröffentlichtes Porträt der deutschen Gesellschaft, unter dem Titel „Antlitz der Zeit“ geht in seinem Lebenswerk Menschen des 20. Jahrhunderts auf. „Antlitz der Zeit“ versammelte zunächst eine Auswahl von 60 Personenporträts, die einen Querschnitt durch die Gesellschaft der Weimarer Republik zeichnen sollte. Sander, der streng auf eine unpolitische Haltung bedacht war, unternahm den Versuch einer umfassenden fotografischen Studie aller Berufsgruppen und Klassen, die gemeinsam die nationale Sozialstruktur der Jahre unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg wiedergeben sollten. Er legte Kategorien zur Aufteilung der Bevölkerung fest und suchte anhand derer nach repräsentativen Modellen, sodass die entstandenen Bilder nach Sanders Verständnis eher Rollenbeispielen entsprechen als Porträts von Individuen.

Sanders Modelle posieren in Würde, da er sie alle respektvoll und gleich behandelt hat. Jedes von ihnen hat einen Platz in der sozialen Struktur und gemeinsam bilden sie ein komplexes Bild einer vielfältigen Gesellschaft. Sanders ambitioniertes Projekt ist grundlegend für unser Verständnis des Mediums Fotografie und setzt einen Standard für bewegend einfache Sichtweisen, an denen andere Porträts sich messen müssen. Seine fotografische Welt basiert auf den konkreten Details aus dem Leben seiner Modelle, die er in ihrem Arbeitsumfeld zeigt – dieses Umfeld soll das einzige bleiben, das Somoroff in seinen Arbeiten übrig lässt.

Somoroff hat in jedem der Bilder Sanders die Personen entfernt und ließ nur den Hintergrund stehen. Einem scheinbar begrenzten Tatbestand hat Somoroff somit grenzenlose Freiheit verschafft. Mittels eines geistreichen technischen Ansatzes bezogen auf die unbewegten Fotografien sowie die Geschichten dahinter schafft er eine Erzählung zwischen Zeit und Raum. Somoroffs Bilder lehren uns, dass Sanders Bildhintergründe eine größere Rolle spielen als zunächst angenommen. Sie verbessern unser Verständnis dafür, wie wichtig die dargestellte Umgebung für den Erfolg der Porträts ist. Zum Beispiel fällt die geckenhafte Pose der Jungbauern mit ihrer arroganten Gestik sowie den lässig getragenen Hüten und Gehstöcken gerade wegen des Kontrastes zum dreckigen Feldweg auf; eine urbane Kulisse würde das in dieser Form nicht erreichen.

Weit mehr als Medien wie der Malerei wurde der Fotografie zunächst die Fähigkeit zugesprochen, Wahrheit zum Ausdruck zu bringen. Mit ihrer Erfindung begann die visuelle Katalogisierung der Welt. In den letzten Jahrzehnten, besonders seit Beginn der Postmoderne, gelangte man aber zu der Erkenntnis, dass Wahrheit und Realität in der Fotografie Konzepte verschiedenartiger Bedeutung sind. Somoroff erforscht diese Auffassung. Im Gegensatz zu Geisterfotografen des 19. Jahrhunderts, die als Zeugnis, dass die Verstorbenen noch unter ihnen weilen, in der Dunkelkammer geisterhafte Gestalten zu den Fotografierten hinzufügten, begegnet Somoroff der Thematik des Verlusts durch dessen Erzeugung. Er entfernt etwas, das für Kenner von Sanders Kunst vertraut ist. Seine scheinbare Respektlosigkeit mag auf Unmut treffen, doch bietet sie die Möglichkeit des Vergleichs von Anwesendem und Abwesendem, um so die Erfahrung von Verlust zu erzeugen, was Fotografie nur selten gelingt. Doch selbst nach Auslöschen der Figuren durchdringt ihre Präsenz die Bilder.

Weder in August Sanders noch in Michael Smoroffs Sichtweise ist eine Hierarchie zu erkennen. Somoroff behält bewusst die Größe der Originalbilder Sanders bei, um deren Integrität zu wahren. Somoroff gelingt der Beweis, dass postmoderne Kunst nicht unverortet, ist sondern auf Wurzeln, Tradition und Kontinuität beruht.

Weitere Informationen: www.ruthleuchter.de

Fotoausstellungen 01 / 2016

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