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Ausstellung: Tor Seidel - Song to the Siren - Tableaus

Die Galerie „Photo Edition“ in Berlin präsentiert noch bis zum 24. September 2011 Fotografien von Tor Seidel. Der Fotograf, geb.1964, in Ost-Berlin aufgewachsen, studierte in den 90er Jahren Philosophie (M.A.) und arbeitet in den Bereichen Reportage-, Architektur- und Porträtfotografie. Die verstärkte künstlerische Arbeit ab 2000 beschränkt sich nicht allein auf die Fotografie, sondern umfasst auch die Bereiche Installation und Skulptur.

Der Titel der Ausstellung bei Photo Edition Berlin bezieht sich auf den gleichnamigen Song von Tim Buckley, der 1975 an einer Überdosis mit 28 Jahren starb. Wie viele Musiker bis heute coverte auch sein Sohn Jeff Buckley das Lied „Song to the Siren“. Während seiner Probeaufnahmen in Memphis, Tennessee, steigt Jeff Buckley bekleidet und singend in den Fluss und ertrinkt in einer Bugwelle eines vorbeifahrenden Bootes – als wäre er dem mythologischen Inhalt des bekanntesten Songs seines Vaters in den Tod gefolgt. Diese Geschichte inspirierte Tor Seidel zum gleichnamigen Tableau.

Diese Geschichten, literarische Texte, Biografien, Orte und Topoi der Kunstgeschichte sind die Hintergründe seiner Tableaus. Die Titel mögen Hinweise zur Entschlüsselung sein, und doch bleiben sie geheimnisvoll. Der heute bekannteste Vertreter des fotografischen Tableaus ist der kanadische Künstler Jeff Wall, die Ursprünge gehen jedoch zurück bis zum Ende des 18. Jahrhundert, wo Tafelbilder und Skulpturen lebend nachgestellt wurden.

In Seidels aufwendig arrangierten Kompositionen, die oft mehrere Tage Arbeit eines ganzen Teams brauchen, spielt die menschliche Figur eine wichtige Rolle. Dabei handelt es sich nicht um das klassische fotografische Porträt des einzelnen Individuums, wir sehen Rückenansichten wie in der Romantik bei Caspar David Friedrich oder maskierte Menschen, wie wir sie aus den Bildwelten des Surrealismus kennen. So werden die Masken, die der Künstler herstellt, ein Hauptthema für Seidel, der den Anthropologen Claude Levi-Strauss zitiert: „Eine Maske ist nicht vordergründig das, was sie darstellt, sondern was sie transformiert, also, was sie eben grade nicht darstellen will. Wie ein Mythos verbirgt die Maske mindestens so viel wie sie zeigt.“

Auch die Flucht in eine Scheinidentität, z.B. in Pseudonyme, ist eine Maskierung, die Tor Seidel als Thema fasziniert. Der Künstler sieht hier eine Parallele zum heutigen Internetzeitalter, in dem sich jeder seine Identität neu schaffen kann. Kann man unter diesen Umständen heute noch ein Porträt herstellen oder liegt die Wahrheit in der Maske/ Alias?

Beispielhaft schildert Seidel in dem Tableau „Reise“ die verzweifelte Flucht Walter Benjamins vor den Nazis durch die Pyrenäen, oder in „Porträt 25/6/10“ die Angst des Menschen vor der Kamera im 19. Jahrhundert. Die Novelle „Kaspar Hauser“ von Jakob Wassermann war die Inspiration für das Tableau „Kaspar“ und zeigt den Moment der Bloßstellung des Protagonisten von der gaffenden Menge. Bilder wie C.D. Friedrichs “Der Mönch am Meer”, in denen sich Romantik, Einsamkeit und Versenkung im Individuum unmittelbar zeigen, sind Ausgangspunkte für “Aussicht”. In unserem Zeitalter des Schreckens und der Katastrophe stellt Tor Seidel eben jene Versenkung des Individuums in einer Figur dar, die eine Maske trägt, die den Betrachter erschaudern lässt. (Dirk Holtkamp-Endemann, Kurator)

Weitere Informationen: http://www.photo-edition-berlin.com/

Fotoausstellungen 09 / 2011

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