Chargesheimer - 1950 bis 1970

Chargesheimer: Heinrich Böll, 1977 Bildgalerie betrachten

"Heinrich Böll, 1977"
Chargesheimer

Die Galerie Priska Pasquer freut sich eine Auswahl von Fotografien aus den bekanntesten Serien von Chargesheimer aus dem Zeitraum 1950 bis 1970 Interessierten noch bis zum 15. April 2009 vorzustellen.

Chargesheimer (Carl-Heinz Hargesheimer, 1924 - 1971) gehört als Fotograf, Bildhauer, Bühnenbildner und Regisseur zu den herausragenden Künstlern seiner Generation. Die Presse nannte Chargesheimer einen „ruhelosen wuchernd kreativen Geist“ und einen Künstler, „der gerne provoziert“. Chargesheimer war Zeit seines Lebens ein Mensch, der keine Kompromisse einging: „Chargesheimer war ein Unersättlicher, dem nichts genügte, der sich verzehrte, ein Unglücklicher mit einem ganz verrückten Leben (...). Er machte es sich und seinen Mitmenschen so schwer wie möglich.“ (Georg Ramseger) Chargesheimer begann 1947 seine Karriere als freiberuflicher Fotograf für verschiedene Theater in Deutschland. Ende der 1940er Jahre stand er in Kontakt mit der Gruppe „fotoform“. 1950 nahm Chargesheimer an der „photo-kino-Ausstellung“ in Köln teil und den legendären Ausstellungen „Subjektive Fotografie“ 1952 und 1954.

Im Zentrum von Chargesheimers fotografischen Œuvre steht, neben Porträts und experimenteller Fotografie, vor allem die „Streetphotography“ mit Schilderungen des Straßenlebens in Köln und anderen Städten. Diese Arbeiten hat Chargesheimer in der Regel als Serien angelegt und von 1957 bis 1970 in Form von Fotobüchern publiziert. 1958 veröffentlichte Chargesheimer gleich zwei Fotobücher „Unter Krahnenbäumen“ und „Im Ruhrgebiet“ mit Texten des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll. In ihnen zeigt Chargesheimer das Alltagsleben der einfachen Leute aus einer radikal subjektiven Perspektive ohne jede Sentimentalität. In dichter Abfolge finden sich die grundlegenden Emotionen und Verhaltensweisen der Menschen: Liebe und Trauer, Sorgen und Streit, Nachdenklichkeit und Übermut, Würde des Alters und Ausgelassenheit der Jugend. Zudem bricht Chargesheimer in dem Bildband „Im Ruhrgebiet“ mit fotografischen Traditionen und vertrauten Klischees in Bezug auf die Darstellung des Ruhrgebiets, was damals große Proteste von Bürgermeistern aus dem Ruhrgebiet zur Folge hatte. Chargesheimer zeigt in den in Zusammenarbeit mit Heinrich Böll entstandenen Bildern intensive, unmittelbare Eindrücke vom Leben der einfachen Arbeiter, wobei sich die Bilder durch starke Hell-Dunkel-Kontraste und tiefe, matte Schwärzen auszeichnen.

Neben der „Streetphotography“ ist die Porträtfotografie das zweite große Thema von Chargesheimer. Auch hier findet sich Chargesheimers respektlos sezierender Blick, wobei seine Bildsprache eng mit der Theaterfotografie verbunden ist. Seine Porträts, wie zum Beispiel von Konrad Adenauer, Louis Armstrong oder Jean-Paul Belmondo, sind oft drastisch, überzeichnet, theatralisch und maskenhaft. Chargesheimer arbeitet bei ihnen bevorzugt mit Helligkeit, Licht und Schatten, während Details wegretuschiert werden.

Chargesheimers letzte Publikation „Köln 5 Uhr 30“ erschien 1970. Diese zeichnet sich sowohl inhaltlich als auch stilistisch durch einen vollkommen neuen Ansatz aus. In diesem Buch zeigt Chargesheimer ein verändertes Köln. Sein Blick ist kühl und emotionslos. Straßen, Plätze und Kreuzungen sind in immer gleicher Brennweite und immer gleicher Höhe zu sehen und seine vormals von ihm so lebendig beschriebene Heimatstadt erscheint jetzt trostlos, hässlich und inhuman.

Chargesheimer war als Künstler eine singuläre Gestalt, der sich Trends und Moden der Kunst konsequent verweigert hat. Seine direkte und unsentimentale Fotografie der 50er und 60er Jahre zeigt Parallelen zu den Arbeiten der amerikanischen Fotografen Robert Frank oder Louis Faurer, wobei Chargesheimers Biographie belegt, dass seine Arbeit nicht auf der Rezeption anderer zeitgenössischer Fotografen beruht. Dies offenbart sich umso mehr in Chargesheimers letzter Serie „Köln 5 Uhr 30“, deren Thematik und Ästhetik die „New Topographics“ Bewegung vorwegnimmt, die ab Mitte der 1970er Jahre die internationale Stadt- und Landschaftsfotografie nachhaltig beeinflussen sollte.

Chargesheimers Leben und Werk wurde 2007 von Bodo von Dewitz im Museum Ludwig in der großen Retrospektive „Chargesheimer. Bohemien aus Köln“ gewürdigt. Die Ausstellung „Chargesheimer“ in der Galerie Priska Pasquer ist die erste Galerieausstellung mit Fotografien des Künstlers seit mehreren Jahrzehnten.

Weitere Informationen: www.priskapasquer.de/neu/.
 

Fotoausstellungen 03 / 2009

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