Deutsche Börse Photography Prize 2010

Sophie Ristlehueber, Eleven Blowups #5, 2006 Bildgalerie betrachten

"Eleven Blowups #5, 2006"
Sophie Ristlehueber

Der Frankfurter Kunstverein präsentiert die Ausstellung „Deutsche Börse Photography Prize 2010“ mit den Arbeiten der vier Finalisten: Anna Fox (Großbritannien), Zoe Leonard (USA), Sophie Ristelhueber (Frankreich) und Donovan Wylie (Großbritannien) noch bis zum 25. Juli 2010 in Frankfurt am Main.

Der „Deutsche Börse Photography Prize“ ist eine internationale Auszeichnung für zeitgenössische Fotografie. Er wird jährlich von der Photographers’ Gallery in London an einen Fotokünstler beliebiger Nationalität vergeben, der im Vorjahr nach Meinung der internationalen Jury den bedeutendsten Beitrag (Ausstellung oder Publikation) zur Fotografie in Europa geleistet hat. Die Gruppe Deutsche Börse ist seit 2005 Titelsponsor des Preises.

Die Kandidaten des Preises werden von einer Gruppe von über hundert internationalen Fotografieexperten nominiert. Sie benennen jeweils einen zeitgenössischen Fotografen. Eine jährlich wechselnde internationale Jury bestimmt vier der nominierten Fotografen zu Finalisten, aus denen sie später den Gewinner ermittelt.

Die Jury hat den mit £ 30.000 dotierten Preis im März 2010 an die französische Künstlerin Sophie Ristelhueber für ihre Retrospektive im Jeu de Paume, Paris (2009) vergeben.

Die Ausstellung mit den Werken der vier Finalisten zeigt die Vielfalt zeitgenössischer Fotografie und präsentiert dabei verschiedene konzeptuelle Ansätze und fotografische Methoden.

Sophie Ristelhueber (geb. 1949) ist seit 25 Jahren fotografisch tätig. Nach einem Studium an der Pariser Sorbonne arbeitete sie zunächst als Journalistin, bevor sie sich ab 1980 der Fotografie zuwandte. In den vergangenen Jahren untersuchte sie überwiegend den Einfluss von Kriegskonflikten in Europa und dem Nahen Osten auf Architektur und Landschaft. Ihre Bilder sind Zeugnisse sichtbarer Spuren, die die Gewalt des Krieges an Landschaft und Menschen hinterlässt. Ristelhueber fotografierte das zerbombte Beirut in den 1980er Jahren, den Irak in den 1990ern und den frühen 2000ern und auch die Wunden und Narben, die die Gewalt den Menschen zugefügt hat. Bilder aus der gesamten Schaffenszeit waren dieses Jahr im Jeu de Paume in Paris zu sehen – eine bedrückende und beeindruckende Sammlung monumentaler Zerstörungswut.

Anna Fox (UK, geb. 1961) enthüllt in ihrem umfangreichen fotografischen Werk mithilfe einer Mischung von sozialer Beobachtung und persönlichen Tagebuch-Projekten ein oft grotesk und klaustrophobisch anmutendes Bild des britischen Lebensalltags. Sie wurde mit ihrer Dokumentarstudie zur britischen Bürokultur „Work Stations“ Mitte der 1980er Jahre als Vertreterin einer neuen Welle britischer Dokumentar-Farbfotografen und als Schülerin von Martin Parr bekannt. Die Ausstellung „Cockroach Diary & Other Stories“ in der Fotogallery, Cardiff (2009), für die Fox nominiert wurde, zeigte autobiographische Miniaturen, die sowohl die tragischen als auch komischen Seiten eines zerbröckelnden sozialen Gefüges beleuchten. Ihre Arbeit, subtil und satirisch zugleich, zeichnet sich durch einen feinen Sinn für das unterschwellig Düstere aus, der selbst in scheinbar gewöhnlichen Situationen Abgründiges findet.

Zoe Leonard (USA, geb. 1961) wurde für ihre Retrospektive „Zoe Leonard: Photographs“, Pinakothek der Moderne, München (2009), für den Preis nominiert. Thema ihrer überwiegend Schwarzweißfotografien sind urbane Landschaften, die einerseits als eine Art persönlicher Bestandsaufnahme, andererseits aber auch als Kommentar auf das Medium Fotografie betrachtet werden können. Seit über 20 Jahren beschäftigt sich Leonard in ihrem Werk mit Gegensätzen wie Natur und Zivilisation, Innen- und Außenwelt oder mit den Geschlechterrollen. Die Fotografie eignete sie sich autodidaktisch an. Bekannt wurde die Künstlerin 1992 mit ihrem Beitrag zur documenta IX. Eine weitere Teilnahme an der documenta folgte 2007. Leonard fotografierte immer wieder Schaufenster und kleine Geschäfte in großstädtischen Vororten und Randbezirken. Sie zeigt Formen des Konsums am Rande unserer Aufmerksamkeit, abseits von Ästhetisierung und Werbestrategien – als wären die globalen Märkte an ihnen vorbeigegangen. Leonards Fotografien werden gemeinsam mit dem Negativrahmen gezeigt, auch die Spuren des fotografischen Prozesses, wie Staub oder Kratzer, bleiben erhalten.

Donovan Wylie (UK, geb. 1971) wurde für seine Ausstellung „MAZE 2007/8“ im vergangenen Jahr bei Belfast Exposed Photography nominiert. Aufgewachsen in Belfast, fokussiert seine Fotografie auf die Geschichte Nordirlands nach dem Ende des Nordirlandkonflikts. Wylie begann schon mit 16 Jahren zu fotografieren. Bereits mit Anfang 20 wurde er von der Magnum Photo Agentur berufen; 1997 wurde er mit nur 26 Jahren das jüngste vollwertige Mitglied der Agentur. 2002 – 2003 hatte Wylie als einziger Fotograf die Erlaubnis, im und um das Gefängnis Maze unweit von Belfast zu fotografieren. Dieser Ort wurde durch politische Segregation, Unruhen, Hungerstreiks, Massenfluchten und Todesopfern unter Angestellten und Insassen zum Synonym für den nordirischen Konflikt. Als das Gefängnis 2007/2008 abgerissen wurde, dokumentierte Wylie systematisch dessen Niedergang, indem er das Gebäude in vier Schichten “zerlegte”: Die inneren Mauern, die verschiedenen Arten der Umzäunung, die berüchtigten H-Blöcke und letztendlich die Begrenzungsmauern, die den Blick auf die Landschaft außerhalb freigeben.

Die Ausstellung der vier Finalisten des „Deutsche Börse Photography Prize 2010“ war zunächst in der Photographers’ Gallery in London zusehen.

Weitere Informationen: http://www.fkv.de/frontend/startseite.php.

Fotoausstellungen 06 / 2010

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