Fotoausstellung: „Sensing the Future“

Wie neue Medien auch neue Wege für Kunst und Berichterstattung bereiten

Derzeit findet im Bauhaus in Berlin die Ausstellung „Sensing the Future“ statt. Noch bis zum 2. Februar 2015 führt sie durch das Leben und Schaffen von László Moholy-Nagy, seine Fotografien und Bildkompositionen. Erste Eindrücke von den Exponaten können auf smow.de gewonnen werden. Rund 300 Ausstellungsstücke, darunter auch ein Replikat der Konstruktionsorgel werden in der Ausstellung gezeigt.

Fotogramm - Cormaggio © commons.wikimedia (CC BY-SA 3.0)
Fotogramm – Cormaggio © commons.wikimedia (CC BY-SA 3.0)
Auch wenn professionelle Fotografie nach wie vor ein lebenslang zu lernendes Handwerk ist, so ist das Fotografieren an sich heute doch den meisten Menschen zugänglich und wird gern genutzt. Der in Ungarn geborene Künstler László Moholy-Nagy hat diese Entwicklung schon im 19. Jahrhundert kommen sehen.

Die Fotokunst von László Moholy-Nagy

László Moholy-Nagy wird 1895 in Ungarn geboren und absolviert 1918 zunächst ein Jurastudium, bevor er sich seiner Leidenschaft widmet. 1920 siedelte er nach Berlin über, wo er später bis 1928 am Bauhaus in Dessau arbeitet.

Schon als Fotografie und Fernsehen zum Großteil noch in den Kinderschuhen steckten, erkannte Moholy-Nagy die Aussagekraft visueller Bilder. 1922 fertigte er selbst seine ersten Fotogramme an und erschuf bis 1946 etwa 430 Stücke allein mit dieser Technik. Ein Fotogramm ist eine direkte Belichtung von Film oder Fotopapier, während darauf Gegenstände abgelegt werden. Die Gegenstände zeichnen sich anschließend hell auf dem dunkel gefärbten Material ab. Moholy-Nagy war insbesondere von der Wirkung von Licht fasziniert und experimentierte viel mit durchsichtigen oder lichtdurchlässigen Gegenständen. Heute gilt er als Pionier der multimedialen Kunst und als einer der Vorreiter des „Neuen Sehens“, einer fotografischen Kunstrichtung, die vor allem experimentelle Fotografie fördert.

Darüber hinaus war László Moholy-Nagy der Auffassung, dass Künstler sich nicht scheuen sollten, sich mit Wissenschaftlern zusammenzuschließen. Einerseits, um ihre eigenen Möglichkeiten beständig zu erweitern und andererseits, um mit der Kunst den Zugang zur Technologie unterstützen zu können.

Die Konstruktionsorgel als Zugang zur Kunst für Jedermann

Moholy-Nagy war davon überzeugt, dass für den Menschen der Zugang zur Kunst essentiell wäre, nicht zuletzt, um zu lernen, die vielfältigen Sinneseindrücke zu verarbeiten, denen er im visuellen Zeitalter täglich begegnet. Da Fotografie in seiner Anfangszeit noch eine sehr kostspielige Angelegenheit war, befürchtete er, dass viele Bürger niemals lernen würden, ein Bild zu komponieren und zu erschaffen. Aus diesem Grund entwickelte er die Konstruktionsorgel. An diesem Gerät konnten mittels Knöpfe und Hebel einfache Figuren wie Kreise oder Quader an einem Bildschirm bewegt und eingefärbt werden; beinahe eine sehr frühe Form der heutigen Bildbearbeitungsprogramme. Das Ergebnis sollte auf Lochkarten gespeichert werden und die Möglichkeit zur Vervielfältigung bieten. 1996 rekonstruierten Guido Raschke und Thomas Loschen die Konstruktionsorgel am Computer und machten seine Funktionen via App für mobile Geräte verwendbar.

Ist Moholy-Nagys Wunsch in Erfüllung gegangen?

László Moholy-Nagy - Marv1N © commons.wikimedia (CC0 1.0)
László Moholy-Nagy – Marv1N © commons.wikimedia (CC0 1.0)
Heute mehr denn je hat die Aussage von Moholy-Nagy Bedeutung, dass Menschen ohne Zugang zur Fotografie sich quasi zu Analphabeten der Zukunft entwickeln würden und dass Bilder als Kommunikationsmittel alltägliche Verwendung fänden. Und tatsächlich – in der heutigen Zeit sind Film/Video und Fotografie so weit verbreitet, dass ein Haushalt ohne Kamera eine echte Seltenheit darstellt. In Smartphones, Tablets und Kameras – zu beinahe jeder Zeit ist eine Linse zur Hand. Durch Bildstabilisatoren und Motivprogramme sowie durch kleine Bildbearbeitungs-Spielereien wie einem Schnurrbart oder funkelnden Sternen hat heute jeder die Möglichkeit, Fotos zu machen und zu bearbeiten.
Das Internet sorgt dafür, dass Bilder in Sekundenschnelle verbreitet werden können. Dank Connectivity – also der grenzenlosen Verbindungsmöglichkeiten von Geräten – erfahren Fotografien eine zuvor nie dagewesene Öffentlichkeit. Plattformen wie Flickr, Instagramm und Pinterest erfreuen sich steigender Nutzerzahlen und dienen einzig dem Zweck, selbst gemachte Fotos im Internet anderen Nutzern zu präsentieren oder zur Weiterbenutzung zugänglich zu machen.

Durch ihre inzwischen so leichte Zugänglichkeit gehören Schnappschüsse zum Alltag. Ob ein Bild vom aktuellen Mittagessen, den eigenen Füßen auf dem Sofa oder vom eigenen Gesicht beim Zähneputzen; Menschen machen von sich selbst und ihrer Umgebung viel mehr Fotos als früher. Allein im Jahr 2014 sollen etwa 880 Milliarden Fotos aufgenommen worden sein, schreibt Business Insider.

Bilderflut – Verliert die Fotografie an Wertschätzung?

Actioncam - Calcineur © commons.wikimedia (CC BY-SA 3.0)
Actioncam – Calcineur © commons.wikimedia (CC BY-SA 3.0)
Kritiker prangern an, dass mit dem vereinfachten Weg zur Fotografie auch ein Stück Wertschätzung derselben verlorengegangen ist. Als jedes Foto noch deutlich mehr kostete und Filmrollen das Kontingent an Aufnahmen begrenzten, war bei jedem Druck auf den Auslöser klar, dass bares Geld umgesetzt wurde. Es galt, aus den möglichen Aufnahmen das Beste herauszuholen. Heute, wo Fotos nahezu kostenlos geschossen, wieder gelöscht und auf großen Festplatten oder beispielsweise in der Cloud gespeichert werden können, scheinen die Schnappschüsse zu regieren. Oftmals werden diese Aufnahmen mit weniger Hingabe komponiert, schließlich kann das Resultat sofort begutachtet, im Zweifelsfall gelöscht und erneut geschossen werden. Außerdem kann zu praktisch jeder Zeit fotografiert werden; eine einzelne Aufnahme kann gegebenenfalls in der Menge untergehen und damit ihren emotionalen Wert einbüßen. Auf der anderen Seite tragen gerade all diese Schnappschüsse dazu bei, dass der Mensch sich vermehrt selbst präsentiert und mit anderen vergleicht. Auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagramm werden im Monat mehrere Milliarden Fotos hochgeladen, um sie mit Freunden und Bekannten zu teilen. Es wird geknipst und dokumentiert, wo immer es geht.

Neue Kameras, neue Möglichkeiten

Nicht jedes dieser so entstandenen Werke gilt gleichermaßen als Kunstwerk, doch der mobilen Generation muss auf jeden Fall angerechnet werden, dass die Fotografie für sie zu einem wichtigen Lebensbestandteil geworden und sie auch weit weniger kamerascheu ist.

Dadurch, dass jeder seine bildlichen Eindrücke mit der Welt teilen kann, ist auch die Medienlandschaft pluralistischer geworden. Bei nahezu jedem außergewöhnlichen Ereignis finden sich Zeugen, die das Geschehen mit ihrer Kamera festhalten und für spätere Berichterstattung zur Verfügung stellen. Die Anzahl an Bildern in der Berichterstattung hat bedeutend zugenommen, sowohl auf Online-Plattformen von Zeitungen, als auch in Printmedien. Der Bildjournalismus ist hochwertiger geworden, nicht zuletzt, um sich von den Laienaufnahmen von Zeugen abheben zu können.

Überhaupt sind durch den Fortschritt bei der Entwicklung und dem Bau von Kameras die Aufnahmemöglichkeiten von Video und Fotografie exponentiell angewachsen, mit einer zuvor noch nie dagewesenen Vielfalt an Aufnahmegeräten. Aufnahmen unter Wasser, in der Luft und bei schnellen Bewegungen sind heute selbstverständlich. Immer beliebter werden ferngesteuerte Quadrocopter, an denen Kameras befestigt werden, um spektakuläre Luftaufnahmen zu machen. Actioncams begleiten Sportler und Abenteuerlustige beim Fassadenklettern, Bergsteigern oder Kajak Fahren und fangen das Geschehen gestochen scharf ein. Mit Wearables bleibt kein Moment unbeobachtet. Es bleibt abzuwarten, welche Räume der Mensch mit seiner Kamera in der Zukunft noch erobern wird.

Fotoausstellungen 01 / 2015

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1 Kommentare

Schöner Bericht! Einen so guten Einblick in das Werk von Moholy-Nagy gibt es selten zu sehen - es hat sich wirklich gelohnt, die Ausstellung zu besuchen. Da diese nun vorbei ist, kann man leider nur noch auf das wirklich gute Buch von Oliver Botar verweisen. Und natürlich auf die konstruktionsorgel als App für iPad.

von Thomas Loschen
06. Februar 2015, 10:45:07 Uhr

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