Gisèle Freund - Porträts und Reportagen

Selbstporträt Gisèle Freund, 1950 Bildgalerie betrachten

“Selbstporträt Gisèle Freund, 1950”

Vom 13. Juni bis 4. Oktober 2009 zeigt das Focke-Museum erneut eine große Fotografie-Ausstellung. Nach der erfolgreichen Feininger-Schau im vergangenen Jahr, widmet sich das Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte nun dem Werk Gisèle Freunds. Gisèle Freund gilt als eine der herausragenden Porträt- und Reportagefotografinnen des 20. Jahrhunderts.

Auf über 800 qm werden rund 140, zum Teil handsignierte Aufnahmen gezeigt. Aufgeteilt auf zwei Räume präsentiert die Ausstellung sowohl Freunds frühe Reportagefotografien als auch ihre Porträts. „Für Bremen ist die Ausstellung eine Premiere“, so die Direktorin des Focke-Museums Dr. Frauke von der Haar, „wir freuen uns, Gisèle Freund und ihr Werk erstmals hier zeigen zu können.“ Die Ausstellung wird im Rahmen der „Langen Nacht der Museen“ am 13. Juni eröffnet.

Gisèle Freund stammte aus einer wohlhabenden und kunstsinnigen jüdischen Familie in Berlin. Mit der als Geschenk zum Abitur erhaltenen Leica begann die Autodidaktin an ihrem Studienort Frankfurt zu fotografieren. Politisch engagiert dokumentierte sie die Demonstrationen zum 1. Mai 1932. In der Ausstellung werden auch Aufnahmen aus diesem frühen Bilderzyklus gezeigt.

Während ihres Studiums der Soziologie beschäftigte sich Gisèle Freund zunächst eher theoretisch mit der Fotografie. 1936 reichte sie als Dissertation eine kulturhistorische Untersuchung zum Medium Fotografie an der Pariser Sorbonne ein, die bis heute als Standardwerk der Fotografiegeschichte gilt.

Nach ihrer Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland 1933, wurde die Fotografie für sie zum Broterwerb, da ihre ebenfalls aus Deutschland geflohenen Eltern sie nicht mehr finanziell unterstützen konnten. Eindrucksvoll sind ihre Aufnahmen vom „1. Internationalen Schriftsteller-Kongreß zur Verteidigung der Kultur“, der im Juni 1935 in Paris stattfand.

Als Porträtfotografin von Malern, Bildhauern und vor allem Schriftstellern machte sie sich in den 1930er Jahren einen Namen. Bemerkenswert war ihr Einfühlungsvermögen, die Persönlichkeit des Abgebildeten einzufangen und nicht nur oberflächliche Posen abzubilden. Die Aufnahmen entstanden fast beiläufig, während sich die literaturbegeisterte und belesene Gisèle Freund mit den Schriftstellern über deren Werke unterhielt. So achteten diese nicht auf die Kamera und gaben sich ganz natürlich. Entstanden sind einzigartige Porträts von Bertolt Brecht, Anna Seghers, Alexej Tolstoi, Simone de Beauvoir, Walter Benjamin, Hermann Hesse, Stefan Zweig und vielen anderen. Bereits 1938 fotografierte sie mit dem gerade erst auf den Markt gekommenen und noch sehr teuren Farbfilm. Ein eindrucksvolles Farbporträt von James Joyce erschien 1939 auf der Titelseite des Time Magazin. Von der kamerascheuen Virginia Woolf schuf sie die einzigen existierenden Farbaufnahmen.

Berühmt wurde Gisèle Freund auch durch ihre Reportagen aus Südamerika, wohin sie 1940 erneut vor den Nationalsozialisten geflüchtet war. Zeitschriften wie Life, Time Magazin und Picture Post veröffentlichten ihre Reportagen. Von 1947 bis 1954 war sie das erste weibliche Mitglied der Fotoagentur MAGNUM. Ihre enthüllenden Fotos über das luxuriöse Privatleben Evita Peròns lösten 1950 diplomatische Verwicklungen zwischen Argentinien und den USA aus. Von ergreifender Authentizität sind ihre Aufnahmen von Frida Kahlo, zu der sie eine freundschaftliche Beziehung pflegte.

Wie viele andere Emigranten kehrte Gisèle Freund nicht nach Deutschland zurück und lebte seit den 1950er Jahren in Paris. Im Alter von 91 Jahren starb sie im Jahr 2000.

Gisèle Freund führte genauestens Buch über ihre Aufnahmen, u. a. notierte sie Ort und Zeitpunkt sowie den Namen der Porträtierten. Mit diesen Gedächtnisstützen war es ihr später noch möglich, viele interessante Anekdoten zu den Bildern zu erzählen. Diese Erinnerungen werden ihre Aufnahmen auch in der Ausstellung begleiten und sie zu einem einzigartigen Bild-Tagebuch aus der sich über 60 Jahre erstreckenden Tätigkeit einer Weltreisenden machen.

Ein Filminterview und Bilder aus ihrem persönlichen Umfeld tragen in der Ausstellung dazu bei, neben ihrem fotografischen Lebenswerk auch noch andere Facetten der Grande Dame der Fotografie kennenzulernen.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Sammlerin Dr. Marita Ruiter, Galerie Clairefontaine, Luxemburg.

Das Begleitprogramm zur Ausstellung bietet neben zwölf öffentlichen Führungsterminen auch Führungen in französischer Sprache sowie die Themenführung „Die Kunst des Porträts - Menschenbilder vom 17. Jahrhundert bis zur modernen Fotografie“, die sich besonders an Schulklassen richtet. Zwei Abendvorträge ergänzen und vertiefen die Ausstellung. In Kooperation mit belladonna finden Führungen mit anschließenden Kunstgesprächen statt. Alle Informationen zu den Terminen und zur Anmeldung befinden sich im Flyer zur Ausstellung sowie im Internet unter www.focke-museum.de.

Begleitbuch:
Gisèle Freund. Photographien und Erinnerungen mit autobiographischen Texten und einem Vorwort von Christian Caujolle. 224 Seiten, 205 Farb- und Duotone-Tafeln, Schirmer/Mosel. Wiederauflage München 2008.
 

Fotoausstellungen 07 / 2009

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