Hasselblad-Luftkamera von 1942 - One Time One Million

Hasselblad-Luftkamera von 1942 Bildgalerie betrachten

Die Einzelausstellung in der Galerie Uqbar in Berlin (noch bis 21. November 2009) von Susanne Kriemann (geb. 1972 in Erlangen, lebt in Berlin und Rotterdam) zeigt die zuerst im Stedelijk Museum Bureau Amsterdam präsentierte Arbeit One Time One Million (Migratory Birds/Romantic Capitalism) (2009) in einer neuen, speziell für Uqbar entwickelten Installation.

Ausgangspunkt für das Projekt ist eine Hasselblad-Luftkamera von 1942, die Susanne Kriemann als Fotoapparat einsetzt, aber auch als historischen Trigger nutzt, um Aspekte der Fotografiegeschichte und des Migrationsbegriffs sowie deren Verhältnis zu stadtplanerischen Utopien der Moderne zu untersuchen. Die fotografische Reise durch das 20. Jahrhundert ist in Kapitel mit Archivbildern und Aufnahmen der Künstlerin gegliedert, die formal durch Strategien der klassischen Fotografie wie Vogelperspektive oder die von Rodtschenko häufig verwandte Diagonale verbunden sind. Inhaltlich stellt Kriemann das romantische Motiv der Zugvögel dem politisch brisanten Thema der Migration gegenüber. Bilder von Zugvögeln, den Nomaden der Luft, stehen - etwa in der Werbung von Reiseveranstaltern - für die freie Form der Mobilität global agierender Individualisten, während die unter ökonomischem oder politischem Druck unfreiwillig reisenden Arbeitsmigranten und Flüchtlinge meist mit Bildmaterial repräsentiert werden, das Assoziationen von Armut, Schmutz und Elend hervorruft. Das Fotomaterial von One Time One Million umfasst neben historischen Aufnahmen mit Hasselblad-Kameras Internetbilder von Vogelschwärmen und verschiedene Vogelaufnahmen von Victor Hasselblad, der einerseits als Besitzer der Hasselblad Fotografiska AB erfolgreicher Unternehmer war, andererseits aber in seinen Viten als leidenschaftlicher Ornithologe romantisiert wird, der 1935 als Pionier der Vogelfotografie das Fotobuch Migratory Bird Trails veröffentlichte. Dieses Archivmaterial kombiniert Kriemann mit den Ergebnissen ihrer fotografischen Recherche über Satellitenstädte bei Stockholm, die Teil des schwedischen Millionenprogramms der 1960er/70er Jahre waren und für den Glauben an Wohlstand für alle durch Rationalisierung und Fortschritt standen, heute aber wegen der schlechten Bauqualität und sozialen Isolation überwiegend von Einwanderern und Flüchtlingen bewohnt werden. Während die Luftaufnahmen den idealisierenden Blick der 1960er/70er Jahre auf ein scheinbar demokratisches Wohnmodell wiedergeben, stehen die Nahansichten von Fassaden und Plätzen der anonymen, durch Satellitenschüsseln und Beton charakterisierten Wohnblocks, zwischen denen die Menschen wie einsame Vögel wirken, für die Kehrseite der Wohlstandsgesellschaft. Kriemanns Bilder von Archivschränken mit ausgestopften Vögeln in einem naturhistorischen Museum schließlich schaffen eine metaphorische Verbindung zwischen schachtelartiger Architektur, Ornithologie und Migration. Wie in zahlreichen anderen Arbeiten montiert Kriemann historisches und zeitgenössisches Material zu einem nicht-chronologisch angelegten Gefüge, das verschiedene neue Blickwinkel auf scheinbar bekannte Sachverhalte ermöglicht. Die Installation bei Uqbar besteht aus einer regalartigen, wie eine Schraube in sich gedrehten Metallkonstruktion, in welche die Fotobuchseiten zwischen Glasscheiben eingefügt sind. Diese offene, in ihrer Dynamik futuristisch anmutende Struktur lädt die Besucher dazu ein, zwischen den Kapiteln hin- und herzuwandern, und unterstreicht die nicht-lineare Anordnung des Materials sowie die potenziell unendliche Fortsetzbarkeit der Geschichte. Die Ausstellung wird unterstützt von der European Cultural Foundation, dem Fonds BKVB und der Botschaft des Königsreichs der Niederlande. Weitere Informationen unter: www.susannekriemann.info.
 

Fotoausstellungen 10 / 2009

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