Heinrich Heidersberger - Kleid aus Licht

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Heinrich Heidersberger: aus der Serie “Kleid aus Licht”, 1949

Nackt ist nicht gleich nackt. Das wird spätestens bei den Aufnahmen des Fotografen Heinrich Heidersberger (1906-2006) sichtbar. Der deutsche Nachkriegsfotograf ist heute hauptsächlich für seine Architekturfotografie berühmt – herausragende Aufnahmen von deutschen Nachkriegsbauten. Ursprünglich mit dem Ziel, Maler zu werden, studierte er Ende der zwanziger Jahre in Paris bei Fernand Léger an der Académie Moderne, verfiel jedoch bald dem Reiz und den technischen Möglichkeiten der Kamera. Den wenigstens ist dabei bekannt, dass zum Œuvre des Künstlers auch die Aktfotografie-Serie „Kleid aus Licht“ (1949) gehört. Nun zeigt die Berliner Galerie Petra Rietz Salon noch bis zum 20. Juli 2013 erstmals Bilder aus der Reihe der experimentellen Aufnahmen.

Heidersbergers Aktaufnahmen sorgten damals für Aufsehen, Empörung und Fehlinterpreationen, wurden doch fünf Bilder aus der Serie 1949 im „Stern“ veröffentlicht. Im Beitext zu den Abbildungen bemüht sich ein Redakteur, witzelnd die Klippen der Nachkriegsprüderie zu umschiffen und Heidersbergers Bilder als eine Art „des Kaisers neue Kleider“ zu verkaufen, als geldsparende Methode für arme Nachkriegsfrauen. Mit selbst gebastelten Loch- und Lamellenmasken, die der Künstler vor eine leuchtstarke Lichtquelle montierte, überblendete er die nackten Körper seiner Modelle mit grafischen Mustern – immateriellen Kleider, gewebt aus Licht.

Durch die weichen Rundungen des weiblichen Körpers wird die regelmäßige Geometrie der Schablonen verzerrt und beginnt ein Eigenleben zu führen. Sie folgt dem Volumen des Körpers und zeichnet Strukturen auf die Haut, die entfernt an Tätowierungen erinnern. Doch dem deutschen Fotografen geht es weder um erotische Aufnahmen noch um das Zurschaustellen des nackten Körpers unter auflagensteigernden Vorwänden. Ihn beschäftigt in erster Linie das Phänomen Licht, dem er auf die Spur kommen will. Später wird ihn dann immer mehr die Idee faszinieren, das Licht selbst zum Objekt werden zu lassen, Mitte der Fünfzigerjahre entwickelte er seinen so genannten Rhythmographen, mit dessen Hilfe Lichtspuren direkt auf Fotomaterial aufgezeichnet werden konnten.

Die Schatten-Lineamente auf den nackten Körpern sind nur die äußeren Merkmale, anhand derer er die optischen Gesetze erforscht. Der Blick auf zwar lebendige, aber in Posen erstarrte Frauen ist demnach ein Zeichen für die Begeisterung des Fotografen an dinghaftem Dasein und der Faszination am Experimentieren. Es ist eine künstlerische Problematik, Formen- und Linienfragen, die den Künstler beschäftigten, nicht die Nacktheit an sich.

Der nackte Körper ist nur Material, um die Licht- und Schattenformationen optimal zur Geltung zu bringen, er ist gleichsam die weiße Leinwand, die durch ihre körpereigenen Rundungen und Kurven dem Ganzen eine neue Dynamik geben. Heidersbergers Nacktheit hat nichts mit Sexualität oder Erotik zu tun, sie dient der Klarheit der Form und des Ausdrucks. So gilt der menschliche Körper bei Heidersberger als Grundmittel für die geometrischen Linien und Schwingungen, die durch ihrer Symmetrie und Regelmäßigkeit an die modernen und kühl ästhetischen Bauelemente seiner Architekturfotografien erinnern.

Dabei tritt die Individualität der dargestellten Frauen zugunsten der Erforschung des Effektes von Licht und Schatten auf Körpern zurück. Es fällt auf, dass keines der Modelle den Betrachter anblickt. Mehr noch, bei einer der bekanntesten Fotografie aus der Serie der 60 Bilder, ist die abgebildete Frau sowohl an Kopf und Füßen vom Bildrand beschnitten, ihr erotisches Potential – die Blickachse zwischen dem Objekt der Begierde und dem Rezipienten – wurde ihr zu Gunsten einer Körperprojektionsfläche genommen.

Fotoausstellungen 04 / 2013

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