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Historische Reisephotographie 1850-1890

Die Ausstellung, zu sehen bis zum 21. August 2011 in Köln in der Photographischen Sammlung / SK Stiftung Kultur, konzentriert sich auf drei klassische Reiseziele: Ägypten sowie die Levante, also Palästina und den Libanon, die im 19. Jahrhundert noch zum Osmanischen Reich gehörten, und die Staaten des zunächst noch unvereinigten Italien. Der Schwerpunkt der Exponate liegt auf Kunstdenkmälern und Landschaften, ergänzt um einige Darstellungen des täglichen Lebens und Einzelporträts. Aus den drei Regionen werden Aufnahmen präsentiert, die ungeachtet der Bekanntheit des dargestellten Objektes die Baukörper anschaulich schildern oder die Atmosphäre eindringlich widerspiegeln. Besonderes Augenmerk wurde bei der Auswahl darauf gelegt, die Beispiele der Architektur- und Landschaftsfotografie miteinander in Beziehung zu setzen und Vergleiche herzustellen. Es konnten aus den reichen Sammlungen der Reiss-Engelhorn Museen(rem)/Forum Internationale Photographie(FIP), des Museum Ludwig, Köln, Fotografische Sammlung (Sammlung Lebeck/Sammlung Agfa) und dem Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt, historisches Fotoarchiv, Köln, hochkarätige Aufnahmen für die Schau ausgeliehen werden, die vereinzelt um eigene Sammlungsstücke ergänzt wurden.

Das Genre der Reisefotografie spielte bereits in der Frühzeit des Mediums eine bedeutende Rolle. Es galt nicht nur, Orte und Landschaften abzubilden, sondern auch Baudenkmäler und Kunstwerke als Teil des kulturellen Erbes zu dokumentieren. So hatte schon François Arago bei der Vorstellung der Daguerreotypie 1839 in der Akademie der Wissenschaften in Paris auf die große Bedeutung für Fachgebiete wie die Archäologie hingewiesen. Waren die ersten Forscher noch von Zeichnern begleitet worden, die die antiken Stätten und Denkmäler detailliert aufnahmen, so machten sich nun die Daguerreotypisten und Kalotypisten in den Mittelmeerraum auf, um die Bauwerke und plastischen Darstellungen zu fotografieren. Bald bildeten diese Aufnahmen nicht mehr nur die Vorbilder für gemalte oder gestochene Veduten, sondern wurden selbst in den Handel gebracht.

Große Attraktion übten die Staaten Italiens aus, wohin es zuvor bereits Maler und Bildhauer in großer Zahl gezogen hatte. Neben den aus Florenz, wie Giacomo Brogi, Venedig, wie Giuseppe Cimetta, oder Palermo, wie Eugenio Interguglielmi, stammenden Fotografen, bedienten auch reisende mittel- und nordeuropäische Lichtbildner den großen Markt der Italienansichten. Einige, wie James Anderson oder Giorgio Sommer, siedelten ganz nach Rom beziehungsweise Neapel über. Gleichzeitig machten sich einige Fotografen nach Nordafrika, Syrien und Palästina oder noch weiter entfernte Regionen auf. Die ersten Reisefotografen waren zum großen Teil sehr wohlhabend oder wurden auf ihren Exkursionen finanziell von Förderern unterstützt. Meist aus England, wie Francis Frith, Deutschland, wie Jakob August Lorent, oder Frankreich, wie Maxime Du Camp und John B. Greene, stammend, durchquerten sie in staatlichem Auftrag oder aus eigener Begeisterung insbesondere Ägypten und den Nahen Osten. Hier fanden sie Zeugnisse jahrtausendealter Kultur wie die Pyramiden und antiken Tempel, entdeckten den Orient als Inbegriff des exotisch Verlockenden und Fremden oder besuchten die Stätten, die ihnen aus der Bibel vertraut waren. Ihre Fotografien brachten sie mit zurück nach Europa und publizierten sie in zumeist aufwändigen und exklusiven Mappen oder Alben.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Reisefotografien nur von wenigen Pionieren und oft unter enormen Strapazen aufgenommen. Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts siedelten sich nach und nach professionelle Ateliers an, die für die wenigen Privilegierten, denen das Reisen in ferne Länder überhaupt möglich war, Erinnerungsstücke in Form von fotografischen Aufnahmen bereithielten.

Zur damaligen Zeit zu fotografieren war schwierig, insbesondere in heißem Wüstenklima und meist ohne fachmännische Ausbildung. Umso höher sind die Ergebnisse zu schätzen, die seither oft verschwundene oder nun viel stärker verwitterte Denkmäler zeigen. Ein Fotograf reiste um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit enormem Gepäck, da Vergrößerungen kaum möglich waren, das Negativformat also dem des endgültigen Abzugs entsprechen musste und daher häufig mehrere Kameras mitgeführt wurden. Ebenso hatte er seine gesamte Laborausrüstung und eine Dunkelkammer dabei: Erst mit den aufnahmefertig vorbereiteten Trockenplatten und schließlich den Gelatinesilbernegativen konnte die weitere Verarbeitung auf einen späteren Zeitpunkt und günstigere Bedingungen verschoben werden, was die Arbeit der Fotografen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts enorm erleichterte.

Fotografiert wurden alle Stätten von historischer oder kultureller Bedeutung sowie malerische Orte, die ein Tourist zu sehen und an die er sich zu erinnern wünschte. Oft belebten Einheimische die Aufnahme und stellten gleichzeitig einen Maßstab her, um gigantische Säulen und Skulpturen nicht nur in ihrer Form, sondern auch in ihrer Größe erlebbar zu machen. Trotz der starken Sonnenstrahlung waren die Belichtungen wegen der geringen Empfindlichkeit der Materialien noch verhältnismäßig lang und die Szenerien wirkten anfangs noch statisch und gestellt. Einzelporträts oder kleine Gruppen von religiösen Führern, edlen Stammesfürsten, Händlern und Handwerkern oder verschleierten Frauen mit ihren Kindern wurden im Atelier arrangiert. Besonders schöne Beispiele dieser Studioporträts entstanden im Atelier von Pascal Sébah.

Konzentriert auf drei Regionen und Einzelbeispiele ausgewählter Fotografen wurde mit der Ausstellung Historische Reisefotografie 1850-1890 der Versuch unternommen, die Vielfalt von Reisefotografie in den verschiedenen Bildfindungen, Formaten, Techniken und Präsentationsformen deutlich zu machen. In Kombination mit den gleichzeitig präsentierten Ausstellungen kann bei den Fotografien aus Italien über einen Zeitraum von 100 Jahren ein direkter Vergleich mit den Aufnahmen von August Sander und von Ruth Hallensleben gezogen werden, etwa bei Bildern aus Pisa, Amalfi oder Venedig.

Weitere Informationen: http://www.photographie-sk-kultur.de/.

Fotoausstellungen 04 / 2011

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Jerusalem, Damaskustor, vor 1881

"Jerusalem, Damaskustor, vor 1881"

Neapel, Hafen und Burg St. Elmo, 1883

"Neapel, Hafen und Burg St. Elmo, 1883"
Giorgio Sommer

Dahshur, Pyramiden von Osten, um 1857

"Dahshur, Pyramiden von Osten, um 1857"
Fracis Frith

Jaffa, Seeseite, um 1875

"Jaffa, Seeseite, um 1875"
Félix Bonfils