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La Bohème

Museum Ludwig, Köln noch bis 9. Januar 2011

Der französische Autor Henri Murger prägte 1851 in seinen „Scènes de la Vie de Bohème“ das Bild vom Künstler als Außenseiter, der im bürgerlichen Zeitalter in romantischer Armut lebt. Die Bohème, heiter verklärt und durch Puccinis Oper vollends popularisiert, war für Murger ein Durchgangsstadium: „Die Bohème ist die Vorstufe des Künstlerlebens, sie ist die Vorrede zur Akademie, zum Hospital oder zum Leichenschauhaus.“ Der Begriff wurde zum Synonym für den Künstler des 19. Jahrhunderts, der einem anonymen Markt ausgesetzt war und frei von Zwängen, aber auch ohne den Schutz der Höfe seine Leistungen verkaufen musste. Mitten in die Zeit der Entstehung der Bohème-Legende zur Untermauerung künstlerischen Selbstbewusstseins fiel die Erfindung der Fotografie. Inwieweit sich die schillernde Lebenseinstellung auch in den fotografischen Inszenierungen von Künstlern spiegelt, untersucht diese Ausstellung im Museum Ludwig, die noch bis zum 9. Januar 2011 zu sehen ist. Sie verfolgt die Idee der Bohème in fotografierten Darstellungen, Szenen und Inszenierungen.

Der Bogen spannt sich von frühesten Daguerreotypien über die markanten Porträts von Nadar bis zu den opulenten Künstlerfesten der 1920er Jahre. So inszenierte etwa Louis Alphonse de Brébisson um 1842 eine Gruppe musizierender und malender Freunde als Inbegriff einer romantischen Künstlergemeinschaft der Bohème. Felix Tournachon, genannt Nadar, war nicht nur führendes Mitglied der Pariser Bohème, sondern schuf auch legendäre Portraits seiner Freunde und Zeitgenossen. Genial war ebenso die Zusammenarbeit von David Octavius Hill und Robert Adamson, deren Gruppenaufnahmen, wie „Edinburgh Ale“, das Ziel hatten, sich selbst in die Nähe der künstlerischen Boheme zu rücken. Historienspiele und sogenannte „Lebende Bilder“ erzählen vom Verkleidungsaufwand, unter anderem auf Künstler- und Akademiefesten des 19. Jahrhunderts. Von David Wilkie Wynfield, einem präraffaelitischen Fotografen, wie Julia Margaret Cameron, werden zahlreiche poetische Inszenierungen nach historischen Vorlagen gezeigt.

Paris blieb jedoch die Metropole der Kunst und Künstler, und so sind es um 1900 die Selbstinszenierungen der Künstler aus Montmartre und Montparnasse, etwa Modigliani und Picasso, die vom Stilwillen der Dargestellten zeugen. Auch die Sozialfigur des Dandys ist im französischen Milieu des 19. Jahrhunderts entstanden. Schillernde Beispiele sind die Selbstdarstellungen der Piktorialisten wie Alfred Stieglitz oder Frank Eugene Smith. Die skurrilen Verkleidungen des Schriftstellers Pierre Loti und die Atelierszenarien eines Alphonse Mucha wurden vom französischen Flair ebenfalls maßgeblich inspiriert. Einen besonderen Akzent bilden die Fotografien von Ernst Ludwig Kirchner, in denen die Selbststilisierung mit psychologisierender Innenschau verknüpft wird. Opulent und phantasievoll sind die Künstlerfeste der 1920er Jahre; gezeigt werden Beispiele aus dem Malkasten Düsseldorf, aus Köln, Hamburg, und vom Bauhaus in Weimar und Dessau, fotografiert von bedeutenden Fotografen wie August Sander oder T. Lux Feininger.

(http://www.museum-ludwig.de/)

Fotoausstellungen 12 / 2010

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Alphonse Mucha, Paul Gauguin am Harmonium in Muchas Atelier , Paris, um 1893/94

"Alphonse Mucha, Paul Gauguin am Harmonium in Muchas Atelier , Paris, um 1893/94"

Marie-Alexandre Alophe: Caricature. La gloire et le pot-au-feu, Paris 1858

"Marie-Alexandre Alophe: Caricature. La gloire et le pot-au-feu, Paris 1858"

Gaspard Félix Tournachon dit Nadar: Nadar mit seiner Frau Ernestine, Paris, um 1865

"Gaspard Félix Tournachon dit Nadar: Nadar mit seiner Frau Ernestine, Paris, um 1865"

Der Schauspieler Désiré als Jupiter, der sich in eine Fliege verwandelt hat, Paris , um 1865.

"Der Schauspieler Désiré als Jupiter, der sich in eine Fliege verwandelt hat, Paris , um 1865."