Nude Visions - 150 Jahre Körperbilder in der Fotografie

Bert Stern, Marilyn Monroe Bildgalerie betrachten

“Marilyn Monroe”
Bert Stern

Fast 25 Jahre nach der legendären Ausstellung „Das Aktfoto“ widmet das Münchner Stadtmuseum diesem Genre wieder eine eigene Ausstellung. Denn trotz der medialen Überflutung mit Bildern nackter Körper hat der Mensch im Adamskostüm bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren.

Die Ausstellung, die bis zum 13. September zu sehen ist, lädt den Besucher zu einer Reise durch die Kollektion von Körperbildern aus der Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum ein. Mehr als 190 Körperbilder, Mappenwerke mit gedruckten Aktstudien sowie zentrale Beispiele aus der rund 700 Bände umfassenden Aktbibliothek aus dem 19. und 20. Jahrhundert werden in sieben Kapiteln von den Anfängen bis heute gezeigt.

Am Beginn der Ausstellung stehen so genannte „Akademien“: Bildtafeln, die Malern, Zeichnern und Bildhauern als Studienvorlagen dienten und sich an kunsthistorischen Vorbildern der Antike und Renaissance orientierten. Aktfotografien entstanden jedoch nicht nur im Dienste der Malerei und Skulptur, sondern folgten auch eigenen künstlerischen Ambitionen. Theodor Her etwa schuf Fotografien, in denen er seine Modelle in historischen Kostümen als Bacchus oder Orientale präsentierte. Solche und ähnliche Aktaufnahmen wurden gewöhnlich im geschützten Atelier arrangiert. Ab 1870/80 entstanden die ersten Freilichtakte, fast ausschließlich im mediterranen Süden Italiens und Nordafrikas. Fotografen wie Roberto Rive, Wilhelm von Gloeden, Guglielmo Plüschow, Vincenzo Galdi oder Lehnert & Landrock begannen dort ihre Visionen eines irdischen Arkadien zu inszenieren.

Um 1900 wurde das Angebot an Studienvorlagen zur Aktfotografie immer vielfältiger und unüberschaubarer. Mit dieser Massenproduktion hatten die Vertreter des Piktorialismus in ihren Bestrebungen, den Akt als künstlerisches Sujet zu nobilitieren, jedoch wenig gemein. Fotografen wie Frank Eugene, Alfred Stieglitz, Clearence White oder Fritz Witzel haben den Akt in sphärischen, weichzeichnerischen Darstellungen wiedergegeben, in denen der menschliche Körper wie ein kostbares Gefäß aufschien. Mithilfe von aufwändigen Druckverfahren wurde die Bildwirkung der Motive verändert, das konkret Physische entzogen und in entrückte Sphären versetzt.

Im Rahmen der Lebensreform-Bewegung, die seit Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in Deutschland erheblichen Zulauf fand, nahm die Freikörperkultur eine besondere Stellung ein. Das Nacktbaden in Licht, Luft und Wasser gehörte ebenso zu den Aktivitäten wie Kraftsport und Tanz. Eine wirksame Reklame für die Ideale der Naturisten stellten Aktfotografien dar, die den Körper in seiner Natürlichkeit feierten.

Die künstlerische Fotografie im Umfeld von Neuer Sachlichkeit, Neuem Sehen und Surrealismus führte in den 1920er und 1930er Jahren auch im Bereich der Aktdarstellung zu völlig neuen Bildlösungen. Mehrfachbelichtungen, Solarisationen und Collagen, extreme Bildausschnitte und Perspektiven sowie das Spiel mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten gaben der Aktkunst entscheidende Impulse. Der entblößte Körper wurde verfremdet, entmaterialisiert, durchleuchtet, fragmentiert und auf seine prinzipielle Darstellbarkeit hin analysiert.

Der experimentelle Umgang mit der Aktfotografie blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig. Den abstrakt-experimentellen Bildfindungen im Umfeld der „subjektiven Fotografie“ standen in den 1950er und 1960er Jahren Aktbilder von größerer Klarheit und Natürlichkeit gegenüber. Behutsam geschnittene Perspektiven geben eine ungewohnte Ansicht frei. Individualität und Haltung werden zugunsten der Erkundung der Körperoberfläche zurückgedrängt.

Die im Kontext der Body-Art und Performance arbeitenden Fotokünstler der 1970er Jahre erklärten die Unmittelbarkeit der eigenen körperlichen Erfahrung zur politischen Notwendigkeit. Im Rückblick betrachtet kommt ihrer Arbeit einem letzten großen Ringen mit dem sich auflösenden Subjektbegriff vor der postmodernen Wende gleich.

Eine neue Dimension der Aktdarstellung eröffnete die digitale Fotografie. Doch Körperbilder veränderten sich im digitalen Zeitalter nicht nur infolge der Möglichkeiten ihrer Manipulierbarkeit. Auch die Räume des Privaten werden mittlerweile anders ausgeleuchtet als noch vor 25 Jahren. Die öffentliche Zugänglichkeit von Momenten des Privaten hat zu einer regelrechten „Tyrannei der Intimität“ (Richard Sennett) geführt. Nacktheit im „Dschungelcamp“ oder im „Big Brother“-Container veränderten unseren Begriff der Intimsphäre grundlegend. Die verborgenen, zum Teil verbotenen Begierden sind einem Exhibitionismus gewichen, der in den Internetforen bis zur pornografischen Selbst- und Fremdentblößung geht. Mit solchen digitalen Pornobildern, die er durch digitale Bearbeitung einer Unschärfe unterzieht, arbeitet der Künstler Thomas Ruff.

Dem Thema Glamourfotografie widmet die Ausstellung ein eigenes Kapitel. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kreierten die Hollywoodstudios neue Bildformen des Glamourösen. In eigenen Fotoabteilungen entstanden mehr oder weniger freizügige Glamourfotografien für die illustrierte Presse. In den 1940er Jahren war eine besondere Variante des Glamourakts gefragt: das Pin-up. Es zeigt die Frauen weniger entrückt, dafür mehr den Bedürfnissen von Männern in Kasernen oder Schiffskojen angepasst. Seit den 1960er Jahren wurde die Bildform des Glamourakts von der Werbung übernommen. Fotografen wie Guy Bourdin oder Cheyco Leidmann spielen für ihre Fotokampagnen in Hochglanzmagazinen mit surrealen Bildwelten. Andere Fotografen wirken hingegen den Tendenzen der Entindividualisierung der Modelle entgegen. André Gelpke etwa porträtierte Tänzerinnen im Hamburger Vergnügungsviertel St. Pauli ohne die sonst übliche verführerische Pose als selbstbewusste Frauen.

Im Vergleich zum weiblichen Akt ist der Männerakt weniger stark in unserem kollektiven Gedächtnis verankert. Im 19. Jahrhundert war er als Vorlagenstudie im Rahmen der künstlerischen Ausbildung an Kunstakademien legitimiert. Gesellschaftliche Akzeptanz genossen außerdem sogenannte „Körperkulturen“, wie vor dem Ersten Weltkrieg das Bodybuilding genannt wurde. Die Piktorialisten inszenierten ihre männlichen Modelle häufig als lyrische Motive mit Anklängen an mythologische Themen. Im Zuge einer ersten homosexuellen Emanzipation in der Weimarer Republik entstanden für homosexuelle Künstler gewisse Freiräume zur Veröffentlichung von Männerakten. Überhaupt waren Männerakte in vielen Zeitschriften dieser Zeit präsent, wie Aufnahmen von Herbert List, George Hoyningen-Huene oder Horst P. Horst veranschaulichen. Von einem neuen Selbstbewusstsein seit den 1960er Jahren zeugen die Aufnahmen von Will McBride, Herbert Roettgen und Norbert Przybilla.

„Ohne Zweifel vermag nichts den Blick so auf sich zu lenken, wie der nackte menschliche Körper.“ Diese genau einhundert Jahre alte Äußerung hat bis in die Gegenwart Gültigkeit. Eine Ausstellung von Aktfotos im Museum macht sich diesen Umstand zunutze und bleibt eine Gratwanderung zwischen Aufklärung, Anregung und Schaulust. Zugleich dokumentiert sie den Wandel von Schönheitsidealen und Moralvorstellungen.

Zur Ausstellung erscheint im Kehrer-Verlag, Heidelberg, eine von Ulrich Pohlmann und Rudolf Scheutle herausgegebene Publikation mit 220 Abbildungen sowie mit Aufsätzen von Margarete Gröner, Ulrich Pohlmann, Rudolf Scheutle und Petra Steinhardt.

Weitere Informationen: http://www.stadtmuseum-online.de/aktuell/vision.html.
 

Fotoausstellungen 06 / 2009

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