Peter Schlör - DEEP BLACK

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"La Cumbrecita"
Peter Schlör

Mannheimer Kunstverein, 15. November bis 20. Dezember 2009

Das Werk des 1964 geborenen Mannheimer Künstlers Peter Schlör fällt ins Auge. Ernst sind seine Schwarzweißfotografien, zeitlos und still. Sie zeigen stets Dinge, die wir alle kennen, Dinge die uns umgeben, die dennoch mehr als Alltag sind. Nach Ausstellungen in der Kulturstiftung Schloss Agathenburg, in der Städtischen Galerie Iserlohn, im Kunstverein Grafschaft Bentheim, in der Kunsthalle Erfurt und in der Kunst Galerie Fürth ist die Schau „DEEP BLACK“ vom 15. November bis 20. Dezember 2009 Mannheimer Kunstverein zu sehen.

Als „Archtetypen“ wurden Schlörs Motive - Häuser, Bäume oder Berge - einmal beschrieben. Und es stimmt: Es sind Urbilder, die er uns zeigt. Bilder, die im Unbewussten angesiedelt sind, die den Betrachter verstören, weil er glaubt, sie schon einmal gesehen zu haben. Schlörs symbolische Bilder rühren an uns. Das Surreale, das Traumhafte im Sinne etwa de Chiricos, das Mythische ist stets in ihnen. Sie lassen uns fürchten, sie scheinen aus dem Unbewussten zu kommen. Sie zeigen, psychologisch gesprochen, das „Verdrängte“, das Andere. Die dunkle Seite.

„DEEP BLACK“ heißt ein Fotobuch von Peter Schlör. Das ist auch der Titel der Ausstellung, die jetzt im Mannheimer Kunstverein zu sehen ist – und dieser Titel weist bereits auf das hauptsächliche Stilmittel des Künstlers hin. Schwarz ist seine Farbe. Eine Farbe, die in jüngster Zeit eine Renaissance in der Kunst erfährt. „Black Paintings“ etwa nannte sich eine Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, die malerische Arbeiten von Robert Rauschenberg, Ad Reinhardt, Mark Rothko, Frank Stella und Barnett Newman zeigte: abstrakte Expressionisten aus New York, für die Schwarz die Farbe des Erhabenen war. Doch Schwarz ist auch die Farbe des Nichts, der Leere, des Existenziellen. Die Farbe der Verweigerung, die Farbe des Unterbewussten.

In dieser Weise kann man auch das fotografische Schwarz, die ungewöhnlich starken Hell-Dunkel-Kontraste Schlörs begreifen: Als ein Mittel, den Dingen auf den Grund zu gehen. Doch das „tiefe Schwarz“ ist nur das eine. Schlör ist auch ein Meister der dynamischen Perspektive (in dieser Hinsicht fußen einige seiner Arbeiten auf den Traditionen des Neuen Sehens der zwanziger Jahre), ein Virtuose der konzeptionellen Strenge, aber auch des dramatischen Lichts. Ein Licht, das übrigens selten auf Menschen fällt. Doch auch, wenn Schlör die Menschen weitgehend aus seinen Fotografien verbannt hat, so sind sie doch in ihrer Abwesenheit gerade präsent.

Häuser, Bäume, Himmel, Wüsten, Berge: So bekannt die Sujets sind, unter der fotografischen Ägide Schlörs wachsen sie über sich hinaus. Eine Bauruine und ihr tiefschwarzer Schatten etwa ist bei Schlör stets mehr als das: Sie ist ein Symbol für die Unbehaustheit, für die Einsamkeit des Menschen. Für die existenzielle Einsamkeit an sich.

In dem Text „Tiefschwarz. Die Transformation der Leere“ schreibt Harald Kraemer über Peter Schlör: „Die starke Wirkung des Schwarz beruht psychologisch auf dem Erlebnis des Dunkelwerdens, der Nacht, dem damit verbundenen Verlöschen aller Farben. So kann Schwarz auf uns negativ wirken, wenn man darin nur die Finsternis und die damit verbundene Gefahr erkennt, oder aber positiv, wenn man die Dunkelheit mit Geheimnis verbindet und die Töne zwischen den Dingen schätzt. Denn „im Schwarz liegt“, wie Derek Jarman treffend erkannte, „die Möglichkeit zur Hoffnung.‘“

Diese „Möglichkeit zur Hoffnung“ finden wir in fast allen Serien des Künstlers. Wenn er Landschaften fotografiert, dann auf eine Weise, die den Betrachter stets zurückwirft auf das eigene Ich, auf die eigene Vergangenheit. In den Ruinen der „Cavusin“-Serie, in der Stille dieser Bilder liegt stets etwas Humanes. Beinahe scheint es, als atmen hier noch Menschen - oder besser: die Geister jener, welche diese Häuser bereits verlassen haben.

All diese Bäume, Landschaften, Gebirge, Wüsten und Dörfer, sie geben Rätsel auf. Es ist interessant, Texte über Schlörs Arbeiten zu lesen, gerade, weil viele der Autoren in ihren kenntnisreichen Beiträgen nicht umhin kommen, mehr Fragen zu stellen, als Antworten zu geben. So fragt etwa Thomas Schirmböck „Wie groß mag die nun unsichtbare Lücke zwischen den einzelnen Bildern wohl sein?“ Und genau das ist es: Immer bleibt eine leere Stelle, ein Fragezeichen, eine „unsichtbare Lücke“ zurück - beim Betrachten dieser Bilder.

Andreas Vowinckel nannte es einmal „einen Blick in eine Innenwelt der Außenwelt“ und es ist faszinierend zu sehen, wie dieser Blick oft einhergeht mit einer formalen Strenge. Doch diese Strenge der Komposition, der Linien, steht dem Geheimnisvollen nicht gegenüber - beides bedingt sich, wie man nicht nur bei zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Museen und Galerien sehen konnte, sondern auch bei einem Kunst-am-Bau-Projekt, das Peter Schlör vor kurzer Zeit am Max Planck Institut für Kernphysik in Heidelberg realisiert hat. Es galt, den Bau aus den 60er Jahren in einen Dialog mit der umgebenden Landschaft treten zu lassen – einen Dialog zwischen Natur und Architektur. Indem Schlör seine Landschaftspanoramen auf die Fassade aufbrachte, schuf er eine imaginäre Landschaft innerhalb einer realen – und bringt zwei seiner Hauptthemen, Häuser und Bäume, an einem Ort zusammen.

In einem neuen Zyklus zeigt sich die Fotografie von Peter Schlör in veränderter Weise. Ätherische Landschaften entfaltet Schlör, die an romantische Vorbilder, wie etwa Caspar David Friedrichs Kreidefelsen, erinnern. „Für mich ist das eine Gratwanderung - manchmal schon nah am Kitsch“, sagt Schlör. Aufnahmen dieser Art entstehen seit dem Herbst 2007. Es sind große Landschaftspanoramen, die weite Bergketten, unheilvolle Wolkenformationen, einsame Baumgruppen und stille Meere zeigen: die Natur als etwas Großes und Überwältigendes - als das, vor dem der Mensch in seiner Kleinheit erschauern muss. Schlör ist auf der Suche nach einer Ästhetik des Erhabenen - ein klassisches Thema der Kunst.

Die Strenge und die Melancholie in Schlörs Kunst erinnert manchmal an einen anderen Meister der Fotografie: an Robert Häusser - der auch Mannheimer ist. Man blättere etwa durch Häussers „Moortagebuch“: Das sind Bilder von strenger, unspektakulärer Einsamkeit und großer, melancholischer Symbolhaftigkeit. Und wir können diesen Text mit einem Satz Häussers schließen, der auch für Peter Schlör gilt. In seinem „Moortagebuch“ schreibt er, die Landschaft öffne sich, „wenn ich ihr aufgeschlossen und einfühlsam begegne. Dann weiß ich mehr. Dann habe ich manche Erkenntnis gewonnen. Auch für mein Leben.“

Weitere Informationen: www.mannheimer-kunstverein.de.
 

Fotoausstellungen 11 / 2009

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