Report

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Die Baukunst Galerie in Köln präsentiert noch bis zum 28. August 2009 die große Gruppenausstellung „Report“ mit Fotografien von Henri Cartier-Bresson, Sibylle Bergemann und Loredana Nemes. Den drei Fotografen gemeinsam ist das Aufspüren und Festhalten des besonderen Augenblicks, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht. Dabei ist der gesellschaftspolitische Kontext stets präsent. Es ist jedoch vor allem das Geschehen am Rand der großen politischen Schauplätze und Ereignisse, dem das besondere Interesse dieser Fotografen gilt. Mit dokumentarischem Ethos und emotionaler Hinwendung zum Sujet entfalten sie die Kraft ihrer sorgfältig komponierten Fotografien. Die aktuelle Schau in der Baukunst Galerie versammelt eine umfangreiche Auswahl schwarzweißer Silbergelatineabzüge auf Barytpapier, die einen Querschnitt durch die unterschiedlichen Werkgruppen der einzelnen Fotografen repräsentiert.

Henri Cartier-Bresson(1908-2004)> ist zweifellos einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts und hat das Bild dieses Jahrhunderts, seiner Gesichter und Geschichten wesentlich mitgeprägt. Seine Gabe mit seiner berühmten Leica den „l’instant décisif“ (den entscheidenden Moment) einzufangen, machte ihn zum Vorbild für Generationen von Reportagefotografen und bildenden Künstlern. Kaum einer hat so viele Ikonen der Fotogeschichte geschaffen. So richtete er den Blick häufig gegen den Hauptstrom der Weltgeschichte und hielt gesellschaftspolitische Großereignisse auf seine ganz eigene Art fest. Unvergessen ist hier beispielsweise das Mädchen mit den Blumen in der Reihe der Uniformierten auf der Gedenkfeier der UDSSR (1973). Seine Motive fand er jedoch auch in seinem alltäglichen Lebensumfeld und auf seinen Reisen durch Europa, Asien und die Vereinigten Staaten, wie zum Beispiel das prominente Motiv des unter einem Schirm versteckten Liebespaars in „Dieppe“ (1926) oder die mit ihren dunklen Schirmmützen porträtierten „Taxi Drivers“ (1931) in Berlin. Die perfekte Komposition von Flächen, Linien, Licht und Schatten offenbart hier nicht nur sein schnelles Auge und seinen Instinkt für den richtigen Augenblick, sondern auch seine große Imaginationskraft. In der Ausstellung wird eine Auswahl von Motiven aus den Jahren 1926 bis 1975 zu sehen sein.

Sybille Bergemann (*1941 in Berlin) gehört zu den herausragenden deutschen Fotografen, die mit ihrem Werk Fotogeschichte geschrieben haben. Als einer der zentralen Figuren der subjektiven Autorenfotografie vermochte sie es tief unter die Oberfläche der pseudo-egalitären Gesellschaft der DDR vorzudringen. Sie begann ihre Laufbahn Ende der 60er Jahre in Ostberlin. Nach einer Ausbildung bei Arno Fischer hatte sie erste Veröffentlichungen in den Zeitschriften „Sonntag“, „Das Magazin“ und „Sibylle“. Bekannt geworden durch ihre Arbeit als Modefotografin beschäftigte sie sich parallel intensiv mit Porträtaufnahmen, Reportagen und Bilddokumentationen von Städten und Landschaften und war 1990 Gründungsmitglied der Fotografenagentur „Ostkreuz“. Ihre Mode- und Porträtfotografien beziehen ihre Intensität aus dem Kontrast von Modell und Umgebung. So inszeniert sie ihre modisch gekleideten Modelle meist auf öffentlichen Plätzen oder vor maroden Industriegebäuden und eröffnet somit unterschiedliche Wirklichkeits- und Deutungsebenen. Auch in ihren Reportagen findet sie mit sicherem Instinkt jenen Moment, in dem Mensch und Umgebung eine konzentrierte Verbindung eingehen. Im Vorgriff auf filmische Strategien setzt sie das Beiläufige in Szene und konserviert die Realität in einem Augenblick, der Vergangenes und Zukünftiges in sich trägt. Ihre melancholischen, zeichnerisch komponierten Schwarzweißabzüge ohne jegliche Ostalgie haben bis heute nichts an ihrer atmosphärischen Dichte eingebüßt. Dies demonstrierten 2006 und 2007 eindrucksvoll ihre Einzelausstellungen in der Akademie der Künste in der Berlin und dem Museum für Photographie in Braunschweig.

Loredana Nemes wurde 1972 in Sibiu, Rumänien geboren, floh 1986 nach Deutschland und lebt und arbeitet heute in Berlin. In dieser Entwurzelung und dem anschließenden Bemühen um Zugehörigkeit sieht die Autodidaktin ihre anonyme Annäherung an Menschen mit ihrer zweiäugigen Rolleiflexkamera begründet. So versucht sie in „Rumänische Gesichter“ (2001-2007) über Porträtaufnahmen ihrer Landsleute einen Zugang zu der Heimat ihrer Kindheit zu finden. Ähnliches gilt auch für die Serie „Behind the Curtain“ (2001-2003), in der es die Menschen hinter der Kulisse der romantischen Zauberwelt des Zirkus Roncalli sind, deren Individualität und Empfindungen bei ihrer täglichen Routine sie eindrücklich porträtiert. In der 2005 bis 2006 entstandenen Serie „Under Ground“ fotografiert sie die U-Bahn-Fahrgäste in internationalen Metropolen. Die Porträtierten erscheinen seltsam unbeobachtet. Alle Nationalitäten übergreifend verbindet sie in diesen Transit-Minuten ein Moment der Selbstvergessenheit und Intimität. Obgleich uns ihre Gestik und Mimik vertraut erscheint, ist jede Figur ungewöhnlich ausdrucksstark, erzählt jedes Bild ein persönliches Schicksal. Nemes gelingt es hier das eigene Reich einzufangen, das jeden Menschen auch im größten Gedränge noch umgibt. Der Zugang zu den türkischen Männercafés in Berlin bleibt der Fotografin in „Berliner Männerwelten“ (2008-2009) verwehrt. Durch ein fotografisches Konservieren der Außenhaut mit ihren schemenhaften Silhouetten hinter den Milchglasscheiben und Vorhängen, nähert sie sich auch dieser unbekannten Gesellschaft auf ihre unverwechselbare Art.

Weitere Informationen: http://www.baukunst-galerie.de/.
 

Fotoausstellungen 07 / 2009

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