Under ground

London Januar 2005, Loredana Nemes Bildgalerie betrachten

"London Januar 2005"
Loredana Nemes

Paris, London, Berlin, Moskau, Bukarest, New York - Großstädte, die für Anonymität und Freiheit stehen. Schließen sich die Türen der Untergrundbahnen dieser Städte, finden wir uns in einem zwar öffentlichen und doch klaustrophobisch geschlossenen Raum wieder; sind einer Situation ausgesetzt, in der wir uns kaum unseren Mitmenschen entziehen können. Sitzend, über den Gang hinweg, oder stehend, dicht an dicht gedrängt, reagieren wir auf unsere Mitreisenden und kommunizieren verbal oder nonverbal mit ihnen. Durch Gestik, Mimik oder Körperhaltung senden wir Signale aus, die von völliger Abwehrhaltung bis hin zum Flirt reichen können.

Loredana Nemes, 1972 in Rumänien geboren und seit 1986 in Deutschland zu Hause, hat mit ihrer zweiäugigen Rolleiflex-Mittelformatkamera die feinen Nuancen der Kommunikation in den U-Bahnen der sechs Metropolen eingefangen, das Miteinander oder Sich-Isolieren der Menschen beobachtet. Ihre bestechend schönen Schwarzweißfotografien der Jahre 2005 und 2006, die noch bis zum 8. Februar 2009 im Museum für Kommunikation in Berlin zu sehen sind, zeigen Alleinreisende, die, in eine Ecke gelehnt, ganz in sich und die eigene Welt versunken sind und deren gedankenverlorener Blick ins Leere geht, aber auch Paare, von denen die Fotografin zumeist serielle Aufnahmen gemacht hat und von denen sie uns Geschichten erzählt, die sie dank ihrer sensiblen Beobachtungsgabe aufgespürt und mit ihrer Kamera festgehalten hat.

Die Auswahl der Personen, die die Künstlerin in ihre Fotogalerie aufnimmt, zeugt von ihrer emotionalen Verbundenheit mit den einzelnen Menschen, erhebt jedoch nicht den Anspruch in dokumentarischer Vollständigkeit einen repräsentativen Querschnitt der U-Bahn-Nutzer wiedergeben zu wollen. Uns begegnen in ihren Fotografien keine exzentrischen Selbstdarsteller oder Randfiguren der Gesellschaft. Vielmehr begegnen wir uns selbst: wartend, schlafend, eine Zeitung lesend oder vertieft in einem Gespräch mit unserem Begleiter. Derartig unverfälschte, fast intime Aufnahmen gelingen Nemes, weil sie sich distanziert und zurückhaltend beobachtend verhält, versucht, sich in die Allgemeinheit der Fahrgäste zu integrieren und so wenig wie möglich auf sich aufmerksam zu machen. Dies glückt ihr, obwohl sie die Passagiere nie heimlich fotografiert, sondern ihre Kamera ganz offen vor sich her getragen hat. Jedes der Bilder scheint ein Schicksal zu erzählen und das eigene Reich einzufangen, das noch im größten Gedränge um jeden ist.

Weitere Informationen:
www.museumsstiftung.de/stiftung/d011_willkommen.asp
 

Fotoausstellungen 12 / 2008

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