fashion room - Fotografien aus der Sammlung F.C. Gundlach

© Harry Callahan Estate, Atlanta 1984 Bildgalerie betrachten

"Atlanta 1984"
© Harry Callahan Estate

Museum für Angewandte Kunst Frankfurt, bis 8. November 2009

Jede Mode braucht ihren Raum. Kleidermode ist per Definition dreidimensional: sie umhüllt den Körper, formt und exponiert oder verbirgt den Körper, hebt Körperpartien hervor und lässt andere verschwinden. Doch Mode ist flüchtig und wird erst von der Fotografie festgehalten. Dabei wird die räumliche Dynamik der Mode in die Fläche der fotografischen Aufnahme überführt. Die Wahrnehmung des ursprünglichen Moderaums verändert sich und neue Interpretationsräume kommen hinzu. Neben den realen Raum, die Straße, das Schaufenster oder den Laufsteg treten gesellschaftliche, kulturell kodierte Räume.

Die Ausstellung FASHION ROOM präsentiert fotografische Strategien der Inszenierung von Kleidermode im Raum und begreift den Begriff „Raum“ als Modell eines Denkraumes, der weit über den architektonischen Raum hinausgeht. Jede Modefotografie zeigt die zeitgebundene Wahrnehmung des Modischen und damit die untergründigen Beziehungen zwischen Mode, Kultur und Gesellschaft. Dabei zeigt die Auswahl FASHION ROOM aus der Sammlung F.C. Gundlach nicht nur Modefotografien im klassischen Sinne. Im Vordergrund der Ausstellung steht das dialogische Moment der Fotografie: die Interaktion von Mode, Raum und Bildfläche im Wandel der Zeit und der Fotografiegeschichte.

Ein wichtiges Auswahlkriterium für die Exponate der Ausstellung ist das Prinzip der Serie. Bevorzugt wurden Konvolute ausgewählt, die als Reihung eine konzeptuelle Bedeutung transportieren. Motivserien von Fotografen wie Martin Badekow, George Hoyningen-Huene, Imre von Santho, Franz Roh oder Wols aus den 1930er bis 1950er Jahren stehen chronologisch am Anfang, es folgen Arbeiten von Ralph Gibson, Saul Leiter, Zoe Leonard, Gjon Mili und Melvin Sokolsky aus den 1960er und 1970er Jahren und schließlich Werke von Katharina Bosse, Robert Heinecken, Chris Moore und David LaChapelle.

Die ausgewählten Bildstrecken lassen unterschiedliche Herangehensweisen der Fotografen erkennen. Melvin Sokolskys bekannte „Bubble Series“, für Harper's Bazaar 1963 in Paris aufgenommen, kommentiert den fotografischen Akt des Inszenierens von Mode im Raum besonders prägnant. Sokolsky lässt sein Lieblings-Fotomodell Simone d'Aillencourt an markanten Punkten im Pariser Stadtraum posieren und setzt so die Haute Couture-Entwürfe mit dem Flair von Paris in Beziehung - gleichzeitig bleibt das Fotomodell in seiner Plexiglaskugel jedoch visuell und physisch isoliert, Paris wird zur Kulisse. Dieses Spiel mit Nähe und Unerreichbarkeit, Fläche und Raum erzeugt letztlich ein Bewusstsein um die repräsentative Funktion der Fotografie und die Distanz zwischen Dargestelltem und Betrachter. Gijon Milis und Frank Horvats Fotografien hingegen verweigern zunächst die Verortung im Raum, die Figuren sind im Anschnitt zu sehen, die Aufnahmeorte bleiben unklar. Doch durch den Faltenwurf des grafisch ausdrucksvollen Dessins schaffen Mili und Horvat innerhalb des Textils räumliche Strukturen, die Volumen und Schnitt der Mäntel vorstellbar machen. Diese Strategie der Abstraktion gipfelt in der Serie James Wellings, der Bildräume allein durch den fotografierten Faltenwurf loser Stoffbahnen inszeniert. Saul Leiter arbeitet mit der räumlichen Wirkung extremer Perspektiven und optischer Verzerrungen von Figur und Modeschöpfung. Auch er geht oft in den Anschnitt, lässt aber den Ort der Aufnahme grundsätzlich erkennen: Straße und Plakatwand stehen beispielsweise für die urbane Großstadt, der Schminkspiegel steht für den intimen Innenraum. An den Modeaufnahmen von Katharina Bosse und David LaChapelle lassen sich bei aller Ähnlichkeit gegensätzliche Strategien im Umgang mit Raum und Perspektive festmachen: Bleiben einerseits die Orte von Katharina Bosses Aufnahmen allgemein, die Raumsituation eng, die Figuren auch ihrer Haltung nach in die Ecke gedrängt - so werden andererseits Mode und Model bei LaChapelle ins Verhältnis gesetzt zu deutlich erkennbaren architektonischen Strukturen. Bei LaChapelle verstärkt die ausladende Offenheit der Gesten die Weite des Raumes und nimmt Bezug auf Üppigkeit und Glamour der Modeentwürfe. Als Beispiel für Farb- und Lichträume im Studio lassen sich Imre von Santhos kontrastreiche Aufnahmen der 1930er und George Hurrells handcolorierte Aufnahmen der 1940er Jahre begreifen. Schlichte Hintergrundpapiere und geometrische Flächen leuchtet Imre von Santho mit Studioscheinwerfern aus und erzeugt so Lichträume für seine streng schwarz-weißen Modeaufnahmen. Haltung und Gestik der Fotomodelle werden an den Lichtflächen ausgerichtet, Schatten und Grauabstufungen sorgen für räumliche Tiefe. George Hurrell, bekannt für seine Hollywood-Starporträts, bleibt auch für seine Modeaufnahmen im Studio, setzt Projektion und Mehrfachbelichtung ein und stellt die farblich zurückhaltenden Modeentwürfe in Kontrast zu handcolorierten Farbräumen.

Dem Credo der Sammlung F.C. Gundlach folgend, werden auch konzeptionelle und künstlerische Ansätze, für die Kleidung eine Rolle spielt, in das Ausstellungskonzept eingeschlossen. Die Schaufensteraufnahmen Harry Callahans beispielsweise reagieren auf die visuelle Faszination von Mode und Schaufensterpuppen hinter Glas, die, obgleich körperhaft, hinter der Scheibe ein Umschreiten oder gar eine Berührung verweigern. Spiegelungen im Glas verunklären zusätzlich die räumliche Situation und schaffen eine geheimnisvolle Atmosphäre in der sich Realität und Fiktion vermischen. Ergänzt wird dieses Thema durch Schaufenster-Aufnahmen unterschiedlicher Autoren, deren Perspektiven sowohl von außen auf die Schaufensterdekoration als auch durch das Glas auf die Betrachter der Auslage gerichtet sind.

Heinrich Riebesehls Aufnahmeserie von „Menschen im Fahrstuhl“ wurzelt in der Tradition der U-Bahn Aufnahmen von Henri Cartier-Bresson oder Helen Levitt. Mit versteckter Kamera aufgenommen, wähnen sich die Abgebildeten unbeobachtet im engen intimen Fahrstuhlraum und präsentieren so scheinbar ganz natürlich Kleidung im Alltag. Vierzig Jahre nach ihrem Entstehen transportieren die Fotografien umso deutlicher einen Zeitgeschmack und werden - insbesondere durch die konzeptuelle Strenge - zu Dokumenten des Alltagsdesigns. Auch die Serie „Neufünfland“ von Hans Pieler oder das vierteilige „Wahnzimmer“ von Bernhard und Anna Blume führen die Argumentation der Ausstellung fort. Den extremsten Gegenpol zu klassischen Modeaufnahmen stellt FASHION ROOM schließlich mit den Serien von Ruth Hallensleben und Grant Mudford vor, die als Hauptthema die Wechselwirkung von Mode, Design und Architektur aufweisen.

Kuratoren der Ausstellung sind Sebastian Lux und Ulrich Rüter

Die Sammlung F.C. Gundlach
Bei der Bildauswahl für die Ausstellung FASHION ROOM konnten die Kuratoren auf eine Vielfalt unterschiedlicher Inszenierungsmöglichkeiten und Wahrnehmungsmuster von Mode zurückgreifen, die in der umfangreiche Sammlung F.C. Gundlach enthalten sind. Über viele Jahrzehnten hat F.C. Gundlach (Jg. 1926), selbst einer der wichtigsten Modefotografen der Bundesrepublik Deutschland, seine fotografische Sammlung „Zum Bild des Menschen in der Photographie“ zu einer der bedeutendsten privaten Fotografiesammlungen ausgebaut. Mit der Eröffnung des Hauses der Photographie in der südlichen Deichtorhalle in Hamburg fand der Kernbestand dieser Sammlung Einzug in das von F.C. Gundlach gegründete Haus. Mit der Ausstellung „The Heartbeat of Fashion“ hat F.C. Gundlach 2006 erstmals eine umfassende Ausstellung zur Modefotografie aus seiner Sammlung vorgestellt.

Die Stiftung F.C. Gundlach
Um sein Lebenswerk und seine Fotografiesammlung auf Dauer zu sichern und den aktiven, wissenschaftlichen und kreativen Umgang mit seinem gesamten fotografischen Vorlaß zu ermöglichen, gründete F.C. Gundlach 2000 die Stiftung F.C. Gundlach, deren Zweck die Förderung von Kunst, Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der Fotografie, insbesondere die Förderung der Fotografie als Kulturgut ist. Die Kuratoren der Ausstellung FASHION ROOM sind seit vielen Jahren Mitarbeiter der Stiftung F.C. Gundlach. Unter anderem kuratierten sie (zusammen mit Klaus Honnef und Hans-Michael Koetzle) die Ausstellung „F.C. Gundlach. Das fotografische Werk“ für das Haus der Photographie Hamburg (2008), die ab November 2009 im Berliner Martin Gropius-Bau zu sehen sein wird.

Weitere Informationen:
www.fffrankfurt.org und www.angewandtekunst-frankfurt.de
 

Fotoausstellungen 09 / 2009

69 Bewerten  |  Drucken  |  Weiterempfehlen
Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden