Helmut Newton - Pages from the Glossies

Helmut Newton
French Vogue
Melbourne, 1973
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Helmut Newton
French Vogue
Melbourne, 1973
© Helmut Newton Estate

Die Helmut Newton Stiftung präsentiert im Museum für Fotografie in Berlin noch bis zum 22. Mai 2016 die Ausstellung: Helmut Newton – Pages from the Glossies

In der Ausstellung “Pages from the Glossies” sehen wir viele Bildikonen von Helmut Newton neu. Die Bildmotive entstammen einem Zeitraum von mehr als vier Jahrzehnten; es sind Faksimiles aus renommierten, internationalen Modemagazinen, entstanden zwischen 1956 und 1998. Newton wurde von den wechselnden Verlegern oder Herausgebern in diesem langen Zeitraum immer wieder gebucht, um seine Versionen und Visionen der jeweils aktuellen Mode entstehen zu lassen. Diese Kontinuität blieb in dem sonst so schnelllebigen Modebusiness eine Besonderheit.

Entstanden für Magazine wie Vogue, Elle, Queen und Stern wurden die später berühmten und begehrten Motive zunächst im Rahmen eines Mode-Editorials oder einer Bildgeschichte veröffentlicht. In den 1960er- und 1970er-Jahren, als viele dieser ikonischen Aufnahmen entstanden und veröffentlicht wurden, entschieden die Bildredakteure allein über die Verwendung der Modeaufnahmen. Selbst Helmut Newton und seine berühmten Kollegen mussten sich in dieser Zeit der hausinternen Gestaltung der Einzel- und Doppelseiten oder dem Umfang des Editorials unterordnen. Manche seiner Bilder wurden beschnitten oder gar mit Schrift unterschiedlichster Typografie überzogen, die meisten jedoch blieben unangetastet.

1998 publizierte Newton eine Auswahl seiner für die Highgloss-Magazine entstandenen Modeaufnahmen unter dem Titel „Pages from the Glossies“ im Züricher Scalo-Verlag. Das Buch ist seit längerem vergriffen und wird in diesem Herbst von TASCHEN neu aufgelegt. In der Helmut Newton Stiftung werden nun erstmals die gesamten Einzel- oder Doppelseiten, der in „Pages from the Glossies“ versammelten Veröffentlichungen als vergrößerte Ausstellungsprints präsentiert, die sich aus den unterschiedlichsten Magazinquellen speisen, inklusive der individuellen Typografie, Seitenzahlen, Kommentare und Bildunterschriften. Die Präsentation, der mehr als 230 Zeitschriftenseiten mit fast 500 Einzelaufnahmen, bleibt insofern so authentisch wie möglich.

Von manchen Motiven entdecken wir Varianten, die Newton später in Ausstellungen und Bildbände übernommen hat. Wir begegnen aber auch einigen Farb- und Schwarzweiß-Bildern, die bislang noch nicht gezeigt wurden. Auch sie gehören als publizierte und insofern von Helmut Newton legitimierte Aufnahmen zu seinem Gesamtwerk.

Gelegentlich, wie etwa bei dem später berühmten Diptychon „Sie kommen“ (1981), wurden bei der Erstveröffentlichung in der französischen Vogue sogar die schwarzen Umrisslinien des Negativrahmens abgedruckt. Für Insider ist dies ein Hinweis auf das verwendete Filmformat, in diesem Fall ein 6×6 cm-Rollfilm, sowie auf das in Gänze verwendete Negativformat für die Vergrößerung. Gleichzeitig sehen wir, wie Newton das fertige Bild bereits während der Aufnahme in den Pariser Vogue-Studios komponiert hat – so, wie es der Fotograf in den meisten Fällen realisierte. Die französische Vogue hatte die Gegenüberstellung von nackten und unbekleideten Modellen, die später in Newtons Werk als "Naked and Dressed"-Bildserie legendär wurde, im November 1981 abgedruckt, die italienische Vogue publizierte vergleichbare Freiluftaufnahmen aus Brescia bereits einen Monat zuvor. Es brach ein Sturm der Entrüstung los, als die Akt- und Modebilder Seite an Seite in einem Modemagazin veröffentlicht wurden. Das Diptychon „Sie kommen“, das damals bei der Erstpublikation in Frankreich noch provozierte, ist heute eine Foto-Ikone – es wurde tausendfach nachgedruckt und erzielt heute als lebensgroßer, limitierter Vintageabzug Rekordpreise auf dem Auktionsmarkt.

Helmut Newton war mit seinen teilweise radikalen, aber stets sehr eleganten Frauenbildern dem Zeitgeist häufig voraus – und hat diesen gleichzeitig über Jahrzehnte mitgeprägt. Schreitet man als Besucher an Newtons chronologisch aufgereihten, faksimilierten Modeaufnahmen in den Ausstellungsräumen entlang, erkennt man nicht nur die sich verändernde Bildsprache des Fotografen, sondern vor allem die sich verändernde Stellung der Frau in der westlichen Gesellschaft seit den 1950er-Jahren. Zudem wird auf den Doppelseiten ein autonomer Bildanspruch sichtbar, der jenseits bloßer Mode-Illustration innerhalb des Magazins funktionierte.

Die Zeitschriften waren für Newton aber auch ein zentrales Distributionsmittel. Durch sie erreichte er mit seinen Modebildern ein Millionenpublikum, lange bevor er mit eigenen Bildbänden und Ausstellungen andere Veröffentlichungs- und Vertriebswege für seine visuellen Botschaften fand. Die posthum produzierte Ausstellung „Pages from the Glossies“ in der Helmut Newton Stiftung, die zuvor ja nur als Buch existierte, zeichnet auch diese Entwicklung nach. In Vitrinen werden zusätzliche Magazine und Bücher von Newton präsentiert – und damit die Bildmotive in ihrer Originalgröße und dem Kontext ihres Entstehens. So werden wir auch hier wieder gewahr, wie sehr Newton über die Jahre und Jahrzehnte seines Schaffens die Grenzen des Mediums auslotete, wie sehr er experimentierte und wie erfolgreich er gesellschaftliche Regeln ausgehebelt hat.

Änderungen vorbehalten.

Fotoausstellungen 12 / 2015

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