Hotel California

Die Vertreibung aus dem Paradies / Adam und Eva mit Kain nach der Vertreibung Bildgalerie betrachten

"Die Vertreibung aus dem Paradies / Adam und Eva mit Kain nach der Vertreibung"
Johann (Jan) I Sadeler (Brüssel 1550 bis um 1600 Venedig?) nach Marten de Vos

Vom Vergnügungspark ins Martyrium und mit dem Fakir ins Paradies - mit seiner neuen Ausstellung „Hotel California“ schickt das Wallraf Museum in Köln vom 7. September bis zum 18. November 2007 seine Besucher auf eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Himmel und Hölle. Bei der ungewöhnlichen Zusammenführung von alter und neuer Kunst treffen frühbarocke Paradiesdarstellungen auf Photographien von menschenleeren Freizeitparks und spät-mittelalterliche Martyrienbilder auf zeitgenössische Dokumente religiöser Ekstase. Die daraus entstehenden Dialoge sind kein leichter Kunstgenuss, sondern polarisieren und provozieren.

„This could be heaven or this could be hell”, heißt es in dem Eagles-Klassiker “Hotel California”. Hölle und Paradies, Traum und Alptraum, Drogenexzesse, Sektenwesen, psychiatrische Anstalten und Folterzellen werden mit diesem rätselhaften Song assoziiert. Die gleichnamige Kölner Ausstellung fragt, wie trotz der massenhaften Berieselung durch „authentische“ Bilder von Sex und Tod noch eine künstlerische Auseinandersetzung mit Lust und Schmerz, Vergänglichkeit und dem „Streben nach Glück“ möglich ist. Für die Beantwortung bringen die beiden Kuratoren, Andreas Blühm und Roland Krischel, zwei moderne Photoserien von Desiree Dolron und Thomas Wrede (beide 1963 geboren) mit mittelalterlichen und frühbarocken Meistern aus dem eigenen Haus zusammen. Dazu wählten sie insgesamt rund hundert Bilder aus.

Zwei moderne Photographen und viele alte Meister
Die Niederländerin Dolron zeigt in ihrem Zyklus „Exaltation - Images of Religion and Death“ (1991 bis 1999) monochrome Schreckensbilder religiöser Ekstase aus verschiedensten Regionen der Welt (Ägypten, Indien, Philippinen, Malaysia, Marokko, Pakistan, Thailand). Dabei schont sie den Betrachter nicht: Ihre Nahaufnahmen zeigen durchbohrte und abgetrennte Gliedmaßen, ihre Totalen gegeißelte und gekreuzigte Menschen. Bilder, die in einer drastischen Sprache von religiösem Masochismus, Rausch und Wahn erzählen.

Thomas Wrede hingegen öffnet mit seinen Bildern („Magic Worlds“) den Blick für die künstlichen Welten deutscher Freizeit- und Vergnügungsparks. Ob in Rust bei Freiburg, Bottrop-Kirchhellen oder Brühl bei Köln, der 44-jährige photographiert seine Magic Worlds immer aus leicht erhöhter Position („göttlicher Blick“) und nur außerhalb der Öffnungszeiten. Die menschenleeren Gelände, Fahrgeschäfte und Bauten strahlen deshalb eine unbekannte, geradezu paradiesische Ruhe und Würde aus.

Zur Ausstellungskonzeption
Statt direkt miteinander treten Dolron und Wrede zunächst in einen Dialog mit Alten Meistern aus dem Museum Wallraf. In der Sektion Dolron trifft „Exaltation“ auf spätmittelalterliche Tafelbilder, die Heiligenlegenden, Höllenvisionen und Martyriumsszenen zeigen. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen und die farbigen Gemälde korrespondieren formal wie thematisch. Ein gutes Beispiel dafür sind eine Aufnahme eines thailändischen Fakirs und das Martyrium der Zehntausend: Die durchbohrten Protagonisten ertragen ihr Schicksal jeweils nahezu unberührt. Im Ausstellungsteil Wrede hängen Krischel und Blühm den „Magic Worlds“ frühbarocke Graphiken mit Paradiesszenen zur Seite. Und auch hier entsteht ein fruchtbarer Dialog: Die Perspektiven auf eine menschenleere Warteschlangenzone und einen geschlossenen, geometrisch angelegten Paradiesgarten ähneln sich auf verblüffende Weise. Der Weg von Adams Ur-Hütte zum Starthäuschen im Schwarzwaldlook ist nicht weit: „Die Vertreibung aus der Freizeit mutiert“, so Roland Krischel, Leiter der Mittelalterabteilung im Museum Wallraf, „zur Vertreibung der Freizeit". Als Bindeglied zwischen den beiden Ausstellungsteilen fungieren Photographien aus einer weiteren Serie von Thomas Wrede, die den Titel „Magic Feelings“ trägt. Sie besteht aus rund zwanzig Porträtaufnahmen (schwarzweiß) von Achterbahnfahrern in Aktion. Ihre expressive Mimik oszilliert zwischen Lust und Schrecken, Angst und Spaß, Horror und Ekstase.

Fazit einer Ausstellung
Durch die vergleichende Konfrontation zeitgenössischer Photographie mit ausgewählten und selten gezeigten Werken aus der museumseigenen Sammlung werden über die Jahrhunderte hinweg sowohl Kontinuitäten als auch Brüche deutlich - und zwar nicht nur in der formalen Gestaltung, sondern auch in der inhaltlichen Auffassung von Lust, Schmerz, Tod und Glücksverheißung. Gleichzeitig schärfen die Photographien von Dolron und Wrede nachhaltig den Blick für die existentielle Aussagekraft der alten Kunst. Die Ausstellung „Hotel California“ schickt ihre Besucher auf eine emotionale Zeit- und Medienreise von der Malerei des 15. und frühen 16. Jahrhunderts über die Druckgraphik des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts bis hin zur zeitgenössischen Photographie. Andreas Blühm, Museumsdirektor, bezeichnet den Besuch von „Hotel California“ als eine „intellektuelle Achterbahnfahrt“, empfiehlt „die Begleitung jugendlicher Besucher durch Erwachsene“ und verweist dabei auf das bekannte Songzitat „You can check out any time you like, but you can never leave!“
 

Fotoausstellungen 09 / 2007

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