Shoot! Shoot! Shoot! - Fotografien der 60er und 70er Jahre aus der Nicola Erni Collection

Jeanloup Sieff: Yves Saint Laurent poses for his perfume‘s ad campaign, Paris, 1971
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Jeanloup Sieff: Yves Saint Laurent poses for his perfume‘s ad campaign, Paris, 1971
© The Estate of Jeanloup Sieff

Die Ausstellung “Shoot! Shoot! Shoot!”, noch zu sehen bis zum 15. Januar 2017 im Münchner Stadtmuseum, wirft spektakuläre Blitzlichter auf eine turbulente und legendäre Epoche in der Geschichte von Kunst, Musik, Mode und Film: Die 1960er- und 1970er- Jahre – Jahrzehnte des Umbruchs, der Provokation und der kreativen Energie. Rund 200 Fotografien aus der Schweizer Nicola Erni Collection führen an die Schauplätze New York, London und Paris, mitten hinein in das pulsierende Kultur- und Partyleben. Man blickt durch die Linse der großen Fotografinnen und Fotografen der Zeit, von Diane Arbus, über Richard Avedon, Gary Winogrand, Helmut Newton, Annie Leibovitz bis zu Robert Mapplethorpe. Sie richten ihre Kameras auf Andy Warhol, The Beatles, Truman Capote, Charlotte Rampling, Marlon Brando und andere Berühmtheiten.

Bislang selten gezeigte Aufnahmen treten neben bekannte Bildikonen. Sie beleuchten die Swinging Sixties und Seventies von verschiedenen Seiten und zeigen ihre vielfältigen Facetten: Wer feierte mit wem, ging kreative Kollaborationen ein, wo überschnitten sich die unterschiedlichen Kunstszenen, trafen bildende Künstler auf Musiker, Schauspielerinnen und Regisseure? Und welche Positionen nahmen die Fotografinnen und Fotografen in diesem vielschichtigen und sagenumwobenen Netzwerk ein, die in jenen beiden Jahrzehnten teilweise selbst Kultstatus genossen?

Die Bildproduktion dieser Zeit zeichnete sich durch einen großen visuellen Reichtum und eine reizvolle Widersprüchlichkeit aus. Während Berühmtheiten wie Brigitte Bardot, The Rolling Stones oder Twiggy einerseits aufwendig in Szene gesetzt und in zeitlose Bilder und zeichenhafte Porträts überführt werden, erhält andererseits der Schnappschuss eine große Aufwertung – nicht zuletzt in der Paparazzi-Fotografie der Boulevard-Presse. Er basiert auf Spontaneität und Nähe und vermag es gerade, die glatte Oberfläche der Ikonen in Frage zu stellen, ihrem Image etwas Unverhofftes hinzuzufügen.

Die Ausstellung des Münchner Stadtmuseums gliedert die eindrücklichen Fotografien aus der Nicola Erni Collection in verschiedene thematische Kapitel: Der Riege der Pop-Artists, der zeitgenössischen Feierkultur und Schauplätzen wie dem Studio 54, dem Film, der Performance-Kunst, der Musik und der Mode. So gibt sie einerseits einen nachhaltigen Eindruck vom großen Ganzen dieser bewegten Jahrzehnte und lässt zugleich konzentrierte Blicke auf einzelne Bilder und Zusammenhänge zu. Die Entwicklung Andy Warhols wird nachvollziehbar, von den künstlerisch-subversiven Jahren der „Factory“, dem Treffpunkt der experimentellen New Yorker Kunstschaffenden, bis in die Zeit des Studio 54, in der Warhol den „Underground“ verlassen hat und gewissermaßen selbst in der Star-Kultur und Prominentenszene aufgegangen ist. Bilder von Stars der zeitgenössischen Musikszene, die zum Teil bis heute nicht an Berühmtheit verloren haben, stellen Fragen nach der gegenseitigen Aufwertung von Fotograf und Modell, profitieren doch beide hinsichtlich ihres Bekanntheitsgrads oft gleichermaßen von einer Begegnung. Im Kapitel Film treffen artifizielle Inszenierungen auf unaufgeregte Set-Bilder.

Nicht zuletzt fragt die Ausstellung nach Nähe und Distanz – zwischen den Fotografen und ihren berühmten Motiven, aber zugleich auch zwischen der High Society und denjenigen, die ihre Bilder in Illustrierten und Magazinen betrachteten. Fotografien der Schönen, Reichen und der künstlerischen Bohème in inszenierter Privatheit, wie sie „Shoot! Shoot! Shoot!“ vor Augen führt, sind heute in dieser Form kaum noch denkbar. Angesichts digitaler Fotografie und sozialer Medien ist der Bilderfluss um ein Vielfaches unmittelbarer geworden. Bilder der eigenen Person machen die Stars heute oftmals schlicht selbst, Spontaneität und Nähe haben vermeintlich eine neue Ebene erreicht. So eröffnet die Ausstellung nicht nur ein faszinierendes historisches Panorama, sondern weist gleichermaßen in die Gegenwart und regt zum Nachdenken über vergangene und aktuelle Bildpraktiken an, über vergangene und uns heute umgebende Bildwelten.

Zur Ausstellung, die mit der Nicola Erni Collection und ihrer Kuratorin Ira Stehmann erarbeitet worden ist, erscheint ein Katalog in deutscher und englischer Sprache mit Beiträgen von Linda Conze, Sabrina Mandanici, Ulrich Pohlmann, Rudolf Scheutle, Kerstin Stremmel und Katharina Sykora. Der Katalog ist nur während der Laufzeit der Ausstellung und ausschließlich an der Museumskasse und im Online-Shop erhältlich. Preis 29,90 €.

Weitere Informationen: www.muenchner-stadtmuseum.de

Fotoausstellungen 09 / 2016

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