Neue Biografie über Ernst Leitz - „Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert“… und die Leica revolutionierte die Fotografie

Ernst Leitz - „Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert“… und die Leica revolutionierte die Fotografie
Leica feiert 2014 ein Doppeljubiläum: Vor 100 Jahren, im März 1914, hat Oskar Barnack neben seiner eigentlichen Aufgabe als Leiter der Leitz-Versuchswerkstatt für Mikroskope das Ur-Modell der Leica fertiggestellt. Doch der Erste Weltkrieg unterbrach für viele Jahre ihre Weiterentwicklung. Vor 90 Jahren entschied Ernst Leitz II, mit der Leica als Basis ein neues fotografisches System in Serie fertigen zu lassen. Eine aktuelle Biografie über den Wetzlarer Unternehmer beleuchtet erstmals die wirtschaftlichen Risiken und technischen Herausforderungen, die Ernst Leitz meistern musste, bevor die Leica die Welt der Fotografie revolutionierte.

„Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert.“ Mit diesen Worten beendete Ernst Leitz II (1871-1956) im Juni 1924 eine lange, kontroverse Debatte mit seinen engsten Mitarbeitern über die Markteinführung einer „Kleinfilmkamera“. Es war die bedeutendste unternehmerische Entscheidung seines Lebens. Sein Ja zur Serienfertigung der Leica und damit zur Entwicklung eines neuen fotografischen Systems sollte fortan die fototechnische und fotochemische Industrie über ein dreiviertel Jahrhundert maßgeblich bestimmen. Anlässlich der 90-jährigen Wiederkehr dieser bahnbrechenden Entscheidung gibt Knut Kühn-Leitz eine neue Biografie über seinen Großvater heraus.

Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Dies war der Grund, warum die Leica erst mit 10-jähriger Verspätung in Serie produziert werden konnte. Oskar Barnack hatte mit Unterstützung von Ernst Leitz an der Konstruktion seiner „Liliputkamera mit Kinofilm“ gearbeitet und im März 1914 die Entwicklung der Ur-Version seiner „Kleinfilmkamera“ abgeschlossen. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren musste sich der Hobbyfotograf jedoch anderen Aufgaben widmen. Erst 1920 veranlasste Ernst Leitz die Weiterentwicklung der Kamera sowie die Berechnung eines zugehörigen Hochleistungsobjektivs durch Max Berek.

Denn Ernst Leitz hatte früh den Trend zu einer kleinen, leichten und handlichen Kamera erkannt. Dem weltweit bekannten Mikroskophersteller war klar, dass es mit dem Fotoapparat allein nicht getan war und dass eine Stehbildkamera für den perforierten Kinofilm nicht nur eine äußerst präzise Mechanik und eine hervorragende Optik haben musste, sondern dass darüber hinaus die Entwicklung eines vollständig neuen Systems für das Aufnahmeformat 24×36 mm notwendig war: Hochwertige Geräte zur Vergrößerung des briefmarkengroßen Negativs auf Fotopapier ebenso wie für die Projektion von Filmstreifen.

Aber was nützte eine noch so gute Kamera mit dem dazu gehörenden fotografischen System, wenn dem Unternehmen die Vertriebsstrecke für Amateurfotografen fehlte. Auch war das Aufnahmematerial, der perforierte Kinofilm, zunächst weit davon entfernt, die wirklichen Möglichkeiten dieser Qualitätskamera mit dem leistungsstarken Objektiv nachweisen zu können. Der Fotohandel hatte zudem kein Interesse, das florierende Geschäft mit Kontaktkopien von Platten oder Rollfilmen durch eine neue Vergrößerungstechnik für das 35-mm-Aufnahmeformat zu ersetzen.

Noch gravierender war, dass der Plan von Ernst Leitz, Mitte der 1920-er Jahre einen neuen Markt für die Fotografie zu erschließen, in eine Zeit fiel, in der sämtliche Geldvermögen der Deutschen durch die Hyperinflation und die anschließende Währungsreform vernichtet worden waren. Es fehlte der Zielgruppe, den anspruchsvollen Amateuren, weitgehend das Geld zum Erwerb einer teuren Kamera wie der Leica.

Allen Risiken zum Trotz entschied sich Ernst Leitz insbesondere aus sozialer Verantwortung für seine Mitarbeiter, mit hohen Investitionen ein neues Fertigungsprogramm aufzubauen. Das ganze Vorhaben erschien Vielen als ein „Ritt über den Bodensee“. Aber Ernst Leitz sagte dazu: „Hier handelt es sich um eine Möglichkeit, unseren Arbeitern mit dieser kleinen Kamera – wenn sie hält, was ich mir von ihr verspreche – in den Jahren der Depression Arbeit zu beschaffen und sie damit durch die kommende schwere Zeit hindurch zu bringen.“ Dieses Zitat kennzeichnet sein soziales Verhalten. Er war ein Mann, der sich für andere Menschen einsetzte. So half er mit seiner Zivilcourage und hohem persönlichen Risiko für sich und seine Familie auch vielen Juden, den Verfolgungen der Nazis zu entkommen und außerhalb Deutschlands eine neue Existenz aufzubauen. Die bewegenden Schicksale dieser Flüchtlinge sind wichtige Zeitdokumente und wurden in diesem Buch festgehalten.

In der umfangreichen Literatur über die Leica fehlte bisher ein detaillierter Blick auf die großen wirtschaftlichen Risiken, denen sich Ernst Leitz mit dem Einstieg in einen völlig neuen Markt aussetzte. Diese Lücke wird mit der aktuellen Biografie geschlossen. Illustriert mit ausgezeichnetem Bildmaterial beschreiben diverse Fachautoren, wie die Leica mit ihren Wechselobjektiven schon bald nach ihrer Markteinführung immer neue Felder für die Kleinbildfotografie eroberte und schließlich zu einer Ikone der Fotografie des 20. Jahrhunderts wurde.

Die neue Biografie über Ernst Leitz ist nicht nur für Leica-Besitzer und Fotografen, sondern auch für einen größeren Leserkreis bestimmt: Sie zeigt eindrucksvoll, was unternehmerischer Wagemut auch in Krisenzeiten und Zivilcourage in einer Menschen verachtenden Diktatur bewirken können.

Das neue Buch über Ernst Leitz ist seit 20. Mai 2014 erhältlich und kann während der Ausstellung „Meisterwerke berühmter Leica-Fotografen“ in Köln erworben werden.

Königswinter, Heel Verlag, Hrsg. Knut Kühn-Leitz, 290 Seiten mit über 200 Abbildungen in Duoton, Hardcover mit Schutzumschlag, Format 22 × 28,5 cm, ISBN 978-3-86852-941-8, 29,95 Euro

Fotobücher 06 / 2014

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