Ohne Kamera – Fotografieren mit dem Scanner

Ohne Kamera – Fotografieren mit dem Scanner
Vor Jahren war das Fotografieren ohne Kamera und dafür mit dem Scanner ein ganz heißes Thema – nun wird es mit der Neuerscheinung „Ohne Kamera – Fotografieren mit dem Scanner“ wieder neu entfacht. Uns als Anhänger hat man für dieses Thema gewonnen, denn das Fotografieren mit dem Scanner ist facettenreicher und künstlerischer als so manch einer auf den ersten Blick zu glauben meint. Der Buchautor Walter Spagerer liefert den sichtbaren Beweis. Er gilt für uns zu Recht als Pionier der Scantechnik, auch wenn sich bisher noch kein fester Name für diese Kunst etabliert hat. Scanografien von Spagerer erscheinen nicht als Fotogramme wie bei Talbot oder Atkins, sondern als Stillleben mit räumlicher Tiefe. Manche Bilder wirken wie Gemälde, ohne jedoch in den „Piktorialismus“ zu verfallen. Spagerers Werke sind voller Magie und Expression – dieses Werk inspiriert, ihm nachzueifern.

Über 100 Schönheiten der Pflanzenwelt in unglaublich präzisen und aufregend schönen Bildern, aufgenommen nicht mit einer hochwertigen Mittelformat- oder Großbildkamera, wie man vermuten müsste, sondern mit einem Flachbettdurchlichtscanner, wie er neben vielen Computern steht, erwarten einem in dieser Neuerscheinung. Im Textteil schauen wir Spagerer bei der Arbeit über die Schulter. So ungewöhnlich und komplex seine Bilder auch sind, seine Werkzeugauswahl ist verblüffend reduziert. Er ist da ganz pragmatisch: „Lesen Sie keine Anleitungen für Bildbearbeitungssoftware. Sie bekommen Kopfweh und Minderwertigkeitskomplexe davon. Es genügen wenige Tools, die Sie dann aber genau kennen sollten. Wichtig sind Phantasie, Experimentierfreude und ein Blick über den Tellerrand.“ Kein Wunder, dass in den Erläuterungen des gelernten Kunsterziehers und Kunsthistorikers ebenso die Rede ist von Negativeffekten, Farbverschiebungen, Mischlichttechniken, wie auch von Talbot, Blossfeldt und Mapplethorpe, und selbst Thomas Mann, Paul Klee und Robert Häusser finden sich ein zu einer zufälligen Begegnung auf Spagerers digitalem Seziertisch.

Verlag dpunkt, 150 Seiten, vierfarbig, gebunden, ISBN 978-3-86490-238-3, € 39,90 (D), € 41,10 (A).

Fotobücher 12 / 2015

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