Neuauflage im Taschen-Verlag: „Exodus“ und „Kinder“ von Sebastião Salgado

„Exodus“ von Sebastião Salgado
Sebastião Salgados groß angelegte, 1999 erstmals erschienene Bilddokumentation „Exodus“ ist mittlerweile ein Klassiker zum Thema Migration und Vertreibung. Mehr als sechs Jahre hatte er zuvor investiert, um auf der ganzen Welt Menschen zu porträtieren, die durch Krieg, Völkermord, Unterdrückung, Elend und Hunger gezwungen waren, ihre Heimat aufzugeben und sich auf eine Reise mit ungewissem Ausgang zu machen. In Südamerika, auf dem Balkan, in den Slums der Megacitys Asiens, im Nahen Osten und im Herzen Afrikas traf er Menschen, die zu einem Leben verurteilt waren, das sich der kleine glückliche Teil der Menschheit, der in Wohlstand und Frieden lebt, kaum auszumalen vermag. Zu den größtenteils immer noch virulenten Krisenherden der 1990er Jahre sind ganz aktuell neue hinzugetreten, zu den Millionen von heimatlosen und unbehausten Menschen von damals weitere Millionen hinzugekommen. Im Balanceakt zwischen der Dramatik der Situation und den ästhetischen Ansprüchen an Aufbau und Komposition seiner Fotografien führt Salgado, der schon 1988 mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis der DGPh und 1989 mit dem Hasselblad Foundation Award ausgezeichnet wurde sowie der bislang einzige Fotograf ist, der den renommierten Leica Oskar-Barnack-Preis zweimal – 1985 und 1992 – gewann, uns einen Prozess globaler Verelendung vor Augen. Diesem können wir uns als Akteure im globalen Zusammenspiel ökonomischer und politischer Prozesse nicht entziehen, und zwar nicht erst, seit Flüchtlingsboote an den Mittelmeerküsten vor Griechenland oder Sizilien anlanden und Ertrunkene an den Stränden liegen. Der jetzt wieder neu im Taschen Verlag, Köln, herausgegebene Band beginnt daher auch mit einem Vorwort des Fotografen zur aktuellen Situation von Exil, Migration und Vertreibung. „Die Migranten und Flüchtlinge von heute mögen das Produkt aktueller Krisen sein. Doch die Spuren von Verzweiflung und die Andeutungen von Hoffnung auf ihren Gesichtern unterscheiden sich wenig von denen, die auf diesen Seiten festgehalten sind.“ Der Bildband ist in vier große Themen gegliedert: „Migranten und Flüchtlinge: Der Überlebensinstinkt“, „Afrikanische Tragödie: Kontinent der Entwurzelten“, „Lateinamerika: Landflucht und Chaos in den Städten“ sowie „Asien: Das urbane Gesicht der Welt“. Dabei wechselt Salgado virtuos zwischen Porträts einzelner Menschen und großen Gruppen sowie grandiosen Landschaftsaufnahmen.

„Kinder“ von Sebastião Salgado
Im Rahmen des vom Fotografen Ende der 1990er Jahre zum Thema Völkerwanderung groß angelegten Projekts „Exodus“ entstanden auch zahlreiche Porträts der Hilflosesten unter diesen Millionen von entwurzelten Menschen. In seinem zusätzlichen Band „Kinder“ zeigt Sebastião Salgado 90 Porträts heimatlos gewordener Kinder, Aufnahmen, die an Krisenschauplätzen auf der ganzen Welt entstanden: Im Nahen Osten, in Afrika, in Asien, Süd- und Mittelamerika und auf dem Balkan – Porträts mit direktem Augenkontakt. Salgado selbst zu seinem Buch: „Es zeigt nichts weiter als 90 Kinder aus verschiedenen Teilen der Welt an einem bestimmten Tag in ihrem Leben. Sie sehen wunderschön, glücklich, stolz, nachdenklich oder traurig aus. Für einen flüchtigen Augenblick konnten sie sagen: Ich bin.“ Salgados Bilder von Kindern auf der Flucht schockieren und benennen einen Skandal. Was für die Mehrheit der Millionen von Menschen gilt, die weltweit auf der Flucht sind, gilt für Kinder uneingeschränkt: Sie tragen keinerlei Verantwortung für die politischen und ökonomischen Verhältnisse, die sie und ihre Angehörigen entwurzelt haben, und sehen zudem keine Möglichkeit, in irgendeiner Weise auf diese Verhältnisse einzuwirken. Sie sind hilflos und verurteilt zu einem Leben ohne Perspektive, einem Leben auf der Straße, in Flüchtlingscamps, Waisenhäusern oder den wuchernden Slums der Megastädte in der Dritten Welt, ohne Chancen auf Bildung, soziale Sicherheit oder auch nur halbwegs erträgliche hygienische Verhältnisse.

Die Bildbände „Exodus“ und „Kinder“ haben leider nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, im Gegenteil: Es sind Dokumentationen, die dazu aufrufen, endlich Verantwortung zu übernehmen und zu handeln. Salgado sagt dazu: „In dieser schrecklichen Zeit fotografierte ich aus ganzem Herzen. Ich dachte, die ganze Welt müsse es erfahren. Das ist unsere Welt, wir müssen dafür Verantwortung übernehmen.” Und so ist das Projekt des weltbekannten Fotografen aktueller denn je.

(H.-G. v. Zydowitz)

Sebastião Salgado, Exodus, Konzept und Design: Lélia Wanick Salgado, 432 Seiten, mit Begleitheft, Format: 26 × 34 cm, Hardcover, Köln, Taschen Verlag, ISBN: 978-3-8365-6129-7; € 49,99

Fotobücher 08 / 2016

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