Analogfotografie: Der fotografische Film

Den passenden Film finden

Analogfotografie: Der fotografische Film
Heute brechen wir bei allem digitalen Zeitalter mal wieder eine Lanze für die Analogfotografie. Nein, wir sind keine Dinosaurier und auch keine Exoten, sondern wir sind der Ansicht, dass praktische Kenntnisse in Bezug auf die Analogfotografie einen auch in Bezug auf die Digitalfotografie zusätzlich reifen lassen. Zudem berauben wir uns toller Optionen, wenn wir die Analogfotografie links liegen lassen würden. Wir selbst sind leidenschaftliche Digitalfotografen und wir lieben die heutigen Möglichkeiten – es tut uns aber immer wieder einmal gut, unsere Analogkamera in die Hand zu nehmen und mit ihr zu fotografieren. Die ersten fünf bis zehn Aufnahmen vermisst man noch das Display, aber spätestens danach setzt für uns Entschleunigung ein und es baut sich ein Spannungsbogen auf, bis man seine Papierbilder in den Händen hält. Die Analogfotografie setzt zu treffende Entscheidungen voraus und dies fängt beim Film an. Film ist nicht gleich Film!

Antonino Zambito führt in seiner Neuerscheinung: „think analog – Die faszinierende Welt der analogen Fotografie“ zum Film aus: „Die Wahl des passenden Films ist wie die Wahl des Partners eine Entscheidung fürs Leben. Da nimmt man ja auch nicht das, was gerade da ist – jedenfalls sollte man sich das genau überlegen. Jede Sorte Film hat ihre eigene Charakteristik und ihr Spezialgebiet. So sind die einen besonders feinkörnig und bieten eine hohe Schärfe, wohingegen andere etwas grobkörniger sind und sich als gutmütiger bei Fehlbelichtungen erweisen. Manche sind glatt und eignen sich hervorragend für Werbefotografien in Hochglanzprospekten, andere wiederum punkten mit der Aura der Geburtsstunde der Streetfotografie.“

Auf den ersten Blick hört es sich möglicherweise leichter an als es ist, den passenden Film für sich zu finden. Besonders Einsteiger in die Analogfotografie tun sich jedoch vielfach schwer – ihnen fehlen schlichtweg die Kenntnisse und Erfahrungen mit Filmmaterial. Aber auch Insider der Analogfotografie sind immer mal wieder gefordert, wenn ein Unternehmen die Produktion des Lieblingsfilms eingestellt hat.

Film ist nicht gleich Film

Alle auf dem Markt verfügbaren Filme unterscheiden sich in der Farbwiedergabe und der Schärfe – sprich Körnung. Es gibt Filme für Tageslicht und es gibt Filme für Kunstlicht. Es gibt warmtonige Filme und es gibt kalttonige Filme. Die Kodak-Filme gehören zu den warmtonigen, die Filme von Fujifilm zu den kalttonigen. Agfa-Filme liegen irgendwo dazwischen. Durch diese große Auswahl an Filmen und Herstellern ist es ein Leichtes, etwas zum Motiv und vor allem zur Motivaussage Passendes zu finden. Allgemein besteht jeder Film aus diesen Schichten:

  1. Eine lichtempfindliche Schicht, bestehend aus einer Emulsion von Silberhalogeniden und Gelatine, die hauchdünn auf dem Schichtträger liegt. Bei Farbfilmen gibt es für jede Farbe beziehungsweise Farbabstufung von Blau, Grün und Rot jeweils mindestens eine lichtempfindliche Schicht.
  2. Ein Schichtträger, bestehend aus Kunststoff.
  3. Eine Lichthofschutzschicht, die eine Überstrahlung mindert, oder bei Kleinbildfilmen einen rückseitig eingefärbten Schichtträger.

Filme und Formate

Analogen Film gibt es in unterschiedlichen Formaten. Das bekannteste Format ist der Kleinbildfilm mit einer Bildgröße von 24 × 36 mm. Er wird in quasi jeder Spiegelreflexkamera und kleineren Sucherkameras verwendet. Der Kleinbildfilm trägt unterschiedliche Bezeichnungen. Neben Kleinbild kennt man auch 35 mm und Normalfilm. Die korrekte Bezeichnung ist Typ 135. Der Film ist aber immer der gleiche. Bei der Bezeichnung 135/36 steht die hintere Zahl für die Anzahl der möglichen Bilder.

Drei Filmarten:

  1. Schwarz-Weiß-Film
  2. Farbnegativfilm
  3. Diafilm

Schwarzweiß- und Farbnegativfilme produzieren nach der Filmentwicklung ein Negativ (ein farblich umgekehrtes Bild), das später auf Papier oder dem Computer zu einem Positiv umgewandelt wird. Der Diafilm hingegen produziert nach der Filmentwicklung bereits ein Positiv. Daraus lassen sich zwar auch Papierabzüge machen, aber meist kommen Diafilme in Diaprojektoren zum Einsatz.

Den passenden Film finden

Die Wahl des Films bestimmt über die Anmutung der Fotografie. Hier gilt es, Entscheidungen zu treffen, die unumkehrbar sind. Entscheidungen wie: Nimmt man Farbe oder Schwarzweiß? Und das ist noch die einfachere. Sobald man sich für oder gegen die monochrome Aufnahme entschieden hat, muss man über den Punkt Körnung nachdenken: klassisch, grob oder doch lieber feinkörnig? Wie sieht es mit den Grau- beziehungsweise Farbverläufen aus? Harte oder doch lieber weiche Kontraste? Bei der Farbfotografie kommt es zudem auf die Farbgebung und die Sättigung an. Passen knallige Farben zum Sujet? Wie kommen die Hauttöne heraus? Natürlich, zurückhaltend oder zu satt?

Während sich Digitalfotografen nur um Schärfe kümmern und die Farbgebung, soweit möglich, im Nachhinein verändern, machen sich Analogfotografen bereits im Voraus Gedanken dazu. Dies hat den Vorteil, dass man nicht ins Blaue fotografiert, um dann mühselig eine Linie hineinzubringen, sondern dass die Bilder bereits bei der Aufnahme so werden, wie man es sich gedacht hat.

Wie aber den passenden Film finden? Sich durch alle Filmemulsionen durchzuschießen ist nicht nur mühselig, sondern auch kostspielig. Ganz zu schweigen von den vielen Bildern, die man mit dem falschen Film aufgenommen hat.

Antonio Zambito führt als typische Vorgehensweisen aus:

  • Prägung – Mit welchem Film haben Ihre Eltern und Großeltern fotografiert? Verwenden Sie zufällig denselben Hersteller oder gar die gleiche Filmsorte? Für die meisten ist es völlig selbstverständlich. Man hinterfragt nicht, weil es für einen keine Rolle spielt. Das Wichtigste ist, dass man jedes Mal, wenn man die Bilder betrachtet, an das Gefühl des Gewohnten anknüpfen kann.
  • Anziehung – Im Regal greifen Sie immer nach der gleichen Filmpackung. Fotografien, die mit Ihrem Lieblingsfilm aufgenommen wurden, betrachten Sie länger. Es ist schwer, dieses Gefühl in seine Bestandteile zu zerlegen und es an der Farbgebung oder dergleichen festzumachen. Es ist so, als würden Sie versuchen, Ihre große Liebe an Dingen festzumachen wie herzliche Wärme, Verständnis, gutes Aussehen etc. Viele Menschen haben diese Eigenschaften, trotzdem lieben Sie nur diese eine Person. Möchte man diese Anziehung zu einem bestimmten Film erklären, könnte man es mit Liebe auf den ersten Blick versuchen.
  • Neugier – Man bekommt einen Film geschenkt oder man steht vor dem Filmregal und entdeckt eine Filmsorte, die man nicht kennt. Vielleicht sieht man auch ein Foto, das mit einer bestimmten Filmemulsion gemacht wurde. Wie auch immer der Film seinen Weg zu Ihnen findet – Ihre Neugier wurde geweckt, und Sie können es nicht abwarten, damit zu experimentieren.
  • Systematik – Sie wollen sich selbst ein Bild von den unterschiedlichen Emulsionen machen und probieren Hersteller für Hersteller und Filmsorte für Filmsorte durch. Sie machen Belichtungsreihen und analysieren das Verhalten des Films unter verschiedensten Lichtbedingungen. Bei Schwarz-Weiß-Filmen prüfen Sie auch, wie er auf die unterschiedlichen Entwickler und Fixierer reagiert. Sie versuchen, einen optimalen Arbeitsfluss zu finden, um reproduzierbare Ergebnisse zu bekommen. Sie sind weniger der Künstler als vielmehr der Techniker.

Die Ausführungen „Den passenden Film finden“ stammen aus der Fotobuchneuerscheing „think analog“ von Antonino Zambito, dass Ende 2015 im Franzis Verlag erschienen ist. Siehe hierzu auch unsere Buchrezension.

Fotografische Anwendungen 01 / 2016

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