Kamera im Auto? - Aber sicher!

Toyota Fun Vii Foto: Toyota
Toyota Fun Vii
Foto: Toyota
Wir Fotografen haben Kameras ja am liebsten in der Hand – sie erobern zunehmend auch unser tägliches Leben. Die Internationale Automobil Ausstellung (IAA) hat gerade gezeigt, dass Kameras auch im Auto immer stärker Einzug halten. Bisher waren es vor allem Dashcams zur Unfalldokumentation, die in den Medien im Fokus standen. Die IAA hat aber gezeigt, dass wir Kameras in Zukunft noch viel häufiger im Lieblings-Fortbewegungsmittel erwarten können, und das nicht nur in den Oberklasse-Modellen.

Begonnen hat der Siegeszug mit der Einparkhilfe, die viele von uns schon nutzen. Übrigens wurden dazu in den frühen Jahren vom Auto-Tuner Rainer Buchmann Autofokus-Sensoren von Polaroid eingesetzt. An Rundum-Kameras wie heute war damals natürlich noch nicht zu denken. Mittlerweile sind die Kamera-Systeme jedoch so klein und leistungsfähig geworden, dass einige Modelle, wie etwa der Landrover Discovery, schon ein „Surround Camera System“ eingebaut haben, das eine 360-Grad-Sicht der Umgebung liefert. So lässt sich in unwegsamem Gelände einfacher und sicherer navigieren. Auch der berüchtigte „tote Winkel“ fällt als Gefahrenquelle weg, da ihn eine Kamera jederzeit überwachen kann. Vor allem bei Lastwagen ist das eine deutliche Hilfe.

Kameras sorgen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr

Sicherheit ist überhaupt das große Schlagwort für den Kameraeinsatz. Der beliebte Spurhalte-Assistent etwa, der dafür sorgt, dass man nicht vom Weg abkommt, wird durch eine Kameraaufzeichnung mit anschließender automatischer Bilderkennung überhaupt erst möglich. Durch immer ausgefeiltere Software können jedoch nicht nur die Fahrbahn, sondern auch Verkehrsschilder und sogar Personen oder Gegenstände erkannt werden.

Foto: Mercedes
Foto: Mercedes
Dies ermöglicht ein automatisches Bremsen oder sogar Ausweichen bei Kollisionsgefahr. Kameras schauen jedoch nicht nur auf die Umgebung des Autos, sondern auch in den Innenraum.

Foto: BMW
Foto: BMW
Für Eltern etwa ist ein „Backseat Monitoring“ eine große Hilfe. Es ermöglicht ihnen, ohne den Kopf zu drehen, den Nachwuchs im Blick zu behalten. Aber auch der Fahrer selbst ist im Fokus der Kameras. Fahrzeuge mit so genannten „Eye-Tracking“-Systemen können erkennen, ob der Fahrzeuglenker droht einzuschlafen und können eine Warnung auslösen. Ein solches System wird mittlerweile von den großen Fahrzeugherstellern angeboten. Die Erkennung der Passagiere kann aber auch der Bequemlichkeit dienen und etwa dafür sorgen, dass sich das Auto den jeweiligen Wünschen anpasst. So könnte es für einen großen Fahrer den Sitz automatisch nach hinten schieben, die Heizung passend einregeln und den Lieblings-Radiosender spielen. Aber auch sicherheits-relevante Einstellungen, wie etwa der Airbag, könnten automatisch passend zum Gewicht und der Größe des Fahrers eingestellt werden. Noch weiter geht der Prototyp eines Systems von Toyota, bei dem das Kamerasystem die Stimmung des Fahrers erkennen soll und als Emoticon in der Konsole anzeigt und wahlweise auch gleich in soziale Netze verschickt.

Bildschirme ersetzen analoge Elemente wie Spiegel

Digital werden aber auch weitere bisher analoge Elemente des Autos, wie etwa der Rückspiegel. Audi hat im auf der IAA zu sehenden e-tron quattro concept nicht mehr konventionelle Rückspiegel verbaut, sondern Bildschirme. Die sind etwa 7 Zoll groß und damit vergleichbar mit großen Smartphones. Ähnlich wie bei einem elektronischen Sucher ermöglicht der digitale Rückspiegel eine nachträgliche Optimierung des Bildes zum Beispiel bei schlechter Sicht in der Nacht oder bei Regen. Im Rennsport haben die Ingolstädter dies schon im Le Mans-Siegerwagen R18 e-Tron quattro umgesetzt. Da war schlicht aus Konstruktionsgründen kein Platz für eine Heckscheibe – Kameras bieten auch eine bessere Aerodynamik.

Displays können aber nicht nur im eigenen Auto zum eigenen Nutzen eingesetzt werden, sondern auch für andere. Samsung hat es in einer spektakulären Studie in Argentinien vorgemacht: Dort wurde ein Lastwagen vorne mit Kameras ausgerüstet, die das Bild auf riesige Monitore an der Rückseite des Trucks übertrugen. Alle Hinterherfahrenden konnten damit gut erkennen, wann sie überholen können. Auf schmalen Straßen kann eine solche Maßnahme die Unfallgefahr deutlich senken. Dieses Beispiel zeigt, dass es nicht nur Autos, sondern auch weitere Fahrzeugtypen sind, die von der Kameratechnik profitieren. In Bussen und dem öffentlichen Personennahverkehr wird sie etwa ebenfalls schon intensiv eingesetzt – etwa um dem Fahrer eine bequeme Überwachung der Türen zu ermöglichen.

Foto: Samsung
Foto: Samsung

Spezialtechnik im Einsatz

Zum Einsatz kamen in Fahrzeugen übrigens zu Beginn Elemente aus normalen Kameras. Mittlerweile ist der Bereich aber so groß, dass Geräte dediziert für Autos gebaut werden und sich einige Spezialhersteller, wie etwa Omnivision dort tummeln. Aber auch Panasonic und CMOSIS – Hersteller der Sensoren für Leica und die Blackmagic-Kameras – sind dabei.

Die Spezialkameras können auf die besonderen Anforderungen von Fahrzeugen Rücksicht nehmen und sind etwa extrem robust und sehr klein. Auch kommt es weniger auf eine farbgetreue Wiedergabe und hohe Auflösung an als vielmehr auf Kantenschärfe, hohe Dynamik und hohe Empfindlichkeit. Schließlich sind die möglichen Abtastraten noch ein wichtiger Faktor, denn im Straßenverkehr kommt es auf ein möglichst verzögerungsfreies Bild an. Deshalb werden zum Beispiel auch CMOS-Sensoren eingesetzt, die diese Kriterien besser erfüllen als die teilweise noch anderswo eingesetzten CCD-Chips.

Ausblick: Wo geht die Reise hin?

Der massive Einsatz von Kameras ermöglicht sogar ein komplett anderes Aussehen von Autos. Toyota hat mit dem Fun Vii schon 2011 eine Konzeptstudie präsentiert, bei der das Fahrzeug überhaupt keine Scheiben mehr hat, sondern eine beliebig gestaltbare riesige Bildschirmfläche (siehe Abbildung). Es bleibt also spannend – übrigens auch in anderen Lebensbereichen, in denen Kameras ebenfalls immer stärker dazu eingesetzt werden, um uns das Leben leichter zu machen. Sie dürfen schon auf einen weiteren Beitrag zu diesem Thema gespannt sein.

Toyota Fun Foto: Toyota
Toyota Fun
Foto: Toyota

Fotografische Anwendungen 09 / 2015

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