Lichtfeldfotografie im Praxistest - Fotografie der Zukunft?

Die Lichtfeldfotografie ist ein revolutionär anderes Verfahren als die konventionelle. Die theoretischen Möglichkeiten sind riesig. Doch wie bewährt sich das Verfahren im Alltag? Kann es gar die konventionelle Kamera ersetzen? Wir haben es ausprobiert.

Pionierstadium: Praxistauglich, aber noch wenig Modellauswahl

Ein Hingucker ist das Flaggschiff der aktuellen Lichtfeldkameras mit seiner leicht abgeschrägten Form auf jeden Fall. Das „Illum“ genannte Modell ist etwas klobiger als eine digitale Spiegelreflexkamera, liegt aber durch seine abgerundeten Ecken sehr gut in der Hand.

Lytro Illum

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein futuristisches Bridge-Model oder eine kompakte Systemkamera. Im Detail sind die Unterschiede jedoch riesig. Das beginnt schon bei der Modellauswahl. Statt der von uns gewohnten Fülle fertigt derzeit nur ein einziger Hersteller namens Lytro Lichtfeldkameras für den Alltagsgebrauch.

Das amerikanische Unternehmen brachte ein erstes Modell in Form einer Zigarettenschachtel im Jahr 2012 auf den Markt; zur photokina letztes Jahr hat Lytro die „Illum“ vorgestellt. Sie ähnelt zunächst, wie bereits schon aufgeführt, einer konventionellen Kamera mit Wechseloptik. Wie bei einer solchen verfügt das Objektiv über zwei Einstellringe: einen für die Brennweite, einen für die Schärfe. Ausgetauscht werden kann die Optik jedoch nicht. Das Objektiv ist nämlich speziell für die Lytro und das besondere Verfahren der Lichtfeldfotografie (dazu gleich mehr) konzipiert worden.

Lytro Shooting-Beispiel

Die Brennweite entspricht einem 30- bis 250-mm Objektiv (Kleinbild). Damit kann man eine Vielfalt von Aufnahmesituationen meistern. Uns fehlen im Test allerdings schnell auch die Möglichkeiten spezieller Objektive: Bei der Aufnahme von Pralinen vermissten wir ein Makro, das einen Abbildungsmaßstab von 1:1 aufweist. Die Lytro kann allenfalls bis zu einem Maßstab von 1:3 abbilden. Sobald wir im Test von Pralinen auf Tassen und Blumen als Motive umstiegen, war das aber kein Problem mehr.

Nachträgliches Scharfstellen

Auf den ersten Blick ähnlich, aber im Detail deutlich anders funktioniert die Bedienung der Lichtfeldkamera. Zunächst sieht man nur wenige Knöpfe, aber das Touch-Display bietet viele der gewohnten Einstellungen vom Belichtungsmodus über den ISO-Wert bis hin zum Fokusmodus. Eine Einstellung gibt es bei der Illum jedoch nicht: die der Blende. Sie liegt fix bei 2. Das hängt mit dem Grundprinzip der Lichtfeldfotografie zusammen: Während die Blende bei der konventionellen Fotografie den Lichteinfall regelt, geht es bei der Lichtfeldfotografie darum, die Richtung des Lichts mit zu erfassen. Dadurch wird es möglich, nachträglich zu regeln, an welcher Stelle die Schärfe liegt. Häufig heißt es vereinfacht, man könne mit der Lytro „nachträglich scharf stellen“. Das stimmt in gewisser Weise, greift aber eigentlich viel zu kurz.

Die Besonderheit der Lichtfeldfotografie liegt nämlich darin, die Richtung des Lichtes mit zu erfassen und nicht einfach nur die Menge und Farbe. So kann man „die Tiefe der Welt abbilden“, wie der Pionier der Lichtfeld-Fotografie und Lytro-Gründer Ren Ng auf der letzten photokina erklärt hat. Das versucht eine konventionelle Kamera zwar in gewisser Weise auch, aber das kann nur begrenzt gelingen, denn es fehlen schlichtweg Informationen, die eine Lichtfeldkamera mit erfasst: „Die Kamera nimmt das ganze Lichtfeld auf, also alle Lichtstrahlen in einem bestimmten Bereich der Welt“, erklärt der Lytro-Gründer Ren Ng. „Jeder Lichtstrahl, der in die Kamera hereinkommt und auf den Sensor trifft, nimmt eine andere Flugbahn durch die Kamera. Unser Sensor erfasst alle diese Daten und grenzt mithilfe eines bestimmten Algorithmus ab, welcher Teil von rechts und welcher von links kommt.“ Für den Sensor der Lytro werden zur Differenzierung der Abbildungsqualität entsprechend konsequenterweise auch nicht Megapixel, sondern „Megarays“ – abgeleitet vom englischen Wort „ray“ für Lichtstrahl – angegeben. 40 weist das aktuelle Modell „Illum“ auf, mit 10 war man 2012 gestartet.

Bilder interaktiv entdecken: „Living Pictures“

So kann ein 3D-Effekt modelliert werden. Auch kann ein Bild auf der Basis dieser Daten später neu berechnet werden und man kann mit ihm interagieren. Schauen Sie sich die Abbildung an und klicken mit der Maus einen Bereich an, der Sie interessiert.

Das macht einen großen Reiz der Lichtfeldfotografie aus: Man kann Bilder richtiggehend „entdecken“. Umgekehrt hat das aber auch den Nachteil, dass man sie eigentlich nur in einem technischen Gerät richtig genießen kann – Album oder Fotobuch sind als Präsentationsform uninteressant. Zumal die Auflösung in konventionellen Megapixeln gerade mal 4 MP beträgt. Am meisten Spaß machen die Living Pictures mit dem iPad: Die Bilder reagieren darin auf Bewegungen des Tablets und wirken dreidimensional. Die App von Lytro nutzt dafür die Lagesensoren.

Erst Motive mit Tiefenstaffelung zeigen den Reiz

Ihren besonderen Reiz bekommen Lichtfeld-Fotos aber nur bei bestimmten Motiven: Erst dann, wenn mehrere Elemente in unterschiedlichen Tiefenebenen zu sehen sind, entsteht Entdeckungspotenzial für den Betrachter. Bei drei Personen, die direkt nebeneinander stehen und frontal aufgenommen werden, wirkt das Lichtfeld-Foto kaum anders als ein konventionelles. Der Reiz beginnt erst dann, wenn die drei hintereinander aufgestellt werden. Beim Fotografieren mit der Illum entdeckt man sehr schnell, dass man seine Motive speziell suchen muss. Die erste Lichtfeld-Grundregel lautet also: Augen auf für räumlich gestaffelte Objekte.

Allerdings kann man auch dabei nicht einfach draufhalten, denn der nachträgliche Fokus funktioniert nur in einem bestimmten Bereich. Deshalb gibt es auch einen Schärferegler und eine Autofokus-Funktion für die Kamera. Den möglichen Schärfebereich zeigt die Lytro mit einer Spezialfunktion an, die wir von konventionellen Kameras nicht kennen: Dem Tiefen-Assistenten „Depth Assist“(siehe Abbildung).

Lytro Tiefenassistent

Er visualisiert farbig, welche Bereiche später refokussiert werden können und welche außerhalb des noch scharf zu stellenden liegen. Auch kann man an der Farbe sehen, welche Objekte auf einer Schärfeebene liegen – also nachher nicht den interessanten Effekt der späteren Scharfstellung ermöglichen.

Wie bei einer konventionellen Kamera muss ein bestimmter Abstand zwischen den verschiedenen Objekten bestehen, damit sie nicht mehr auf der gleichen Schärfeebene liegen. Praktischerweise hängt der wie gewohnt von der Brennweite ab: Je mehr man in den Telebereich geht, desto geringer wird die Schärfentiefe und desto schneller heben sich die einzelnen Objekte voneinander ab. In der Praxis funktioniert die Arbeit mit dem Tiefenassistenten recht gut, bedeutet aber zu Beginn eine starke Umgewöhnung. Immerhin zeigt er uns schnell, dass eine Tiefenstaffelung als Kriterium für ein geeignetes Motiv alleine nicht ausreicht: Die Objekte müssen auch eine bestimmte Mindestgröße haben. In unseren Versuche mit Pralinen gelang es nicht, den „Lichtfeld“-Effekt mit einer Reihe der Süßigkeiten herzustellen, denn entweder war der Tiefenschärfen-Unterschied zu gering oder wir mussten zu weit weggehen und bekamen noch deutlich mehr aufs Bild als wir zeigen wollten.

Wir beschlossen, das Testobjekt zu wechseln und gingen nach draußen. Dort entdeckten wir, dass Blumen ein gutes Feld für die Lytro sind. Sie sind ausreichend groß und in der Regel ganz automatisch in die Tiefe gestaffelt. Auch lassen sich viele interessante Details entdecken. Und als vierter Pluspunkt kommt dazu, dass sie sich nicht bewegen. Die Lytro macht nämlich sechs Einzelaufnahmen von jedem Motiv. Jede Aufnahme braucht also ihre Zeit. Diese werden dann zu einer etwa 50 MB großen Datei zusammenrechnet. Auch das dauert einen Moment, so dass der Lytro-Fotograf geduldig sein muss und die Motive keine allzu schnelle Reaktion erfordern sollten.

Eine weitere Besonderheit der Lichtfeldfotografie entdeckten wir draußen ebenfalls schnell: Durch die Blende von 2 wird an einem hellen Tag sehr schnell die minimale Belichtungszeit von 1/4.000 Sekunde überschritten und es droht Überbelichtung. Lytro legt daher standardmäßig einen Graufilter bei, den man nicht zu Hause vergessen sollte. Ebenfalls mitnehmen von dort sollte man einen Ersatzakku, denn die Kamera ist recht energiehungrig.

Wieder zu Hause angekommen, benötigt man zum Betrachten der Bildausbeute die Spezialsoftware von Lytro. Sie erinnert auf den ersten Blick ein wenig an Lightroom und bringt in der Tat verschiedene Funktionen von der Bildverwaltung bis zur -bearbeitung mit.

Ähnlich wie bei einem Bild im RAW-Format werden die Lichtfeldbilder zunächst „entwickelt“. Dabei kann man zum Beispiel die Blende inklusive Schärfepunkt, den Weißabgleich und auch Kontrast und Schärfe einstellen. Selbst eine gezielte Korrektur von Tiefen und Lichtern und eine Rauschreduzierung sind in der Lytro-Software möglich. Die umfangreichen Detailkorrekturmöglichkeiten von der Beeinflussung einzelner Farbkanäle über Retusche-Funktionen wie sie ausgefeilte Bildbearbeitungsprogramme wie Lightroom oder gar Photoshop bieten, haben wir jedoch vermisst. Dafür bringt das Lytro-Programm einen eigenen Reiter zur Animation der Lichtfeld-Aufnahme mit. In diesem kann man zum Beispiel Schärfefahrten oder ein Zoomen auf einen bestimmten Bildausschnitt („Ken-Burns-Effekt“) einstellen.

Bei der Ausgabe kann man entsprechend eine Animation oder ein „Living Picture“ wählen. Auch eine Speicherung als stereoskopisches Bild oder Film für die 3D-Betrachtung ist möglich. Und schließlich können konventionell JPEGs oder TIFFs ausgegeben werden. Für alle, die ihre Bilder online teilen oder die anderer Lytro-Fotografen betrachten möchten, stellt Lytro eine Community unter https://pictures.lytro.com zur Verfügung.

Fazit: Spezialkamera mit viel Zukunftspotenzial

Alles in allem macht das Fotografieren mit der Lytro Spaß und garantiert „Wow“-Effekte bei den Betrachtern – wenn man geeignete Motive auswählt. Allerdings liegen genau in diesen noch die Einschränkungen der Lytro. Dazu kommt, dass die Bilder nur dann ihre beste Wirkung ausspielen können, wenn sie auf einem technischen Gerät mit spezieller Betrachtungsanwendung angeschaut werden. Vor allem letzteres schränkt die Alltagstauglichkeit der Lytro derzeit noch stark ein. Eine konventionelle Kamera kann sie derzeit also in unseren Augen nicht ersetzen. Viel Zukunftspotenzial hat sie jedoch, denn für eine mehrdimensionale Abbildung ist sie optimal gerüstet. Lichtfeld-Pionier Lytro hat dies erkannt und im Februar dieses Jahres angekündigt, seinen Schwerpunkt auf Virtual Reality-Anwendungen und Video zu verlegen. Vor allem bei letzterem könnte die Technologie aufwendige Schärfefahrten deutlich vereinfachen, indem diese erst nach der eigentlichen Aufnahme per Software errechnet werden. Wir empfehlen daher: Behalten Sie die Lichtfeldfotografie im Blick.

Fotografische Anwendungen 07 / 2015

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