Zukunft der Fotografie: Bildbetrachtung per Datenbrille?

Oculus Rift 5
Ob in den Medien, auf Messen oder auf Fotofestivals und Events wie den Hamburger Cruise Days: Immer öfter sieht man mittlerweile Menschen mit dicken Spezialbrillen, die ein bisschen an die „Diaguckis“ vor 20 Jahren erinnern. Dabei handelt es sich jedoch keineswegs um altertümliche Technik, sondern ganz im Gegenteil um den neuesten Trend: Datenbrillen oder „Head Mounted Displays“ (HMD), wie der Fachbegriff lautet. Wir zeigen Ihnen, was man damit heute schon machen kann, ob sie auch für uns Fotobegeisterte eine Rolle spielen und was wir in Zukunft noch erwarten können.

Der erste Blick durch die Datenbrille: Begeisternd

Der erste Blick durch eine Datenbrille ist für viele begeisternd: Man steht mitten auf einer Alm, der Metro von Manila oder einem Hubschrauber-Cockpit. Anders als beim Fernsehen oder dem Foto am Rechner ist man gefühlt mitten im Bild – und zwar noch deutlich mehr als beim früheren Diagucki oder traditionellen „3D-Bildern“ (siehe dazu unseren Beitrag „Plastische Fotos – Zur Geschichte der Stereofotografie“), da die stereoskopischen Bilder das gesamte Gesichtsfeld einnehmen. Dieser Eindruck wird dadurch unterstützt, dass sich der sichtbare Ausschnitt verändert, wenn man den Kopf bewegt. Betrachtet man auf diese Weise ein Panorama – wie wir auf den Hamburger CruiseDays die Innenansicht von einem Kreuzfahrtschiff -fühlt man sich fast so, als wenn man vor Ort wäre. Dies ist der entscheidende Unterschied der Datenbrillen zu bisherigen Bildbetrachtungsmethoden, bei denen die Trennung zwischen Bild und Betrachter viel klarer ist.

Cruise Days
Und der Eindruck lässt sich sogar noch steigern: Schaut man nicht nur ein Foto, sondern ein Video an, wird das Szenario noch realistischer. Auch dabei ermöglichen Datenbrillen die Veränderung des sichtbaren Ausschnittes, wenn man den Kopf bewegt. Erlebt man per Datenbrille den Start eines Segelflugzeuges mit, verursacht das echtes Herzklopfen, so realistisch wirkt alles. Leichtes Unwohlsein, gepaart mit starker Faszination, kann auch ein Drohnenflug durch ein großes Firmenatrium erzeugen. Höhenängstliche bekommen dabei definitiv Schweißausbrüche. Die „Simulationskrankheit“ ist entsprechend auch eines der Probleme der Datenbrillen, aber dazu später mehr. Ein weiteres ist, dass man sich leicht zum Gespött der Umstehenden macht, wenn man sich mit der klobigen Brille auf der Nase um sich selbst dreht.

Epson Moverio BT-200 Piano
Datenbrillen können jedoch nicht nur Aufnahmen anderer oder gar ausgedachter Gegenden zeigen (was unter dem Fachbegriff „Virtual Reality“ läuft), sondern auch mit einer eingebauten Kamera aufgenommene Bilder der unmittelbaren Umgebung mit Zusatzinformationen oder Bildern anreichern. Der Fachbegriff dafür lautet „Augmented Reality“ (abgekürzt AR). Diese Art Datenbrille kann sehr nützlich sein, wenn es darum geht, Spezialisten Anleitungen oder auch jedermann praktische Infos, wie etwa eine Route, einzublenden. Autohersteller, wie BMW oder Jaguar Land Rover, arbeiten daher übrigens auch an AR-Anwendungen. Weiterhin werden AR-Brillen heute schon im medizinischen Bereich eingesetzt. Die Epson BT100 etwa hilft im Kantonspital Zürich Patienten bei einer Computertomographie-Untersuchung, indem sie ihre Atemzüge visualisiert und damit einer präzisere Aufnahme ermöglicht.

Bekannt geworden sind die AR-Datenbrillen über ihren wahrscheinlich prominentesten Vertreter Google Glass. Diese zeigt auch, dass eine Datenbrille nicht unbedingt klobig und schwer sein muss, wie die meisten derzeitigen Vertreter. Und die Debatte um Google Glass zeigt auch, mit welchen neuen Fragen und Themen wir uns durch diese Technologie auseinander setzen müssen: Findet man es akzeptabel, vom Gegenüber gefilmt zu werden, ohne dass man es mitbekommt? Sollte es Orte oder Ereignisse geben, an denen solche Datenbrillen nicht erlaubt sind, wie etwa Geschäftsmeetings?

Google Glass
Google ist nicht der einzige Anbieter in dem Segment: Auch andere Hersteller wollen im Datenbrillen-Markt mitmischen und bieten bereits Modelle an oder haben sie zumindest angekündigt. Epson etwa will auf Basis der AR-Brille BT-200 im Herbst 2015 mit der Moverio Pro BT-2000 ein robusteres Modell für professionelle Arbeitsumgebungen in den Handel bringen. Auch Toshiba ist in das Thema eingestiegen und setzt wie Epson bei seinem Prototyp auf eine Vollglas-Brille, die vor allem in Krankenhäusern, auf Baustellen oder bei Polizeieinsätzen zum Einsatz kommen soll. Eher den Privatanwender hat Sonys Datenbrille Smart Eyeglass im Blick, die heute schon käuflich erworben werden kann. Über ein kleines Display und ein Prisma am Rand des Sichtfeldes werden bei ihr aktuelle Nachrichten von Facebook, Twitter, Gmail und dem Kalender eingeblendet. Auch beim Fotografieren können nützliche Informationen wie etwa Blende und Belichtungszeit eingeblendet werden. Eine erste App für Google Glass existiert dazu schon.

Heutige Datenbrillen: Einstieg schon ab wenigen Euro

Deutlich öfter in den Medien zu sehen und marktreifer sind jedoch nicht diese Augmented Reality-Brillen, sondern ihre klobigen Schwestern, die vor allem auf Virtual Reality und Spiele ausgelegt sind. Der bekannteste Vertreter ist die Rift von Hersteller Oculus (der jüngst von Facebook aufgekauft wurde). Sie konnte zwar auf zahlreichen Messen und von Entwicklern sowie Journalisten schon ausprobiert werden, ist aber noch gar nicht im Handel, sondern erst ein Prototyp. Sony will mit dem Konkurrenzprodukt „Project Morpheus“ jedoch schon früher eine Alternative zum Kauf anbieten. Von den großen Fotoherstellern hat auch Canon jüngst auf der Hausmesse Canon Expo ebenfalls einen Prototypen für eine VR-Brille vorgestellt. Bei dieser Sorte Brillen ist es notwendig, das Sichtfeld der Benutzer abzudecken, da man ihm ja eine künstliche Welt zeigen möchte. Daher sind die genannten so groß. Ein weiterer Faktor für die Größe ist durch einen cleveren Trick bedingt, dessen sich einige Hersteller bedienen: Als Monitor verwenden sie schlichtweg das Smartphone des Betrachters, das dieser einfach in die Brille einlegen kann. Das ist dann zwar nicht so ausgefeilt wie Oculus und Co, aber viel preisgünstiger. Zeiss etwa hat mit der Zeiss VR One ein Modell für unter 100 Euro im Programm, Samsung mit der Galaxy Gear eines für knapp 200 Euro.

Google Cardboard
Noch günstiger wird es, wenn man die Halterung aus Pappe – zum Beispiel einer Pizzaschachtel – konstruiert. Dann wird es möglich, eine Datenbrille für wenige Euro zu bauen. Eine Anleitung finden Sie zum Beispiel hier. Einzig zwei kleine Lupenlinsen benötigt man noch, damit das Bild sichtfeld-füllend gezeigt werden kann. Wer nicht selbst basteln möchte, bekommt vorgestanzte Sets auch im Internet für unter 10 Euro. Wem eine Papp-Konstruktion zu wackelig ist, für den werden auch höherwertige Varianten aus Plastik mit besseren Linsen angeboten.

Google Cardboard
Dann benötigt man nur noch eine App. Von Google selbst wird für Smartphones mit dem hauseigenen Betriebssystem Android kostenlos eine namens „Cardboard“ angeboten. Aber sogar auch Besitzer eines iPhones können im Appstore mittlerweile eine Google Cardboard-App herunterladen. Sie bringt praktischerweise mehrere Demos für verschiedene Bereiche von Video bis hin zu Panorama mit. Für Fotofans empfehlen wir vor allem die Panoramen. Die können Sie mit der Kamera-App von Android mit der Funktion Photosphere (Icon im Stil einer Weltkugel) sogar ganz leicht selbst erstellen. Wir haben es ausprobiert und kamen uns zwar ein bisschen seltsam vor, weil man sich mehrfach um sich selbst drehen muss, aber waren beeindruckt wie einfach und schnell man zum einen dreidimensionalen Panorama kommt.

Probleme

Der Einstiegspreis ist also keine Hürde mehr für den massenhaften Einsatz von Datenbrillen. Der Tragekomfort kann schon eher ein Hindernis sein: Die Brillen sind relativ schwer und man schwitzt leicht darunter. Das größte Problem ist jedoch die „Simulationskrankheit“. Vielen erfasst bei Computerspielen mit der Datenbrille ein Unwohlsein ähnlich der Seekrankheit, das bis zum Erbrechen führen kann. Unserer Testerin wurde beim virtuellen Kreuzfahrtbesuch in der Tat leicht übel – obwohl das Schiff nicht schwankte. Beim Betrachten von Fotos oder Filmen kam das in unseren Tests jedoch schon alleine wegen der eher geringen Nutzungsdauer nicht vor – und das sogar, obwohl unsere Testerin sonst ausgesprochen stark unter Seekrankheit leidet. Auch der mangelnde Tragekomfort lässt sich bei kurzer Nutzung gut verschmerzen – zumal einen die faszinierenden Bilder entschädigen.

Die Zukunftsvision: Kleiner, leichter, besser

Werden wir uns also in Zukunft an Mitmenschen mit den mehr oder weniger klobigen Brillen gewöhnen müssen? Vermutlich nicht, denn die Forschung und Industrie arbeiten längst daran, die Technik kleiner und leichter zu machen. Fujitsu etwa hat den Prototyp einer Datenbrille vorgestellt, der Bilder auf die Netzhaut projiziert. Dass diese Technik keine Zukunftsmusik ist, zeigt das Modell „Glyph“ vom Hersteller Avegant, das im Frühjahr diesen Jahres präsentiert wurde und im Herbst auf den Markt kommen soll. Tester des IT-Nachrichtendienstes Golem.de bescheinigten ihm einen „angenehm überzeugenden“ Seheindruck, ähnlich einer virtuellen Leinwand. Die Brille sieht übrigens aus wie ein trendiger Kopfhörer – die Brillen“gläser“ stecken im Bügel. Klappt man den Kopfhörer nach vorne über die Augen, kann man hineinschauen.

Erwartungsgemäß beschäftigen sich auch Fraunhofer-Institute, wie etwa das für Angewandte Optik und Feinmechanik IOF in Jena, mit der Weiterentwicklung der Datenbrillen. Ihre Optik ist mit fünf Millimetern nur etwa ein Fünftel so lang wie bisherige Ausführungen. Dies wird erreicht, indem die Wissenschaftler viele kleine Optiken nebeneinander setzen. Die Experten nennen das „Array“. Eine Besonderheit ist auch, dass die Forscher eine – für das menschliche Auge unsichtbare – Gitterstruktur im Nanomaßstab auf die Brillengläser aufgebracht haben und sie so zum Lichtleiter umfunktioniert haben, in die das Bild eingespiegelt werden kann. Es bleibt also spannend.

VR-Brillen Fraunhofer-Institut: alltagstaugliche und dezente Datenbrille
Wir werden berichten und fordern Sie zwischenzeitlich auf, sich selbst im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild zu machen. Mit Smartphone und einer Papp-Brille geht das wirklich ganz einfach. Wir sind gespannt, was Sie in den Kommentaren erzählen und wie Ihre Meinung davon ist.

Weiterführende Links

Eine App zum Betrachten historischer Fotos:

https://play.google.com/store/apps/details?id=com.davidquaid.stereogramV2&hl=de

Ein Überblicksartikel zu Google Cardboard:

http://www.golem.de/news/apps-fuer-googles-cardboard-her-mit-der-pappe-1505-114075.html

Ein Überblick über verfügbare kommerzielle Datenbrillen:

https://vrodo.de/datenbrillen-vergleich/

Fotografische Anwendungen 10 / 2015

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