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Ein Blitz kommt selten allein

Blitzen gilt bisweilen als „Plan B“ in der Fotografie. Nach dem Motto: Wenn nicht genug Licht da ist, muss ich eben das Blitzgerät aufstecken. Doch das wird den Möglichkeiten der Blitzfotografie bei Weitem nicht gerecht. Denn das Gewitter aus der Fototasche hat noch ganz andere Aufgaben als nur die Sonne zu ersetzen. Und auch Kameras mit ISO 12.800 Empfindlichkeit, Bildstabilisator und Ausklappblitz kommen im Zweifelsfall nicht ohne den externen Helfer aus. Ganz im Gegenteil: Der Trend geht sogar zum Zweit- und Drittblitzgerät. Einige erhellende Antworten zu Fragen rund ums Blitzlicht:

Warum braucht auch eine superempfindliche Kamera mit Bildstabilisator ein Aufsteckblitzgerät?

Das fragt sich natürlich, wer schon einmal mit der höchsten ISO-Einstellung und Anti-Wackelautomatik bei Dämmerlicht aus der Hand fotografiert hat und genug Photonen für eine ordentliche Aufnahme eingesammelt hat. Aber oft ist nicht zu wenig Licht das Problem, sondern das falsche Licht, etwa, wenn es Menschen von hinten erhellt oder in Form von Lampenlicht unnatürliche Farben auf Gesichtern erzeugt. Das Blitzlicht bietet die Möglichkeit, die Beleuchtung eines Motivs direkt zu beeinflussen.

Die klassische Anwendung ist der Aufhellblitz, um bei grellem Tageslicht kontrastreiche Schatten in Gesichtern wegzuzaubern. Um es überspitzt zu sagen: Nur so kann man Menschen erfolgreich fotografieren, die mit dem Rücken zu einem Sonnenuntergang stehen. Moderne Kamera- und Blitzelektronik steuert dabei die passende Beleuchtung automatisch. Auch in Innenräumen ist es verlockend – und immer den Versuch wert –, ohne Blitz mit Bildstabilisator zu fotografieren. Das eingefangene Licht ist dabei aber immer die Summe aller Lichtquellen und Reflexionen: Glühlampenlicht mischt sich mit Kerzen und einem flackernden Fernsehbild, und das alles wird von Möbeln und Fußböden gestreut. Bisweilen kommt dabei braune Soße heraus, in die alle Menschen getaucht sind. Die Rettung: ein fein dosierter Blitz indirekt über die weiße Zimmerdecke.

Bildstabilisatoren haben der Available-Light-Fotografie eine neue Dimension erschlossen. Es ist immer wieder verblüffend, welche langen Belichtungszeiten man aus der Hand halten kann, ohne zu verwackeln. Aber die Anti-Wackel-Automatik kann nur das Zittern des Akteurs hinter der Kamera kompensieren. Wer vor der Linse nicht stillhält, wird trotzdem unscharf oder gar völlig verwischt erscheinen. Nur die Verwacklungsunschärfe lässt sich also vermeiden. Gegen die Bewegungsunschärfe eines Motivteils hilft nur ein Blitz, der die Situation einfriert. Das muss gar nicht starr oder totgeblitzt aussehen. Mit Techniken wie der Blitzfotografie mit langen Verschlusszeiten – vor allem „auf den zweiten Verschlussvorhang“ – lassen sich bewegte Objekte scharf ablichten und eine natürliche Umgebungsbeleuchtung sowie Dynamik mit einbeziehen.

Was kann ein externer Blitz, was ein eingebauter nicht kann?

„Deutlich weiter blitzen“ mag der erste Gedanke sein, der natürlich richtig ist. Aufsteckblitzgerät haben wesentlich mehr Power und fluten eine Turnhalle, wo für eingebaute Blitzgeräte in der Besenkammer Schluss ist. Aber jeder direkte Blitz hat den Nachteil, das näher stehende Objekte viel heller erscheinen als weiter entfernte. Dass ist vor allem bei Gesichtern unschön. Umklappbare Aufsteckblitzgeräte machen den indirekten Blitz über die Decke oder notfalls auch eine weiße Wand möglich. Das indirekte Licht ist weich und beleuchtet alle Menschen in einem Raum annähernd gleichermaßen.

Vor allem vermeidet der indirekte Blitz auch rote Augen, die dadurch entstehen, dass direktes Blitzlicht von der stark durchbluteten Netzhaut des Auges reflektiert wird. Und selbst bei direkt geblitzten Bildern schneiden Aufsteckblitzgeräte besser ab als die kleinen eingebauten Blitzlichter. Es ist nämlich auch wichtig, unter welchem Winkel zur optischen Achse das Blitzlicht einfällt. Je steiler, desto besser. Besonders hoch gebaute Blitzgeräte sind dabei im Vorteil gegenüber den Miniblitzen, die nahe am Objektiv sitzen. Externe Blitzgeräte müssen nicht einmal im Blitzschuh stecken, sondern können an Schienen in noch weiterem Abstand zünden. Dazu werden sie über Kabel ausgelöst.

Auch die vielen Einstellmöglichkeiten sprechen für den Aufsteckblitz. Hochwertige Geräte können ihren Abstrahlwinkel automatisch der Zoomstellung des Objektivs anpassen. Damit gibt es bei Weitwinkelaufnahmen keine dunklen Ecken, und bei Fotos mit Telebrennweiten wird das Licht gebündelt und so effizient genutzt. Die externen Kraftpakete können zudem manuell gesteuert werden, in der gehobenen Klasse auch im Stroboskop-Modus, bei dem einen Kaskade von Blitzen abgefeuert wird und etwa eine tanzende Person in mehreren Phasen ihres Bewegungsablaufs auf einem einzigen Bild erscheint.

Warum sollte man mit mehr als einem Blitzgerät fotografieren?

Weil es die Möglichkeiten der kreativen Lichtführung vervielfacht. Ein zweiter – auch ein dritter oder vierter Blitz – muss nicht mehr an die Kamera, und damit den Standort des Fotografen, gebunden sein. Diese Tochterblitzgeräte, auch Servoblitz und Slave-Blitz genannt, können frei im Raum aufgestellt werden und zünden durch das Blitzsignal des Hauptblitzgeräts („Master“). So können beispielsweise große und verwinkelte Räume ausgeleuchtet werden. Mehrere Blitzgeräte lassen sich auch in der Makro- und Studiofotografie kombinieren, um Motive frei von Schattenwurf zu beleuchten. Apropos Kombinationen: Systemblitzgeräte sind um praktische Helfer erweiterbar. Verschiedenes Zubehör, wie Reflektoren oder Diffusoren zum Aufstecken, formen das abgestrahlte Blitzlicht, streuen es für eine weichere Zeichnung oder färben es ein. Bei der Stromversorgung belasten externe Blitze nicht den Kameraakku, sondern ziehen ihren Saft aus eigenen Batterien.

Warum kann ein neues Blitzgerät als Ersatz für mein altes sinnvoll sein?

Im gravierendsten Fall deshalb, weil es nicht mehr voll kompatibel mit aktuellen Kameramodellen ist. Die Kamerahersteller haben die Blitzsteuerung in den letzten Jahren weiter verfeinert und teilweise neue Standards eingeführt. Ältere Blitzgeräte, die – salopp gesagt – nicht die neueste Sprache sprechen, können unter Umständen nur eingeschränkt verwendet werden. Aber auch die Fotografiergewohnheiten haben sich im digitalen Zeitalter geändert. Mit Film fotografierte man – und fotografiert man noch immer – wegen des Materialverbrauchs zurückhaltender. Inzwischen dienen viele Auslösungen rein dem Ermitteln der idealen Belichtung. Die Zahl der Auslösungen ist deswegen gestiegen und mit ihr die Zahl der Blitz-Zündungen. Die Einsatzdauer vieler moderner Blitzgeräte ist daher auf deutlich mehr Blitze ausgelegt als noch früher. Erst danach darf durch den natürlichen Abnutzungsprozess die Leistung der Blitzlampe nachlassen. Ob das alte Blitzgerät noch die volle Leistung entfaltet, kann man vom Kundendienst überprüfen lassen. Dadurch bekommt man in jedem Fall Gewissheit: entweder mit einem noch voll tauglichen Gerät so zu arbeiten, dass es Spaß macht. Oder besser in ein neues Blitzgerät zu investieren, das zudem die Möglichkeiten moderner Digitalfotografie voll ausschöpft.

Fotografieren in der Praxis 11 / 2011

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1 Kommentare

Jürgen Barry
24. November 2011, 15:11:38 Uhr

Auf dieser Site schau ich auch immer mal wieder rein... Gruss HP

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Blende, Porträts, Marius Uhlig

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Marius Uhlig, 16 Jahre