Bildleiste

Rolling-Shutter-Effekt - Fotografie

„Wo sind denn da die Zacken an den Sternen?“, fragte einst ein Besucher einer Sternwarte. Die Empörung des Gastes nach dem ersten Blick durch das große Teleskop ist seither ein Running Gag unter den Astronomen des Observatoriums. Mit einem durchaus ernsten Hintergrund. Das Bild der Menschen von den Sternen ist seit dem vergangenen Jahrhundert nämlich durch fotografische Aufnahmen geprägt und ein Paradebeispiel dafür, wie die Fotografie die Sicht auf die Welt verändert.

Die „Zacken“, die der Sternwarten-Besucher beim Live-Anblick vermutlich vermisste, nennen Astrofotografen „Spikes“: dünne Lichtfäden, die ein Kreuz um helle Sterne bilden. So wie man eben Sterne zu kennen glaubt. Doch die Strahlen sind nicht real, sie entstehen bei der Aufnahme mit bestimmten Teleskopen sozusagen als Bildfehler. In vielen Fernrohren sind zum Beispiel Umlenkspiegel an dünnen Streben im Strahlengang befestigt. Das bekannteste Design dieser Art ist das so genannte Newton-Teleskop. In seinem Tubus halten meist vier Metallstreben kreuzförmig einen kleinen Spiegel. Passiert nun das Sternenlicht die Halterungen, kommt es zum Effekt der Lichtbeugung. Die Folge: Die Streben zeichnen sich als „Spikes“ an den hellsten Sternen ab.

Teleskope ohne solche Halterungen, also im Prinzip jedes Linsenfernrohr, zeigen den Effekt nicht. Aber eben weil sich Generationen an den Anblick der Zacken gewöhnt haben, tricksen manche Astrofotografen, die mit Linsenfernrohren arbeiten. Sie spannen vor die Frontlinse Drähte oder Angelschnüre, um die Beugungserscheinung zu provozieren und aus ihrer Sicht ästhetischere Aufnahmen zu machen. Ringförmig angeordnete „Spikes“ entstehen um Sterne übrigens auch bei Fotoobjektiven, wenn sie abgeblendet werden. Dann ragen die Blendenlamellen in den Strahlengang. Durch die Lichtbeugung bekommt jeder helle Stern einen kleinen Strahlenkranz, und für jede Lamelle gibt es eine Zacke. Das sieht recht natürlich aus, ist aber auch ein Bildfehler und zeigt, wie die Fotografie unsere Wahrnehmung beeinflusst.

Wie auch beim nächsten Beispiel, das fast ebenso bekannt ist und eigentlich auch auf unerwünschten Effekten bei der Aufnahmen gründet. Fotografiert man im spitzen Winkel gegen die Sonne oder eine andere Lichtquelle, so entstehen auf dem Bild oft einigermaßen kreisförmige Flecken in allen möglichen Farben. Teilweise bildet sich von der Sonne ausgehend eine ganze Reihe größerer und kleinerer Flecken. Dabei handelt es sich um Linsenreflexionen, auch Lens Flares genannt, an den vielen Glasflächen im Inneren eines Objektivs. Sie gehen oft mit einer Verschlechterung der Brillanz des Fotos einher.

Die meisten Fotografen versuchen, die Reflexionen zu vermeiden, indem sie einen geeigneten Winkel zu Sonne suchen und das Objektiv mit einer Streulichtblende versehen. Aber offenbar haben sich Generationen von Menschen an die Lens Flares auf Fotos und in Videos gewöhnt, so dass inzwischen Bildbearbeitungsprogramme Effektfilter besitzen, um die Reflexions-Flecken künstlich einzufügen. Und sogar in Animationsfilmen oder Computerspielen tauchen bei Schwenks der Perspektive an der Sonne vorbei aus dem Nichts Lens Flares auf, die dort technisch gesehen nicht sein müssten und nur eingefügt wurden, um dem Betrachter die Welt so zu zeigen, wie er sie über die Fotografie kennengelernt hat.

Solche Imitationen des fotografischen Blicks sind keine Mode des 21. Jahrhunderts. Plakat- und Comiczeichner des 20. Jahrhunderts malten Rennautos oder Motorräder gerne mit oval verzerrten Reifen, um Geschwindigkeit auszudrücken. So wie die flotten Gefährte auch auf Fotos jener Zeit aussahen, wenn diese mit einer Kamera mit einem vertikal ablaufenden, langsamen Schlitzverschluss besaß. Der führte bei bewegten Motiven dazu, dass sie sich schief über das Bild gezogen abzeichneten. Vor allem an den runden Rädern merkte man die Veränderung durch den so genannten Rolling-Shutter-Effekt (auch Skew-Effekt).

Mit immer schnelleren Verschlüssen verschwanden die eiernden Räder aus der Fotografie – und weitgehend auch aus Ilustrationen. Heutzutage kehrt der Effekt in anderer Form übrigens wieder zurück, da manche Kamerasensoren zeilenweise ausgelesen werden. Dabei verändert sich ein schnell bewegtes Motiv, bevor das Bild fertig ist. Moderne Klassiker sind Flugzeugpropeller oder Standventilatoren. Mit bestimmten CMOS-Sensoren fotografiert oder gefilmt, wirken die Ergebnisse bizarr: Propellerblätter stehen senkrecht in Reih’ und Glied oder schweben deformiert durch die Luft, scheinbar ohne Verbindung zum Flugzeug.

Fotografieren in der Praxis 05 / 2011

Bewerten 101

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren






* Diese Felder müssen ausgefüllt werden

Verzerrte Rotorblätter durch den Rolling-Shutter-Effekt eines mechanischen Schlitzverschlusses

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Rolling-Shutter-Effekt Rotorblätter durch den Rolling-Shutter-Effekt eines mechanischen Schlitzverschlusses"

Rolling-Shutter-Effekt eines digitalen CMOS-Bildsensors. Der relativ zur Kamera in Ruhe befindliche Außenspiegel erscheint unverzerrt.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Rolling-Shutter-Effekt eines digitalen CMOS-Bildsensors. Der relativ zur Kamera in Ruhe befindliche Außenspiegel erscheint unverzerrt.&