Fotografie - Die Frage aller Fragen: Was ist ein gutes Foto?

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© Blende, Günther Kutz, Tropfenspeicher

Moderne Kameras haben dem Fotografen fast alle wichtigen Entscheidungen abgenommen. Wenn der Besitzer es so will, legt die Kamera die Belichtungszeit, die Blende, den Schärfebereich und sogar den Auslösezeitpunkt fest – etwa in dem Moment, in dem das Gesicht vor der Kamera lächelt. Eines haben die Kameras allerdings noch nicht an Bord: die viel zitierte „Motivklingel“, also eine Automatik, die dem Fotografen ansagt, dass sich gleich ein tolles Foto ergeben wird. Das liegt womöglich weniger an mangelnder Ingenieurskunst, sondern eher daran, dass der Mensch selbst kaum verbindlich definieren kann, was eigentlich ein „gutes Foto“ sein soll.

Ein großer Teil des Problems rührt daher, dass in der Fotografie zwei grundsätzliche Aspekte zusammenkommen: der rein technische und der des Ausdrucks. Technisch gesehen, kann man eine Aufnahme gut oder schlecht anfertigen und das einigermaßen objektiv messen und beurteilen. Bei einem Sujet mit klarer Funktion und ohne künstlerischen Anspruch – nehmen wir Biometrie-optimierte Porträtfotos für den Personalausweis – kann man sagen, dass das Gesicht korrekt belichtet und scharf abgebildet ist. In dem Fall ist das ein objektives Gütekriterium. Ein verhunztes Passbild lehnt die zuständige Behörde eh ab. Punkt.

Wie ist das aber mit stilisierten Porträts desselben Kopfes? Wenn nur auf ein Auge scharf gestellt wird? Wenn ein Wischeffekt durch ein Bewegen des Kopfes hinzukommt? Eine extrem dunkle (Low Key) oder helle (High Key) Belichtung? Softfilter oder grober Kornfilter? Mit Messversuchen kommt man dann nicht mehr weit. Vielmehr tritt bei diesem Aspekt des Ausdrucks die Objektivität in den Hintergrund und weicht der Frage, was ein Bild beim Betrachter emotional auslöst. Weil Fotografie viele Funktionen hat wie unter anderem dokumentarische und künstlerische, wiegt die subjektive Betrachtung mal mehr und mal weniger schwer. Ein Geologe, Archäologe oder Agrarwissenschaftler wird eine Landschaft immer anders fotografieren als ein Fotograf mit künstlerischem Anspruch. Erstere wollen technisch präzise und neutral abbilden, was zu sehen ist. Letzterer interpretiert das Motiv, setzt Akzente durch bewusst gesetzte Schärfe, die Belichtung und die Lichtstimmung.

Zehn ambitionierte Fotografen werden ein und dieselbe Landschaft völlig verschieden wahrnehmen und folglich auch anders fotografieren. Wer einmal einen Clubabend in einem Fotoclub miterlebt hat, bei dem Landschaftsaufnahmen der letzten Exkursion auf die Leinwand projiziert werden, dem ist eine Diskussion nach diesem Schema nicht fremd: „Also, ich hätte es eine halbe Blende knapper belichtet.“ – „Aber dann hast Du keine Zeichnung mehr in dem Schatten da unten. Besser wäre es gewesen, fünf Minuten zu warten, bis die Sonne tiefer steht.“ – „Ich hätte die Sonne mehr in den Goldenen Schnitt gesetzt.“ Selbst in Gestaltungsfragen bricht gerne die Diskussion aus, ob ein Bild gut oder schlecht oder zumindest verbesserungswürdig ist. Es gibt nämlich ein paar Grundregeln der Bildgestaltung, die aber oft nicht als das verstanden werden, was sie sind: eine unverbindliche Sammlung von teilweise jahrhundertealten Erfahrungen, was der Mensch in bildlichen Darstellungen als ansprechend empfindet. Was sie aber nicht sind: Garanten dafür, dass danach komponierte Bilder „gut“ sind im Sinne von emotional berührend.

An dieser Stelle ist es bei diesem Thema an der Zeit, Andreas Feininger zu zitieren. Der Altmeister der Fotografie schrieb in seiner „Großen Fotolehre“: „Die Tatsache, dass eine (im konventionellen Sinn) technisch fehlerhafte Fotografie gefühlsmäßig wirksamer sein kann als ein technisch fehlerloses Bild, wird wahrscheinlich auf jene schockierend wirken, die naiv genug sind, zu glauben, dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos ausmachte.“ Autsch! Eine Abrechnung mit Prinzipienreitern und eine Ermunterung an alle Fotografen, auch einmal Konventionen zu brechen. Das bedeutet nicht, dass Konventionen sinnlos sind und jeder einfach alles knipst, wie es ihm gefällt, und es danach zur Kunst erklärt. So einfach ist es nicht. Es geht darum, sein Handwerkszeug zu beherrschen und im Idealfall natürlich technische Perfektion und emotionales Moment zu vereinen. Aber im Zweifel muss die Technik zurückstecken, wenn es die Situation verlangt – um Außergewöhnliches zu schaffen.

Der World-Press-Photo-Wettbewerb ist vielleicht der bedeutendste Fotowettbewerb der Welt. Wer die prämierten Meisterwerke betrachtet, wird zweierlei feststellen: Einige sind technisch nicht perfekt. Aber man bekommt die Bilder sprichwörtlich nicht mehr aus dem Kopf. Solche Aufnahmen vermitteln mehr als eine Bildinformation; sie erzeugen ein Gefühl. Gute Fotos sind die, welche die Magie des Moments einfangen. Gute Fotos schaffen Nähe. Gute Fotos sprechen nicht nur den Geist an, sondern auch das Herz. Gute Fotos bleiben im Gedächtnis haften.

Das führt zu einem weiteren Aspekt, vielleicht dem wichtigsten: dem Standpunkt des Betrachters. Dessen Perspektive ist immer subjektiv und hochgradig von seinem persönlichen Hintergrund geprägt. Wer eigene Kinder hat, betrachtet Kinderbilder ganz anders. Von der Nahaufnahme der Vogelspinne ist der Eine begeistert, der Andere zu Tode erschrocken. Unter tausend Sonnenuntergängen geht derjenige ans Herz, den man im letzten Traumurlaub selbst erlebt hat. So kann man zumindest im privaten Umfeld die Frage einigermaßen zufriedenstellend beantworten, was denn ein gutes Bild sei: Eines, das man immer wieder gerne betrachtet, weil es den Zauber des Augenblicks konserviert, in welchem es aufgenommen worden ist.

Fotografieren in der Praxis 02 / 2016

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3 Kommentare

...den Zeitgeist nicht zu vergessen...

von Lutz Klapp
24. Februar 2016, 14:37:10 Uhr

kurz und bündig: ein Artikel, der es auf den Punkt bringt, danke an den verfasser.

von Reiner Borner
24. Februar 2016, 11:56:27 Uhr

Für mich gibt es ebenfalls mehrere Möglichkeiten. Im Zeitalter von iPhone ist es auch nicht mehr nur das klassisch scharfe Bild. Es kann sein a.) Ein gut gestaltetes Motiv, bei dem man auf den ersten Blick sieht, dass es nicht nur "geknipst" wurde. b.) Ein emotionales Bild, das einen so beeindruckt, dass die Gestaltung in den Hintergrund rückt c.) Ein Motiv das nicht schon 1000x bei einem Wettbewerb in gleicher Art aufgetreten ist. d.) iPhone-Bilder, welche durch diverse Presets plötzlich nicht mehr "normal" aussehen sondern künstlerisch. e.) Zeitgemäße Bilder, welche ein Thema völlig neu umsetzen und eben Motive aus der heutigen Zeit zeigen. Letztendlich ist es aber das Photo, das mich nicht nur auf Facebook überzeugt sondern auf einem Print ab 30x40 cm. Das heisst, Motiv und das richtige Papier verschmelzen zu einer Einheit. Das ist "DAS GUTE FOTO".

von Detlev Motz
24. Februar 2016, 09:45:24 Uhr

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