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Wenn andere arbeiten - Fotografieren auf dem Fischmarkt

Bei Hamburg-Touristen steht das Nordseekrabbenbrötchen auf dem Fischmarkt ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Es gibt aber auch ein Leben abseits von Klischee und Postkartenidyll: das wirkliche Leben. Arbeitende Menschen, der Geruch einer frischen Garnele, zehntausendfach verstärkt, Kälte, helles Neonlicht: Ein Besuch auf einem großen Fischmarkt ist ein Erlebnis, das lange vorhält. Zumindest so lange, bis alle Kleidungsstücke gewaschen sind - da riechen selbst die Bilder noch Wochen später nach Fisch.

Schick ist gar nichts am New Fulton Fishmarket in der New Yorker Bronx. Das meiste Flair hat der Umschlagplatz für Meeresfrüchte aller Art an seinem alten Standort am South Street Seaport in Manhattan zurückgelassen. Jetzt wird alles - von der Krabbe bis zum Thunfisch - in einer einzigen, riesigen Halle umgeschlagen. Der New Fulton Fishmarket ist nach Tokio der zweitgrößte der Welt, Besucher sind nicht zugelassen. Wer rein möchte, muss an der Zufahrt die Frage „Verkäufer oder Käufer?“ beantworten. Das Tagesticket für Fischkäufer kostet 2,50 Dollar, los geht’s um 1 Uhr. Der Markt ist gut mit dem Bus zu erreichen, wer den Fahrer bittet, wird an der Zufahrt rausgelassen, die Haltestelle ist am anderen Ende des Gebäudes, am Mitarbeiterzugang. Mitten in der Nacht sind ohnehin kaum Fahrgäste im Bus.

Die Halle ist riesig, drinnen sehen die 37.000 Quadratmeter noch größer aus als von außen. Was also fotografieren? Hier werden kaum einzelne Fische verkauft, hellgraue Kisten stapeln sich entlang des Mittelgangs, einzelne Fische liegen obenauf. Der Fremde mit der Kamera fällt sofort auf, wird angelächelt. Eine Uniformierte von der Marktaufsicht wird später kommen und verkünden, dass Fotografieren aus Sicherheitsgründen verboten sei. Und dann wird sie weitergehen, während die Arbeiter sich halb totlachen über den Hinweis und den Fotografen auffordern, weitere Bilder zu machen.

Tief durchatmen ist also erst einmal angesagt, am besten am Rand, schließlich fahren in der Mitte viel zu viele elektrische Wagen, die den verkauften Fisch wegschaffen. Die Fahrer hupen freundlich und bremsen, bevor sie den Fremden überfahren. Nach einigen Minuten hat sich die Nase an den Geruch gewöhnt, den Geruch von frischem Fisch in hunderten Kartons. Es ist kalt in der Halle, die Ware liegt auf Eis, im Winter wird nicht geheizt, im Sommer klimatisiert.

Die riesige Halle verlangt nach einem Eyecatcher. Eine Übersichtsaufnahme wäre langweilig, obwohl leicht zu machen. Am Rand führen steile Treppen zu Büros im Obergeschoss. Der Mittelweg ist aber zu breit, die Halle zu aufgeräumt. Nah ran an die arbeitenden Menschen, das Motiv, ist also angesagt. Fragen, ein paar Worte wechseln, keiner lehnt ab. Manche filetieren extra langsam für den Fotografen, halten Muscheln, Krabben und Garnelen vors Objektiv. Zwischen den Kisten ist es eng, der Boden ist nass und da soll bitte nicht gerade die Kameratasche landen, die dann später wieder an Hose, Pullover oder Jacke streift.

Arbeitende Menschen, kaltes Neonlicht, wie geschaffen für Schwarzweißaufnahmen. Eine hohe Empfindlichkeit muss sein, bei 1/60 Sekunde und Blende 4 reichen die 3.200 des Films gerade so aus. Ein passendes Korn wird später die Bilder noch realistischer erscheinen lassen. Von ganz nah fotografiert, mit extremem Weitwinkel rücken die Menschen in den Vordergrund, hier und da ein Fisch, die Atmosphäre ist wie geschaffen dafür: nüchtern, kalt, industriell und doch voller Leben.
 

Fotografieren in der Praxis 05 / 2009

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Fotografieren auf dem Fischmarkt, Moritz Maler

Moritz Maler

Fotografieren auf dem Fischmarkt, Moritz Maler

Moritz Maler